Kirchgärten

Orte der Stille und Begegnung: Die Pfarrgärten werden wieder entdeckt

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Misha Leuschen

Früher dienten die Pfarrgärten der Selbstversorgung der Pastorenfamilie, später waren sie Versammlungsorte und Quellen der Inspiration. Heute gibt es nur wenige dieser kirchlichen Oasen in Norddeutschland. Doch nun plant ein Netzwerk von Gartenliebhabern eine ökumenische Gartenroute durch die Region um Hamburg.

Still ist es, nur das träge Summen der Bienen in den üppig-bunten Blumenrabatten ist zu hören. Eine warme Brise trägt den würzigen Duft des Kräutergartens herüber. Unterm Dach des alten Pfarrhauses nisten Schwalben, die hoch am wolkenlosen Himmel überm Kirchturm fliegen. Ein Idyll - und ein Bild aus einer Zeit, als die Kirche noch buchstäblich mitten im Dorf stand.

Heute blühen solche kleinen Paradiese im ländlichen Norddeutschland meist im Verborgenen - wenn es sie überhaupt noch gibt. Denn auch in den Pfarrhäusern haben sich die Zeiten geändert. Ob ein Pfarrgarten gepflegt und von der Gemeinde genutzt werden kann, hängt vom grünen Daumen, der Bereitschaft und dem Engagement der Menschen ab, die heute in den Pfarrhäusern wohnen. Und das sind nicht immer nur Pastoren.

Die Tradition der Pfarrgärten geht auf katholische Klostergärten zurück. Dort wurde spätestens seit Karl dem Großen um das Jahr 800 der Gartenbau kultiviert; Obst, Gemüse und Heilpflanzen fanden ihren Weg zum Volk durch das karitative Interesse und den Forscherdrang ungezählter Mönche und Nonnen, von denen Hildegard von Bingen die Bekannteste ist. Eine eigene evangelische Tradition schuf erst die Familie Luther in Wittenberg, als sie im ehemaligen Augustinerkloster der Stadt das erste evangelische Pfarrhaus begründete.

Damals diente der Pfarrgarten im Wesentlichen der Selbstversorgung der Pfarrfamilie. Denn die finanzielle Lage im Pfarrhaus war oft alles andere als rosig. Manche Pastoren wurden nicht staatlich besoldet, sondern nur in Naturalien bezahlt, abhängig vom Wohlwollen der Patronatsherren und der Ernte der Gemeinde. Da war es klug, den eigenen Grund zu nutzen und den Garten mit Saaten, Gemüse, Kartoffeln und Hülsenfrüchten, mit Beerenfrüchten und Zwetschgen, Birnen, Äpfeln und Nüssen zu bestücken. Reine Zierblumen fristeten zuerst eher ein Nischendasein, brachten sie doch - anders als die Kräuter - kaum einen Nutzen.

Auch Bienenzucht trug zur Verbesserung der Haushaltslage in den Pfarrhäusern bei, ihr Honig wurde gehandelt, ihr Wachs für Altarkerzen geschätzt.

Luther selbst hatte ein reges Interesse am Gärtnern. "Kräuter, Gemüse, Obstbäume und Blumen brachten er und seine Freunde von Reisen mit - darunter Melonen, Pfirsiche, Quitten oder Mispeln", sagt Arnd Heling, Pastor und Leiter der Ökumenischen Stiftung für Schöpfungsbewahrung und Nachhaltigkeit. Er hat das Netzwerk "Hortus oecumenicus" gegründet, das sich der Dokumentation und der Erhaltung der norddeutschen Pfarrgärten verschrieben hat. Die Lage wurde für die Pastoren erst besser, als sich mit der Aufklärung die Besitzverhältnisse stabilisierten und die Pastoren staatlich besoldet wurden. So konnte sich in den Pfarrhäusern eine besonders reiche Kultur entfalten; sie brachten bedeutende deutsche Gelehrte, Dichter und Naturwissenschaftler hervor.

Aufgeklärte Landgeistliche beschäftigten sich mit exotischen Pflanzen, mit neuen Züchtungen, Veredelungen von Rosen oder Gartenarchitektur, sie tauschten sich aus und unterstützten einander im engen Netzwerk der Pfarrhäuser.

Ohne sie, die begeisterten Pomologen, wären unsere Apfelgärten heute ärmer. So manche fast vergessene Apfelsorte ist immer noch im einen oder anderen Pfarrgarten erhalten. "Viele Pastoren waren echte Kenner der Botanik und des Gartenbaus geworden und verstanden es als Teil ihres Auftrags, ihre Kenntnisse zu vermitteln", sagt Pastor Heling.

Über den praktischen Nutzen hinaus bot der Garten dem Pastor auch eine nicht zu unterschätzende Quelle der Inspiration für seine Arbeit. Denn das Bild vom Garten als ein irdisches Paradies, so alt wie die Menschheit selbst, ließ sich im Gottesdienst gut nutzen, um sich der bäuerlichen Gemeinde mit zahlreichen biblischen Gleichnissen aus der Landwirtschaft verständlich zu machen. So gingen gärtnerische und seelsorgerische Tätigkeiten eine enge Verbindung ein.

Ob Luthers Kollegen Zeit und Muße zur Kontemplation und Erholung im Garten fanden, mag bezweifelt werden. Doch gesehnt haben sie sich wohl danach, denn mancher Pfarrgarten hatte einen heute sogenannten parkähnlichen "Erholungsteil", angelehnt an Klosteranlagen, deren Grünflächen ohne bestimmte Konzeption sind.

All das fand nicht, wie bei den Katholiken, hinter verschlossenen Klostermauern statt. Der Garten stand, wie das evangelische Pfarrhaus, stets offen. "Pfarrgärten waren immer auch Versammlungsorte, Zeltplätze, Festwiese", sagt Arnd Heling. "Sie schufen Freiräume für Begegnung und Austausch" - und das bis in die heutige Zeit. "Die vielen mecklenburgischen Pfarrgärten wurden bis kurz vor der Wende sehr gern und sicher sehr viel häufiger als bei uns im Westen genutzt, um die Gemeinde, insbesondere die junge Gemeinde, zu versammeln."

In Qualitz bei Bützow hat Autorin Christiane Schadewaldt so ein Pfarrhaus gefunden. Bei ihrer Recherche für ihren Bildband "Pfarrhäuser und Pfarrhausgärten in Mecklenburg" stieß sie auf ein Pfarrhaus, dessen Bewohner, das Ehepaar Schützler, an die alte Tradition anknüpfen und ein offenes, gastliches Haus führen. Ein kleines Theater, Treffen der Dorfbewohner oder Logiergäste aus aller Herren Länder sind willkommen.

Darüber hinaus sind sie über den Verband "Offene Gärten MV" organisiert, und wer den Garten besichtigen möchte, kann einen Termin vereinbaren.

In Pokrent bei Schwerin hat der Pastor nach der Wende den brach liegenden Garten mit ABM-Kräften wieder hergestellt, im neu angelegten finden wieder Gemeindefeste statt.

Neue Wege geht man auch in Ziethen bei Ratzeburg. Auf dem denkmalgeschützten Pfarrhof aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben ein schönes Pfarrcafé (im ehemaligen Viehhaus) und ein uriges Heuhotel auf dem alten Heuboden Platz gefunden.

Der Garten, lange Zeit sich selbst überlassen, soll nach und nach wieder in den historischen Zustand nach dem Gartenplan von 1855 versetzt werden. Manche Elemente wie der pastörliche Memorierweg sind schon wieder zu erkennen. Nun werden alte Obstbaumsorten wie der Gelbe Mecklenburger oder der Kaiser-Wilhelm-Apfel angepflanzt.

Ein lebendiger Ort der Begegnung ist dieses Pfarrhausensemble, eine intakte Kirchengemeinde zwischen historischen Gebäuden. Und, wie es Pastor Rogge der evangelischen Kirchengemeinde formuliert, ein Ort, an dem den Menschen Gottes Schöpfung in ihrer Vielfalt nahegebracht werden kann.

Von solchen Orten, an denen Spiritualität wieder spürbar wird, träumt auch Arnd Heling. In England hat er ein Netzwerk von mehr als 300 Gärten kennengelernt, das sich "Quiet Gardens" (Stille Gärten) nennt, in die man eintreten darf wie in die Offenen Kirchen. "Man ist willkommen, sich auf eine Gartenbank zu setzen, innezuhalten, sich am Garten zu erfreuen, zu meditieren", erzählt er. "Vielleicht bekommt man eine Tasse Tee, und, wenn es sich ergibt, ein hilfreiches Gespräch."

Natürlich setze dies die Bereitschaft der Pfarrfamilie voraus, ein Stück Privatheit zu öffnen.

Erziehung zur Stille könnte heute eine gesellschaftliche Funktion von Gärten sein, meint Heling, fast so wichtig wie der Kartoffelanbau im 18. Jahrhundert oder die Obstbaumzucht im 19. Jahrhundert.

Sein Gartennetzwerk "Hortus oecumenicus" hat sich viel vorgenommen. Kirchliche Gartenbetreiber sind hier ebenso willkommen wie externe Fachleute und Gartenliebhaber. Bis zur internationalen Gartenschau 2013 wollen sie eine ökumenische Gartenroute in der Metropolregion Hamburg präsentieren können.

Dass es diese Gärten gibt, davon ist Arnd Heling überzeugt: "Manche Gärten bieten wegen ihrer Lage im Ort, ihrem alten Baumbestand der Gemeindestruktur bessere Möglichkeiten als andere. Aber in sehr vielen Gärten schlummert eine Menge ungenutztes Potenzial für die Arbeit mit den Menschen."

"Ein Garten ist etwas, woraus man nur hat vertrieben werden können, denn wie sonst hätte man ihn je verlassen", sagte der Gartenphilosoph Rudolf Borchardt. Die Neuentdeckung der Paradiese lohnt.

Informationen:

Projekt "Hortus oecumenicus" , Tel: 04541/ 805877, www.schoepfungsbewahrung.org .

Verband "Offene Gärten MV" unter www.offene-gaerten-mv.de .

Zum Schmöckern: Christiane Schadewaldt/Michael Priebe (Fotos): "Pfarrhäuser und Pfarrhausgärten in Mecklenburg". Verlag Steffen, 24,80 Euro.

Nachschlagewerk: Bernd Wendland, "Historische Pfarrhöfe und Pastoratsgärten", Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, 49, 95 Euro.