Wirtschaftskrise: Wie es Kirche betrifft

"Bei uns können sich die Menschen ihre Sorgen von der Seele reden"

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Die Stiftung Alsterdorf hat weniger Aufträge, ins Kaufhaus "Cappello" kommen mehr Familien und das Kirchenamt erwartet Steuerausfälle. Unsere Umfrage zeigt: Die Wirtschaftskrise ist in vielen kirchlichen Stellen angekommen. Allerdings gibt es auch eine positive Nachricht: Die Spendenbereitschaft der Norddeutschen ist immer noch hoch.

Familienberatung

Julia Pfeiffer, Diplompsychologin in der Erziehungsberatung der Caritas: "Bisher merken wir noch keine Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Schulprobleme oder häusliche Konflikte gehören zu unseren Beratungsthemen, doch bisher haben wir nicht den Eindruck, dass Eltern finanziell belasteter sind. Aber vielleicht sprechen sie dies bei uns auch nicht unbedingt an. Lediglich in der Online-Beratung kommt mal zur Sprache, dass der Partner vielleicht gerade den Job verloren hat. Aber das war früher auch so. Wir können uns vorstellen, dass sich die Krise spätestens in einem Jahr bei uns bemerkbar machen wird."

Gemeindepastor

Pastor Rainer Hanno, Auferstehungskirche Barmbek-Nord: "Die Wirtschaftskrise ist auch bei uns angekommen. Einige Gemeindemitglieder sind von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit betroffen, eine ältere Dame hat Geld verloren, Ein-Euro-Jobs werden nicht verlängert. Natürlich können wir diese Probleme nicht lösen, und wir können in unsicheren Zeiten keine Sicherheit bieten. Aber wir können Menschen mit Gesprächen und Seelsorge begleiten und sie stärken durch das, was wir als Kirche anzubieten haben: eine Identitätsstiftung, die nicht über Arbeit funktioniert.

Die Krise zeigt deutlich, dass alte Gesellschaftsmuster nicht mehr greifen. Wir müssen umdenken, andere Werte schätzen lernen - immaterielle Werte, die in der christlichen Gemeinschaft eine große Rolle spielen: Zusammenarbeit, Teamfähigkeit, Verlässlichkeit. Diese Werte zu vermitteln, das wird eine der Aufgaben der Kirchen in der Zukunft sein."

Schuldnerberatung

Cordula Koning, Leiterin der Schuldnerberatung des Diakonischen Werks in der Königstraße: "Die Wirtschaftskrise macht sich hier noch nicht bemerkbar. Das tritt bei uns zeitverzögert auf. Kunden, die bereits vor drei oder vier Jahren Kredite aufgenommen haben und dann zum Beispiel arbeitslos geworden sind und die Raten nicht mehr bedienen konnten, kommen jetzt zu uns. Ich denke, wir werden erst nächstes Jahr eine Resonanz bekommen, ob und inwiefern sich die Wirtschaftskrise auswirkt. Zudem haben wir normalerweise eine Warteliste von zehn Monaten. Das liegt daran, dass Hamburg noch viel mehr Gelder für die Schuldnerberatung zur Verfügung stellen müsste, damit alle Schuldner zeitnah beraten werden können."

Telefonseelsorge

Pastorin Bettina Seiler, Telefonseelsorge der Diakonie: "Eine verstärkte Nachfrage haben wir nicht zu verzeichnen, denn unsere Kapazitäten bei der Telefonseelsorge sind ohnehin ausgelastet. Aber wir spüren deutlich, dass sich seit Beginn der Krise die Themen der Anrufer ändern.

Die Menschen wollen sich ihre Not, ihre Sorgen von der Seele reden, und immer öfter stehen dabei die Angst um den Arbeitsplatz, Geldnot, Mobbing, Abmahnungen oder Ärger mit der ARGE im Mittelpunkt. Speziell Menschen, die psychisch bereits belastet sind, halten dem Druck oft nicht mehr stand. Wir stellen auch eine zunehmende Verunsicherung fest, die durch die Berichterstattung in den Medien noch geschürt wird. Wer ohnehin schon ein ängstlicher Mensch ist, der wird durch diese Panikmache noch mehr verunsichert."

Ev. Stiftung Alsterdorf

Professor Hanns-Stephan Haas, Vorstandsvorsitzender des Stiftungsrats der Evangelischen Stiftung Alsterdorf: "Assistenz für Menschen, die Unterstützung brauchen, muss es auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten geben, genau wie gute Bildung für Kinder und Jugendliche. Es ist unsere Aufgabe, dies den Kostenträgern deutlich zu machen, auch wenn weniger Geld in die öffentlichen Kassen fließen wird. Bei einzelnen Beschäftigungsangeboten für Menschen mit Handicap merken wir die Krise schon jetzt unmittelbar. So sind Aufträge aus der Metall verarbeitenden Industrie vorübergehend weggebrochen. Bisher gelingt es uns noch, diese Ausfälle mit anderen Aufträgen, insbesondere im Dienstleistungsbereich, aufzufangen.

Aktuell muss also kein Alsterdorfer Arbeitnehmer um seinen Job bangen, egal ob er mit oder ohne Behinderung in der Stiftung beschäftigt ist. Wir werden alles daransetzen, dass das so bleibt. Langfristige Garantien kann man allerdings auch als Arbeitgeber im diakonischen Bereich nicht geben."

Lebensmittel-Ausgabe

Dagmar Vogel, Vorstand des Vereins Anstoß e. V. , der jeden Freitag bei der Lokstedter Petruskirche Lebensmittel an Bedürftige ausgibt. Das Essen wird von der Hamburger Tafel geliefert. "Wir bemerken die Weltwirtschaftskrise zum einen daran, dass die Spenden zurückgehen. Vor allem an der Brotlieferung wird das deutlich, da bekommen wir viel weniger als früher. Außerdem wird weniger Fleisch gespendet. Dass es uns an Essen fehlt, kann ich allerdings noch nicht sagen. Als Folge aus der Krise ist zudem der Ansturm der Bedürftigen größer als zuvor. Gerade haben wir 20 weitere in unsere Anmeldeliste aufgenommen. Damit betreuen wir inzwischen jeden Freitag 120 Bedürftige. Viele sind arbeitslos geworden, immer mehr haben psychische Probleme. Viele haben große Ängste. Es ist schon vorstellbar, dass die mit der Weltwirtschaftskrise zusammenhängen. Gerade kürzlich kam zum Beispiel ein junges Pärchen, das uns sagte, dass es einfach am Limit sei. Dass kein Geld für Essen mehr übrig sei. Das ist immer sehr traurig. Normalerweise nehmen wir freitags während der Ausgabe keine zusätzlichen Anmeldungen an, weil wir ohnehin schon viel zu tun haben und teilweise überfordert sind. Aber in solchen Fällen machen wir eine Ausnahme, die konnte ich nicht heimschicken."

Seemannsmission

Jan Oltmanns, Seemannsdiakon, Seemannsmission Duckdalben : "Im Hafen ist die Krise angekommen, und das schon Anfang des Jahres, und sie hat viele kalt erwischt. Hier in Hamburg gibt es viele Auflieger, also Schiffe, die auf Ladung warten müssen. Für die Seeleute bedeutet das mehr Freizeit. Aber weil weniger Überstunden anfallen, mit denen sonst das gute Geld verdient wird, haben sie weniger in der Tasche für die Verlockungen der Stadt. Mit unseren Sozialtarifen sorgen wir dafür, dass sich die Seeleute wenigstens noch ein bisschen was leisten können. In ihren Heimatländern sind ihre Familien oft auf das Geld angewiesen, das die Seeleute nach Hause schicken.

Viele haben Sorge, dass sie keine neuen Aufträge mehr bekommen, arbeitslos werden und ihre Familien nicht mehr ernähren könnten. Und die, die noch Arbeit haben, müssen unter noch größerem Druck arbeiten, denn wenn weniger Schiffe reinkommen, werden sie schneller abgefertigt. Das ist so wie überall: Die, die Arbeit haben, müssen noch mehr leisten, und die ohne Arbeit haben zwar Zeit, aber kein Geld. Wir versuchen, sowohl praktisch als auch mit Gesprächsangeboten zu helfen und Vertrauen zu schaffen."

Kirchenamt

Norbert Radzanowski, Pressesprecher der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Landeskirche: "Es gibt noch keine auf das Kirchengebiet in Hamburg und Schleswig-Holstein heruntergerechnete Steuerschätzung. Sie wird derzeit in Zusammenarbeit mit den Steuerfachleuten der beiden Bundesländer erarbeitet. Grundsätzlich aber erwarten wir für die zweite Jahreshälfte 2009 und auch für das kommende Jahr einen Steuerrückgang von bis zu zehn Prozent. Die Mindereinnahmen würden sich auf alle kirchlichen Ebenen verteilen. Gegebenenfalls müssten geplante Projekte zurückgefahren, gestreckt oder ganz eingestellt werden. Sehr erfreut sind wir darüber, dass bei den Spenden bisher keine Rückgänge zu verzeichnen sind."

Kaufhaus "Cappello"

Evelyn Duhnkrack-Hey, Einrichtungsleiterin des diakonischen Kaufhauses "Cappello" in Altona: "Ich habe schon den Eindruck, dass sich die Wirtschaftskrise bei unseren Kunden bemerkbar macht. Ursprünglich hatten wir mehr Rentner und Migranten. Mittlerweile kommen aber auch Familien mit Kindern hierher. Statistisch erfasst ist das allerdings nicht.

Die Spenden sind aber nicht zurückgegangen, das liegt vielleicht daran, dass das Bewusstsein, Sachen zu geben, gewachsen ist. Das sind dann zum Beispiel Sachen aus Haushaltsauflösungen, Geschäften und viel aus reicheren Haushalten.

Was sich ansonsten geändert hat, ist, dass wir jetzt einmal im Monat an einem Donnerstag verlängerte Öffnungszeiten haben. Die Leute haben gegen Ende des Monats hin einfach kein Geld mehr. Auch die, die eigentlich gut wirtschaften können."

Bahnhofsmission

Diakonin Claudia Rackwitz-Busse ist Leiterin der Bahnhofsmission am Hamburger Hauptbahnhof. Die Einrichtung steht Hilfesuchenden rund um die Uhr zur Verfügung: "Veränderungen bei uns, die auf die Weltwirtschaftskrise zurückzuführen sind, habe ich nicht wahrgenommen. Aber wir beobachten schon seit längerer Zeit, dass die finanziellen Mittel der Menschen knapper werden. Das hängt auch mit der Veränderung des Arbeitslosengeldes vor drei Jahren zusammen. Die Umstrukturierung und Formulare lassen viele resignieren. Wir bekommen nach wie vor Sachspenden. Weiterhin spenden auch Privatpersonen für unsere Arbeit. Ich glaube jedoch, dass sich die wahren Ausmaße der Krise erst in ein bis zwei Jahren bemerkbar machen und die Bahnhofsmission darauf reagieren wird."

( Interviews: Misha Leuschen (5), Lara Hannich (4), Sabine Tesche (1). )