Der A 26-Faktor

Neu Wulmstorf erwartet eine Verkehrslawine

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Die künftige A 26-Auffahrt bei Buxtehude, als Sanddamm im Oktober 2019 schon zu sehen.

Die künftige A 26-Auffahrt bei Buxtehude, als Sanddamm im Oktober 2019 schon zu sehen.

Foto: Axel Tiedemann / AT

Verwaltung will den zusätzlichen Autoverkehr von der A 26 nach deren Fertigstellung aus dem Ortskern fernhalten.

Neu Wulmstorf.  Was auf den Kernort zukommen könnte, wenn in gut zwei Jahren der letzte niedersächsische A 26-Abschnitt bis Rübke fertiggestellt ist, dürfte manchem Neu Wulmstorfer Kommunalpolitiker erst kürzlich so richtig klar geworden sein. Da hatte ein Verkehrsplaner neue Zahlen auf den Tisch gelegt, wonach der Verkehr auf der zentralen Neu Wulmstorfer Einkaufsstraße ohnehin schon allein durch die neuen Wohnbauprojekte im Ort wachsen wird. Ein A 26-Faktor müsse dann noch dazu gerechnet werden, so der Planer.

Und dass das nicht mehr wie Jahrzehnte zuvor in ferner Zukunft liegt, ist klar. Der Vorbelastungsdamm aus Sand zwischen Buxtehude und Neu Wulmstorf hat sich soweit gesetzt. Die Arbeiten für den Fahrbahnausbau sind inzwischen nach Information der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau in Stade ausgeschrieben und befänden sich in der letzten Auswertung.

Sollte es nicht schwerwiegende Widersprüche oder andere Unvorhersehbarkeiten geben, soll in wenigen Wochen, am 1. Juni, mit dem eigentlichen Fahrbahnbau des Autobahnabschnitts begonnen werden, sagte ein Sprecher der Behörde dem Abendblatt. Geplant ist hier aus Lärmschutzgründen teilweise der Einbau von so genanntem Flüsterasphalt, aber auch Lärmschutzwände gehören noch zu diesem Endausbau.

„Mitte 2022“ könnte dann der Verkehr auf diesem etwa zwölf Kilometer langen Abschnitt zwischen Jork-Buxtehude und Rübke freigegeben werden. Und auch der Weiterbau bis zur A 7 in Moorburg auf Hamburger Seite ist inzwischen terminiert: Nach Information der Wirtschaftsbehörde soll dort am 30. April schon Baustart sein, ebenfalls zunächst mit einem Vorbelastungsdamm, der bis zu dem neuen Autobahnkreuz „HH-Hafen“ führen wird.

Offizieller erster Spatenstich entfällt wegen Corona

Weil dieser länderübergreifende Abschnitt als eine Art historischer Lückenschluss nach jahrzehntelanger Vorplanung und Diskussion gilt, hatte die Hamburger Behörde dafür eigentlich einen offiziellen ersten Spatenstich mit viel Polit-Prominenz geplant. Wegen der Corona-Krise werde nun aber auf eine offizielle Feier verzichtet, hieß es. Bei dem Baustart-Termin am 30. April bleibe es aber trotzdem. Gut acht Kilometer lang ist dieser Abschnitt. Geplant ist hier ebenfalls die Verwendung von Flüsterasphalt.

Zudem müssen dort auch einige Brücken und ein Tunnel-Trog für eine Unterführung der Hafenbahn gebaut werden. Voraussichtlich 2025 könnte dann auch dieser A26-Abschnitt für den Verkehr freigegeben werden, so die Behörde in ihrer jüngster Einschätzung der Bauzeit. Für die Jahre dazwischen von 2022 bis 2025 dürfte daher dann noch mehr Durchgangsverkehr durch die zentrale Neu Wulmstorfer Bahnhofstraße rollen als bisher, weil die Autobahn quasi im Ort zunächst endet.

Eine Abfahrt Richtung Norden soll zwar aus Schutz der Anlieger ausgeschlossen sein, bis der A 7-Anschluss fertig ist. Ob das aber ausreicht, um zusätzlichen Verkehr von und zur A 26 abzuhalten, wird stark bezweifelt. „Da kommt eine Lawine auf uns zu“, warnte daher kürzlich der Neu Wulmstorfer Bauausschuss-Vorsitzende Thomas Grambow (SPD). Eine Einschätzung, die mehrheitlich im Rat inzwischen geteilt wird. „Wir sind da in voller Übereinstimmung mit Herrn Grambow und der SPD“, sagt etwa der Fraktionschef der Christdemokraten im Rat, Malte Kanebley. Noch fehle aber die richtige Idee dazu, so der CDU-Politiker.

Gegenmaßnahmen sollten längst beraten werden

Eigentlich hätten in den zuständigen Ausschüssen des Rates längst solche Idee für Gegenmaßnahmen beraten werden sollen – wegen der Corona-Krise stockt aber auch hier mittlerweile die Debatte. Doch die Zielrichtung ist schon deutlich: „Wir müssen die Autofahrer, die dort nur durchfahren wollen, regelrecht vergrämen“, fordert SPD-Politiker Grambow.

Ähnlich argumentiert CDU-Fraktionschef Kanebley: „Eigentlich ist die Bahnhofstraße als Durchgangsstraße schon jetzt unattraktiv, wir müssen sie eben noch unattraktiver machen.“ Allerdings müsse die Straße als Straße weiter funktionieren, weil ja eben Zuliefer-Lkw und Kunden die Geschäfte auch erreichen müssten, so der CDU-Politiker.

Wie man nun beide Forderungen umsetzen könnte – dafür gab es bereits erste Vorschläge: Etwa eine Tempobeschränkung oder die Ausweisung einer reinen Einkaufszone. SPD-Politiker Grambow ist da aber für noch deutlichere Maßnahmen. „Geschwindigkeitsbeschränkungen helfen nicht, da halten sich viele nicht dran. Wir brauchen dort Schwellen, richtig große Schwellen in der Straße.“

Eine solche Verkehrsberuhigung dürfte allerdings nicht nur mit Blick auf die A 26 notwendig werden in Neu Wulmstorf. Rund um den Bahnhof werden gerade Hunderte neue Wohnungen gebaut. Für die Erschließung des jüngsten Projekts auf einem ehemaligen Reiterhof-Gelände würde eine einfache neue Kreuzung an der Bahnhofstraße schon nicht mehr reichen, rechnete der Verkehrsplaner den Kommunalpolitikern vor. Allein dadurch würde sich die Zahl der täglichen Pkw auf der Straße schon von 7300 auf 13.000 erhöhen – ohne A26-Effekt. Statt Kreuzung müsse daher dort ein Kreisel gebaut werden, um lange Rückstaus zu vermeiden. Es wäre dann dort der vierte Kreisel auf nur 600 Metern, was wohl allein schon eine Art Verkehrsberuhigung sein dürfte.

Ein neuer See

Wer jetzt auf der B 73 von Buxtehude nach Neu Wulmstorf fährt, entdeckt plötzlich auf der linken Seite einen ansehnlich großen See, nachdem dort eine Tannenschonung verschwunden ist. Es ist, wenn man so will, der neue A 26 See: Etwa 17 Hektar groß ist er und damit fast so groß wie die Binnenalster.


Entstanden ist das Gewässer, weil dort seit 2016 gut zwei Millionen Kubikmeter Sand gewonnen wurden, um den Vorbelastungsdamm für die A26 aufzuschütten.


Für Schlagzeilen sorgte der See, als 2016 der dort eingesetzte schwimmende Saugbagger sank war und mit erheblichem Aufwand wieder aus der dem gut 15 Meter tiefen See geholt werden musste.


Der Damm hat sich im moorigen Untergrund inzwischen gesenkt, ein Teil davon wird nun abgetragen und für den Weiterbau und einen neuen Belastungsdamm verwendet. Der See aber bleibt. Nicht als Badegewässer, sondern als Naturfläche, wie es bei der Firma Bunte heißt, die den Damm gebaut hatte. Der See gehört nun dem Unternehmen werde wieder mit möglichst naturnahen Uferbereichen „renaturiert“.

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