Abendblatt-Kirchenbeilage

Sieben Tage ohne: Wie man durch Fasten und Verzicht gewinnt

Pastorin Melanie Kirschstein in der Kirche der Stille. Sie ging zum Schweigen ins Kloser

Pastorin Melanie Kirschstein in der Kirche der Stille. Sie ging zum Schweigen ins Kloser

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Wie ist das, eine Woche zu schweigen oder auf Spielzeug zu verzichten? Mehr Fastenideen im neuen Magazin "Himmel & Elbe".

Melanie Kirschstein ist Pastorin in der Kirche der Stille in Altona und sucht immer mal wieder eine Auszeit. Diesmal war sie im Kloster Bursfelde und schreibt über ihre Erfahrung, eine Woche lang zu schweigen:

Meine Freundin sagt, das könnte sie überhaupt nicht aushalten. Meine Kinder schütteln den Kopf: eine Woche nicht reden, kein Handy, keine abendliche Serie. Mama ist verrückt geworden … Aber ich freue mich und möchte keinen Palmenstrand und kein Nobelhotel eintauschen gegen die Schweige-Woche im Kloster. Schon bei dem Gedanken entspannt sich meine Seele. Als würde sie sagen: Endlich hast du einmal Zeit, mir in Ruhe zuzuhören! Habe schon gedacht, du hast mich total vergessen in diesem Stress. Beseelt ist echt was anderes …! Als ich ankomme, dämmert es.

Hier ist die neue Ausgabe von Himmel & Elbe

Die Glocke ruft zum Abendgebet in die mehr als 900 Jahre alte romanische Kirche des Klosters Bursfelde an der Weser. Kerzenlicht flackert über die Mauern, sonst ist es dunkel und so kalt, dass man den Atem sieht. „Gott segne dein Schweigen!“ Wir geben den Segen weiter und entlassen uns in eine andere Zeit, in einen anderen Raum. Schweigen gibt der Seele Raum, um zu sich zu kommen.

Eine Woche wortlos im Kloster Bursfelde an der Weser

Unsere Kirche der Stille in Altona lädt deswegen jeden Abend von Montag bis Freitag um 18 Uhr zur „Atempause“ ein, eine halbe Stunde, um durchzuatmen und still zu werden. Manchmal kommen Schülergruppen in diese besondere Kirche. „Ich wusste gar nicht, dass man so viel Mut braucht zum Schweigen“, sagte neulich einer von ihnen. Er spürte plötzlich, wie unruhig er war. Oft haben wir schon zum Handy gegriffen oder hetzen zum nächsten Termin und merken gar nicht, wie es uns wirklich geht. Wir überhören die Signale unserer Seele und verschließen uns gegen innere und äußere Not. Die Abarbeitung von To-do-Listen lässt kaum Zeit, zur Besinnung zu kommen.

Wer schweigt, lauscht auf die leisen Stimmen unter der lauten und schnellen Oberfläche und riskiert etwas zu hören, das erst einmal unbequem ist, hart erscheint, traurig oder hoffnungslos. Wer still wird, hört innere Fragen nagen. Wer sich Zeit nimmt, nichts zu tun, fühlt plötzlich wieder, was unter der Oberfläche brodelt. Statt der Kopfschmerzen stellt sich vielleicht eine Traurigkeit ein, und der Druck im Magen trägt den Namen der Wut, die ich neulich runtergeschluckt hatte, weil keine Zeit war.

„Sie wissen, das ist keine spirituelle Wellness-Veranstaltung“, wurden wir denn auch begrüßt, und unter „Voraussetzungen“ steht im Programmheft des Klosters „psychische Stabilität“. Schweigen ist nichts für Feiglinge. Es bedeutet unweigerlich, den Dingen auf den Grund zu gehen. Darum gehört zum Klosterschweigen das Angebot, eine halbe Stunde am Tag mit jemandem zu sprechen, der etwas vom Leben versteht – und natürlich der Schweigepflicht unterliegt. Was für ein Luxus und was für ein anderes, tieferes Reden, das aus der Stille auftaucht. Die Worte sind weniger dahergeredet, kommen eher aus dem Herzen. Es ist heilsam, das Erlauschte auszusprechen oder auch aufzuschreiben.

Beste Ideen kommen aus der Stille

Neben meinem häuslichen Meditationskissen liegt darum ein kleines Büchlein für Notizen und Ideen. Tatsächlich werden meine besten Ideen im Schweigen geboren. Und ja, ich schweige nicht nur im Kloster, sondern auch zu Hause. Ich stehe dafür mindestens eine halbe Stunde früher auf. Dann trinke ich Tee und tue nichts anderes, als still zu werden und nach innen zu lauschen auf das, was ist und werden will. Lebensentscheidungen und Fragen, die ich nicht beantworten kann, stelle ich vor mich hin. Die Stille am Morgen gibt mir tatsächlich Kraft, macht mich gewissermaßen „selbst-bewusster“.

Das ist auch die Erfahrung einer stillen Woche im Kloster. Der Mut wird belohnt. Die Seele atmet auf, wenn sie Gehör findet, und ich fühle mich lebendig, aufgeräumt, mit mir selbst im Reinen. Ich bin mehr bei mir im Hier und Heute. Natürlich wird hier auch gebetet, aber keinesfalls immer auf klassische Art. Schön und nützlich finde ich zum Beispiel das „5-Finger-Gebet“, das eher einer Selbstbesinnung gleicht, die ich zu Hause mal probieren will. Zu jedem Finger gehört eine Frage wie: Wofür bin ich dankbar? Was bereue ich? Was ist mir heilig oder was kommt zu kurz? Wichtig ist ein liebevoll-wahrhaftiger Blick auf sich selbst. Schweigen lehrt mich meine Grenzen, lehrt mich Demut und Dankbarkeit. Lehrt mich aushalten, was ich nicht ändern kann, und dennoch hoffen.

Am letzten Abend lehne ich mich an die alte Säule und fühle mich getragen, verbunden und nah. Mir selbst, dem Leben und den anderen auch. Ohne Worte.

Wenn der Verzicht auf Plastik zum Fulltime-Job wird

Der Abendblatt-Redakteur Heiner Schmidt verzichtete eine Woche lang auf Plastikverpackungen: Eine Woche lang lebte ich nach den Grundsätzen: Es wird nichts gekauft, was in Packungen aus oder mit Kunststoff steckt. Und keines solcher Produkte und Lebensmittel, die schon im Haushalt sind, wird benutzt oder verbraucht. Es war ein Test, ein Selbstversuch, über den ich, in der Woche des Verzichts, im Abendblatt ein Tagebuch in sieben Teilen schrieb.

Es erzählt davon, wie schwierig ein Leben ohne Plastik ist. Das fängt schon morgens im Badezimmer an. Die Zahnpasta, das Duschgel, das Shampoo – alles in Plastik. Die Zahnbürste hat einen Kunststoffgriff und war einst von Plastik umhüllt. Der Einwegrasierer auch. Und die Wattestäbchen? Natürlich auch mit Plastik.

Beim Frühstück wird es nicht besser. Fast alle Lebensmittel sind in Kunststoff verpackt – und deshalb verboten. Wer darauf tatsächlich verzichtet, steht hungrig vom Küchentisch auf. Und wer an einem Grillfest teilnimmt und den Plastikverzicht konsequent durchhalten will, hat wirklich nicht viel Spaß.

Am Ende dieser Woche standen zwei wesentliche Erkenntnisse: Als Verbraucher kann man Plastikverpackungen praktisch kaum entgehen. In normalen Super-, aber auch in Biomärkten ist die große Mehrzahl der Lebensmittel immer noch in oder mit Kunststoff verpackt. Wer das nicht will, geht von dort mit einem ziemlich leeren (Stoff-)Einkaufsbeutel nach Hause. Denn viele Lebensmittelhändler lehnen es weiterhin ab, Wurst und Käse an der Frischetheke in Transportboxen zu legen, die der Kunde selbst mitgebracht hat. Viele Wochenmarkthändler – auch das zeigte der Selbstversuch – sind da viel offener. Und die meisten Grundnahrungsmittel kann man mittlerweile in den sogenannten Unverpackt-Läden kaufen.

Plastikfreie Alternative: Das kostet Zeit

Die zweite Erkenntnis lautet: Wenn man intensiv sucht, findet sich für viele Dinge des täglichen Bedarfs – zumindest in Hamburg – dann doch eine komplett oder wenigstens fast plastikfrei verpackte Alternative. Aber die ist oft teurer und nur mit höherem Zeitaufwand zu beschaffen. Vor und nach der Arbeit ist das für einen Vollzeit-Angestellten kaum möglich.

Hygiene-Artikel zum Beispiel: Wenn man sich etwa in einem Budnikowsky-Drogeriemarkt intensiv umschaut oder in das Unverpackt-Geschäft in der Rindermarkthalle (St. Pauli) geht, gibt es durchaus Alternativen: Zahncreme in der Glasflasche mit Metallschraubverschluss, ein Deostift in 100 Prozent Recyclingpapier, ein Stück Haarwaschseife in Papier, aus der sich auch Rasierschaum bereiten lässt, und Toilettenpapier, das ausnahmsweise nicht in Plastik gehüllt ist. Das kostet pro Rolle dann aber auch gleich 2,20 Euro. Die Zahnpastaflasche enthält 125 Gramm und ist 6,95 Euro teuer. Der Deostift schlägt mit 7,95 Euro zu Buche und ist damit ebenfalls fünf- bis siebenmal teurer als üblich. Die teure Haarseife? Macht die Haare leider strohig.

Was ist fast acht Monate nach diesem sehr intensiven Experiment bei mir geblieben? Haben sich das Alltagsleben und das Einkaufsverhalten bei mir wesentlich und dauerhaft verändert? Ja und Nein. Nein, weil dann doch oft die Bequemlichkeit siegt und es zu lästig ist, mit der Wurst- und Käsebox auf den Wochenmarkt zu gehen. Ja, weil das Nachdenken darüber, ob es unbedingt notwendig ist, ein in Plastik verpacktes Produkt zu kaufen, viel häufiger vorkommt als bisher. Und häufiger lautet die Antwort: Nein. Wenn dann doch Plastikmüll anfällt, wird er möglichst so weit vom anderen Müll getrennt, dass er mit recycelt oder zumindest wenig umweltschädlich entsorgt werden kann.

Das ist wahrscheinlich weniger, als viele andere schon tun. Aber es ist ein Anfang. Den großen Berg eines Alltags ganz ohne Plastikverpackungen im ersten Aufstieg zu erklimmen war ohnehin unrealistisch. Die ersten Etappen aber sind geschafft.

Spielzeugpause in der Kita – kreativer, weniger Streit

In der evangelischen Kita St. Georg verzichteten die Erzieherinnen im vergangenen Jahr knapp zwei Wochen auf sämtliches Spielzeug. Welche Erfahrungen Kinder und Betreuerinnen in dieser Zeit machten, berichtet Kita-Leiterin Sonja Folkerts-von Nethen:

Wir planten ein gruppenübergreifendes Projekt und sammelten im Team Vorschläge. Weil es gerade die Zeit vor Ostern war, dachten wir in Richtung Fasten, da brachte eine Mitarbeiterin die Idee vom Verzicht auf Spielzeug ein. Angesichts der Fülle an Spielsachen in unserer Kita waren alle sofort einverstanden, das mal auszuprobieren. Die Erzieherinnen der einzelnen Gruppen – von den Krippenkindern bis zu den Elementarkindern haben wir vier – entschieden jeweils selbstständig, wie sie die Idee umsetzen wollten. Eine Gruppe verzichtete nur auf die Gesellschaftsspiele, in anderen Gruppe wurde auf alle vorgefertigten Spielzeuge verzichtet: vom Auto über Schienenbauklötze bis zu Duplo- und Lego-Bausteinen. Übrig blieben Decken, Tücher oder Kartons, Bücher und Malutensilien. Auch die Sandspielzeuge für das Außengelände wie Eimer und Schaufeln wurden in den Keller gebracht.

Nicht alle Erzieherinnen haben in ihren Gruppen die Aktion vorher angekündigt, sondern wollten erst einmal die Reaktion der Kinder abwarten und es ihnen auf Nachfrage erklären. Manche Kinder haben sofort gemerkt, das etwas fehlt. Anderen war auch nach 14 Tagen noch nicht aufgefallen, dass die Spielsachen weg waren.

In einer Gruppe erklärten die Erzieherinnen, dass man mal eine Spielzeugpause machen wolle. Bei dieser direkten Ansprache kam prompt Protest. Die Kinder fanden das „blöd“ und „doof“. Auch in den anderen Gruppen beschwerten sich die Kindern nur, wenn man sie direkt dazu fragte. Aber im Alltag zeigte sich, dass sie die Spielsachen scheinbar gar nicht vermissten. Sie waren sehr kreativ, bauten sich mit Decken und Tüchern Höhlen, machten mit Löffeln Musik oder formten aus zerknülltem Papier Bälle.

Auch auf dem Außengelände nutzten sie das, was da war. Sie spielten mit Stöcken und Ästen, ein Kind fand eine tote Hummel, die wurde mit Blättern beerdigt. Immer hatten sie zuerst eine Idee, dann haben sie das Material dazu gesucht. Sie erfanden auch viele Rollenspiele. Interessant war dabei zu sehen, dass die Kinder mal mit anderen aus der Gruppe und nicht mehr nur mit ihren üblichen Spielpartnern gespielt haben, weil es sich einfach so ergab. Die Erzieherinnen hatten sich eigentlich auf mehr Stress bei der Aktion eingestellt. Aber alle waren verblüfft, dass es viel ruhiger war, dass sie die Kinder besser begleiten konnten und weniger reglementieren mussten. Die Kleinen zeigten mehr Ausdauer beim Spielen und hatten offensichtlich keine Langeweile.

Auch wenn sie das, ebenfalls nur auf Nachfrage, behaupteten. Wir haben in den Gruppen zwei- bis dreimal über die Aktion gesprochen. Unser Ziel war es, mit ihnen gemeinsam zu überlegen, was wir haben, was wir brauchen, worauf wir vielleicht verzichten können. Bei der Frage, was sie am meisten vermissten, kam häufig die Antwort: Lego und Duplo-Steine. Überraschend war für uns, wie einige Kinder von sich aus feststellten, dass es ohne die Spielsachen weniger Streit gibt.

Zum Ende kam am Gründonnerstag unsere Pastorin in die Kita. Sie ging nach dem Lesen der Ostergeschichte kindgerecht auf das Fasten ein, fragte die Kinder, ob sie Menschen kennen, die auch eine Zeit lang auf etwas verzichten, und erklärte, dass das Fastenbrechen besonders gefeiert wird, etwa mit einem Gottesdienst.

Der Spielzeugverzicht war für alle eine positive Erfahrung, auch die Eltern fanden es gut. Unser Fazit ist: „Weniger Spielzeug ist mehr.“ Deshalb haben wir auch erst allmählich die Spielzeuge wieder in die Gruppen gegeben. Manche Spielsachen sind immer noch im Keller. Wir tauschen sie rotierend aus. Und wir werden die Aktion in diesem Jahr wiederholen.