Himmel & Elbe

Warum es schön ist, Gottes Kind zu sein

Ein Vater geht mit seinem kleinen Sohn im Sonnenuntergang spazieren.

Ein Vater geht mit seinem kleinen Sohn im Sonnenuntergang spazieren.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Schwerpunkt Kind sein. Was Erwachsene von Kindern lernen können. Und warum Sozialsenatorin Melanie Leonhard Seelenpflaster braucht.

Hamburg. Vor ein paar Tagen erzählte mein Sohn von Mose und dem Auszug aus Ägypten. Meine sechsjährige Tochter hörte gespannt zu. Nach einer Weile fragte sie unvermittelt: „Ist Gott eigentlich ein Mädchenname?“ Und plötzlich waren wir mitten in einer spannenden Diskussion. Ist Gott denn überhaupt ein Name? In der Bibel gibt es verschiedene Bezeichnungen für Gott und auch unterschiedliche Anreden: „El Shaddai“ („Allmächtiger“) oder „Adonai“ („mein Herr“).

Meine Kinder singen am liebsten Abendlieder und Gebete, in denen Gott als Vater angesprochen wird. Diese Anrede hat Jesus eingeführt. Es gibt auch im ersten Teil der Bibel, dem Alten Testament, die Aussage, dass Gott uns wie eine Mutter tröstet.

Aber bis vor 2000 Jahren war es trotzdem nicht üblich, Gott als Vater oder Mutter anzureden. Jesus tut es. Und er beansprucht dieses Recht nicht alleine für sich. Als er von seinen Weggefährten gefragt wird, wie sie beten sollen, antwortet er: „Vater unser im Himmel …“. In der zweiten Hälfte der Bibel, dem Neuen Testament, kommt das Wort Vater 400-mal vor. 250-mal ist damit Gott gemeint.

Gott ist sowohl Vater als auch Mutter

Die neue Anrede Gottes hat sich schnell durchgesetzt. Vielleicht ist der Grund dafür die Nähe und Vertrautheit, die dabei mitschwingt. Das Wort „Vater“ klingt nicht so gewaltig und mächtig wie „Herr Zebaoth“, „Herr der Heerscharen“. Es drückt eine Beziehung aus.

In einem alten Gebet heißt es in der Bibel: „Du hast meine Nieren bereitet und du hast mich gebildet im Mutterleib“ (Psalm 139). In einer anderen Übersetzung klingt dieses Gebet so: „Du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter.“ Wer diese Zeilen betet, ist davon überzeugt, dass zu der biologischen Zeugung eines Kindes noch etwas Göttliches hinzukommt.

Die eher handwerklichen Verben klingen nach einer ordnenden Hand, aber es schwingt auch etwas Spirituelles mit. Wenn mir etwas an die Nieren geht, dann trifft es mich im Innersten. Und dieses Innerste hat Gott gemacht. Hier ist der göttliche Funken, der überirdische Lebensatem. Ich liebe diese Vorstellung. Denn sie bedeutet, dass meine Beziehung zu Gott nicht mit der Taufe beginnt oder erst damit, dass ich selbst an ihn glaube. Gott glaubt schon an mich. Und er hat damit bereits vor meiner Geburt angefangen. Nicht nur für Kinder ist diese Vorstellung tröstend. Auch Erwachsenen kann dieses Versprechen ein Halt in schweren Zeiten sein. Jesus war wahrscheinlich Anfang 30, als er das Vaterunser formulierte.

Eltern hören nie auf Eltern zu sein

Gottes Kinder sind und bleiben wir. Eltern hören nicht auf, Eltern zu sein, nur weil die Kinder erwachsen werden. Trotzdem verändert sich diese Beziehung natürlich. Mit der Durchtrennung der Nabelschnur beginnt für die Eltern ein langsames Loslassen. Und auch in der Beziehung zu Gott kommt für die meisten Menschen irgendwann die Pubertät. Die Zeit, in der einem himmlischen Vater überhaupt nichts zugetraut wird. Das war zu allen Zeiten so und wird wohl auch so bleiben.

Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Menschen Gott anklagen und verfluchen, weil die Dinge anders laufen, als sie es sich gewünscht haben. Das gehört dazu. Und Gott hält es aus, wie auch alle Eltern es aushalten müssen. Doch wenn es gut geht, dann kommt irgendwann eine Zeit, in der man die Fehler der Eltern verzeihen kann.

Und dann ist eine ganz andere Begegnung möglich. Auf Augenhöhe. Vielleicht mit ein bisschen Wehmut, weil die Zeiten vorbei sind, in denen Vater und Mutter einfach geliebt und angehimmelt werden konnten. Weil sie die Größten waren. Aber dafür gelingt im besten Fall eine Begegnung mit viel Respekt vor dem anderen und seinen Entscheidungen.

Die Welt ist kein Ponyhof

Ich genieße die Zeit, in der meine beiden jüngeren Kinder mich noch für die beste Mutter der Welt halten. Und Gott genießt es wahrscheinlich auch, dass sie ihm Abend für Abend mit großen Augen für die Abenteuer des Tages danken.

Die Welt ist kein Ponyhof, und nach rosaroten Tagen kommen auch die grauen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber als Mutter bin ich beruhigt, dass sie etwas haben, an das sie sich klammern können. Sie haben nicht nur die Liebe ihrer Eltern und Geschwister, die ihnen Halt gibt. Sie glauben an Gott. Er kennt ihre Namen und sie dürfen ihn Vater nennen. Oder Mutter.