Knappe Pauschalen?

Sorge um Schuldenhilfe im Landkreis Harburg

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Rolf Zamponi
Superintendent Dirk Jäger kritisiert die Vergabemodalitäten des Landkreises.

Superintendent Dirk Jäger kritisiert die Vergabemodalitäten des Landkreises.

Foto: HA

Hintergrund für die Entwicklung ist die Pflicht des Landkreises, die für die Träger pauschal vergüteten Leistungen neu auszuschreiben.

Landkreis Harburg. Die kostenlose Schuldnerberatung für den Landkreis Harburg lag für mehr als 25 Jahre in den Händen des Diakonischen Werkes der Kirchenkreise Hittfeld und Winsen. Seit dem 1. April gibt es erstmals zwei Anbieter, die sich die Arbeit innerhalb des Kreises teilen sollen (Abendblatt berichtete). Die Diakonie ist zwar neben dem Verein „Schuldenhilfe Sofort“ weiter als ein Träger dabei. Doch die Ausschreibung durch den Landkreis und ihre Bedingungen hat der Vorsitzende des Diakonieverbandes, Dirk Jäger, nun scharf kritisiert: „Ich bin insgesamt besorgt um die Zukunft der Arbeit der Wohlfahrtsverbände“, sagt der Superintendent des Kirchenkreises Hittfeld.

Hintergrund für die Entwicklung bei der Schuldnerberatung ist die Pflicht des Landkreises, die für die Träger pauschal vergüteten Leistungen neu auszuschreiben, wie Kreis-Sprecherin Katja Bendig versichert. Der Zuschlag gilt zunächst für drei Jahre und kann um zwei Mal zwei Jahre verlängert werden. Grundsätzlich könnte der Landkreis die Schuldnerberatung selbst übernehmen, reicht sie aber traditionell an die Träger der Freien Wohlfahrtspflege wie die Diakonie oder an andere Verbände weiter.

„Schuldenhilfe Sofort“ berät am Hauptstandort Winsen

In diesem Fall erhielt nun das Diakonische Werk den Auftrag für die Schuldnerberatung am Hauptstandort Buchholz und der neue Anbieter, der Verein „Schuldenhilfe Sofort“, am Hauptstandort Winsen. Beide Träger könnten weitere Standorte einrichten, sagt Ralf Burmeister, betriebswirtschaftlicher Geschäftsführer des Diakonischen Werkes. „Wir haben mit dem Landkreis nachverhandelt und erreicht, dass wir auch künftig im gesamten Kreisgebiet beraten können“, erklärt Jäger.

Um sich auf die Ausschreibung einzustellen, hatte das Diakonische Werk für eine Interimsphase von Anfang Januar bis Ende März die Arbeit unterbrochen. Damit war der Verein „Schuldenhilfe Sofort“ während der ersten drei Monate seiner Arbeit im Kreis alleiniger Anbieter. Die neue Lage hält Jäger, der seit zwölf Jahren an der Spitze des Diakonieverbandes steht, nun zumindest für bedenklich.

„Das Diakonische Werk ist über 25 Jahre mit seiner Sozialen Schuldnerberatung kostenlos für Menschen im Landkreis da. In dieser Zeit sind mit allen Institutionen des Landkreises, der freien Wohlfahrtspflege und innerhalb der eigenen Beratungsstellen des Diakonischen Werkes Netzwerke aufgebaut worden, die für die Beratung und Weitervermittlung der Ratsuchenden von großer Wichtigkeit sind. Jetzt aber werden wir vom Kreis behandelt wie irgendein anderer Anbieter.“

Flächendeckende Ökonomisierung“ der Arbeit von Wohlfahrtsverbänden

Der Superintendent kritisiert die „flächendeckende Ökonomisierung“ der Arbeit von Wohlfahrtsverbänden. „Bei den Verhandlungen mit dem Kreis lag der Fokus stark auf dem Preis, weniger auf den Qualitätsstandards.“ Für den Kreis werde es nun dennoch nicht günstiger und für die Bürger nicht besser. „Die Zusammenarbeit von Staat und Wohlfahrtsverbänden, die für staatliche Aufgaben einstehen, verändert sich zum Schlechteren.“

Konkret zeigt sich das für die Diakonie in Winsen darin, dass in der Kreisstadt nun nur noch zwei statt vier Berater vor Ort sind. Eine Folge der laut Jäger „knappen Pauschalen“, die der Verband für seine Arbeit bekommt. Kreissprecherin Bendig hält dagegen: Die vereinbarten Summen seien „angemessen.“

Beim Verein Schuldenhilfe Sofort, der seit seiner Gründung vor fünf Jahren etwa mit dem Kreis Lüneburg und dem Land Niedersachsen zusammenarbeitet, freut man sich über die gewonnene Ausschreibung für die Arbeit in Winsen. „Die Menschen können jetzt entscheiden, wo sie lieber hingehen wollen, welches Konzept ihnen zusagt und welche Öffnungszeiten für sie geeignet sind“, sagt die stellvertretende Vereins-Vorsitzende Daniela de Matteis.

Während der Coronakrise mehr Arbeit

Die Diplom-Pädagogin geht davon aus, dass sich die Qualität schon dadurch verbessert, dass sich einzelne Berater nicht mit zu vielen Klienten befassen müssen. „Ohne Zweifel wird es während der Coronakrise mehr Arbeit geben“, ist sie überzeugt. So ist absehbar, dass sich die von tausenden Betrieben angezeigte Kurzarbeit auswirken wird, wenn viele Arbeitnehmer nur zwischen 60 und 67 Prozent ihres Nettogehalts erhalten. Ob Schuldnerberatungen künftig häufiger gebraucht werden, um Verein und Diakonie auszulasten, müsse sich zeigen.

Die Zahlung der Pauschale für die Diakonie sei dabei aber in jedem Fall an eine Untergrenze bei den Beratungen gebunden, erklärt Jäger. Zuletzt hatte die Diakonie Menschen aus mehr als 400 Haushalten unterstützt. Eine gute Betreuung von überschuldeten Menschen solle in jedem Fall weiter garantiert werden. „Unsere Expertise werden wir weiterhin an beiden Standorten, in Buchholz und Winsen, einbringen.“

Für den Superintendenten stellt sich jetzt jedoch auch die Frage, ob in der Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen und den Freien Wohlfahrtsverbänden, zu denen etwa auch das Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt oder die Caritas zählen, ein Wandel eintritt. Ob sich diese als Säulen der Sozialstaats verstandenen Organisationen verstärkt wirtschaftlichen Vorgaben stellen müssen? „Die Gesellschaft muss wissen, ob sie das will.“

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