Himmel & Elbe

„In die Augen schauen, wahrnehmen“

Christiane Hartkopf leitet das Alimaus, eine Tagesstätte für Obdachlose.

Christiane Hartkopf leitet das Alimaus, eine Tagesstätte für Obdachlose.

Foto: Roland Magunia / HA

Im aktuellen Magazin „Himmel & Elbe“ geht es um Würde und den Umgang damit im Alltag. Filmtipps für die Familie an Regentagen.

Hamburg. Christiane Hartkopf leitet die Alimaus am Nobistor, eine Tagesstätte für Obdachlose und Bedürftige. Jeden Tag besuchen rund 300 Menschen die katholische Institution. Hier schreibt sie über ihren Alltag:

Das Leben auf der Straße hat wenig Würdevolles. Die Menschen haben keine Privatsphäre, die respektiert wird, sitzen häufig auf dem Boden, man schaut auf sie hinab. Manchmal werden sie bedauert, immer öfter aber werden sie beschimpft, bedroht und angegriffen. In der Alimaus wird jeder Gast beim Hereinkommen persönlich begrüßt, wir schauen ihm in die Augen und nehmen ihn wahr. Wir verlangen keinerlei Nachweis einer Bedürftigkeit. Ob aus finanzieller Not oder aus Einsamkeit, jeder Mensch, der zu uns kommen möchte, ist uns willkommen.

Obdachlose gehen mit Würde durchs Leben

Alle unsere Angebote sind kostenfrei und anonym zu nutzen. Sei es das Essen, die Kleiderausgabe oder die medizinische Versorgung. Jeder Gast kann selbst entscheiden, wie viel er von sich preisgeben möchte. Besucht uns ein Gast zum ersten Mal, wird er selbstverständlich gesiezt. In den allermeisten Fällen gehen unsere Gäste von sich aus zum persönlicheren „Du“ über.

Es stehen Blumen auf den Tischen, Mitarbeiter servieren das Essen. Es gibt immer eine Wahlmöglichkeit zwischen einem vegetarischen und einem fleischhaltigen Essen und verschiedenen Salaten. Der Anspruch unserer Küche ist es, dass das Essen nicht nur sättigen, sondern auch gut aussehen und schmecken soll. Denselben Anspruch haben wir an die Kleidung, die wir ausgeben. Fleckige oder kaputte Kleidung schmeißen wir weg. Mit alldem möchten wir ausdrücken, dass jeder, der zu uns hereinkommt, für uns genauso wertvoll ist wie Menschen mit einem „normalen“ Leben.

Es überrascht uns, mit welcher Würde viele unserer Gäste durch ihr Leben gehen. Sie begegnen uns mit Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, versuchen das Positive an einem Tag zu sehen, obwohl sie alles, ihre Arbeit, ihre Familie, ihr Zuhause, verloren haben.

Bedürfnis, sich nützlich zu machen

Zu einem würdevollen Umgang ­gehört für uns auch, dass wir Hilfsangebote unserer Gäste annehmen. Manch einem ist es ein Bedürfnis, sich nützlich zu machen oder etwas zurückzugeben. Sei es schwere Säcke voller Kleiderspenden ­auszuladen oder uns von einem Termin in der Beratungsstelle neue Flyer mitzubringen.

Obdachlose Menschen haben zudem die Möglichkeit, bei uns zu duschen und sich mit frischer Wäsche zu versorgen. Der Effekt, dass man sich nach einer Dusche und in sauberer Kleidung wenigstens wieder ein bisschen wohler in seiner Haut fühlt, ist immer deutlich zu sehen. Ab ­Januar dieses Jahres arbeiteten wir zum ersten Mal auch auf der Straße. Bis zum 7. April fuhren täglich Mitarbeiter am Abend mit unserem Kältebus durch die Stadt, boten den Transport in eine Notunterkunft an oder, wenn das nicht gewünscht war, versorgten die Menschen mit Schlafsäcken und Decken. Wenn die Mitarbeiter einen Menschen auf seiner Platte ansprachen, taten sie das auf ­Augenhöhe und begaben sich in die Hocke. War der Mensch gut versorgt, blieb man auch noch auf einen kleinen Plausch.

Mitarbeiter bekamen Blumen geschenkt

„Und ihr seht jetzt hin und wieder nach uns?“ Viele reagierten zunächst ungläubig, dass es Menschen gibt, die bei dem ungemütlichsten Wetter bis Mitternacht durch die Stadt fahren, durch zugige S-Bahnhöfe laufen, nur um nach ihnen zu schauen und dafür zu sorgen, dass sie heil durch die Nacht kommen. Einige Mitarbeiterinnen bekamen zum „Dank fürs Kümmern“ Blumen von den obdachlosen Menschen überreicht.

Mit der wichtigste Teil unserer Arbeit bleibt das Gespräch. Mal lustig, mal ernst. Zwischen Mitarbeiter und Gast entwickeln sich nicht selten sehr herzliche Beziehungen – eine Selbstverständlichkeit im Umgang, als würde man nicht in unterschiedlichen Welten leben.