Hamburg. Ehepaar Heuer nahm vor zwei Jahren ein Pflegekind bei sich auf und hat es nie bereut. Was potenzielle Pflegeeltern wissen müssen.

Niemals würde Isabell Heuer ihre kleine Tochter wieder hergeben. Milla (alle Namen geändert) ist ihr Kind – allerdings nicht ihr leibliches. Isabell Heuer und ihr Mann Johann aus Hamburg-Langenhorn haben ihre Tochter mit sieben Wochen zu sich nach Hause geholt.

Hamburg sucht dringend Pflegeeltern – Paar aus Langenhorn schildert „Glücksfall“

Milla ist ein Pflegekind. Und Hamburg ist auf Pflegeeltern wie Isabell und Johann Heuer dringend angewiesen. Im Umland ist die Lage ähnlich – auch in Norderstedt etwa sucht das Jugendamt immer wieder dringend nach Pflegeeltern.

„Hamburg sucht mehr Pflegefamilien, um Kindern auf Zeit oder auf Dauer ein Zuhause zu geben“, sagt Alexander Fricke vom Bezirksamt Hamburg-Nord. „Die Suche nach Pflegefamilien stellt seit Jahrzehnten bundesweit eine große Herausforderung dar.“ Derzeit gibt es in Hamburg 893 Pflegefamilien, die ein oder mehrere Hamburger Pflegekinder aufgenommen haben.

Pflegekind: In Hamburg gibt es aktuell 893 Pflegefamilien

So wie Familie Heuer. Es war nicht so geplant, aber das Paar blieb ungewollt kinderlos. „Unser Kinderwunsch hat sich nicht erfüllt“, sagt die 39-Jährige. „Wir konnten es uns dann irgendwann gut vorstellen, ein Kind in Pflege zu nehmen.“

Und zwar ganz bewusst ein Pflegekind, kein Adoptivkind. „In der Gesellschaft sind Pflegeeltern häufig eine Elternschaft der dritten Kategorie“, erzählt Heuer – an erster Stelle stehen leibliche Kinder, an zweiter steht die Adoption und dann erst ein Pflegekind, so ihre Erfahrungen.

Hamburger Pflegekind Milla lebt seit zwei Jahren bei Familie in Langenhorn

Oft werden sie und ihr Mann gefragt: „Warum adoptiert ihr nicht?“ Für das Ehepaar stand das niemals zur Debatte. Sie wollten ein Pflegekind.

„Eine Adoption wäre erst unser Plan C gewesen“, sagt Isabell Heuer. Das mag für Außenstehende zunächst überraschend sein. Die gelernte Logopädin und Pädagogin erklärt das so: „Bei einer Adoption kommen sehr viele Bewerber auf ein Kind: etwa zehn Eltern auf ein Neugeborenes. Vor allem aber verliert das Kind seine Identität, bekommt eine neue Geburtsurkunde, die leiblichen Eltern werden sozusagen eliminiert.“

Pflegemutter Isabell Heuer: „Unsere Tochter ist ein absoluter Glücksfall.“ Millas leibliche Mutter hat ihr Kind direkt nach der Geburt freiwillig abgegeben.
Pflegemutter Isabell Heuer: „Unsere Tochter ist ein absoluter Glücksfall.“ Millas leibliche Mutter hat ihr Kind direkt nach der Geburt freiwillig abgegeben. © FUNKE Foto Services | Thorsten Ahlf

Das kam für die Heuers nicht infrage. Sie möchten, dass Milla ihre eigentliche Identität behält, weiß, wer ihre Mutter ist. „Die ganze Vergangenheit einfach außen vor zu lassen, das kam uns unecht vor.“ Drei Jahre ist es her, dass das Ehepaar sich entschlossen hat, ein Kind dauerhaft bei sich aufzunehmen.

Pflegekind – Mutter hatte Milla direkt nach der Geburt freiwillig abgegeben

Im Rahmen einer Dauerpflege wird ein Kind voraussichtlich auf Dauer in die Familie aufgenommen und bis zur Volljährigkeit oder darüber hinaus von den Pflegeeltern begleitet. Bei einer Kurzzeitpflege – oder auch Bereitschaftspflege genannt – ist der Aufenthalt in der Pflegefamilie von Anfang an nur für einen befristeten Zeitraum angedacht. Bis zur Klärung, ob das Kind zum Beispiel wieder zurück zur Herkunftsfamilie geht oder ein anderer Lebensort gefunden werden muss.

Ein Jahr, nachdem sich das Ehepaar Heuer für ein Pflegekind entschieden hatte, war es so weit. Der Anruf der zuständigen Jugendamtsmitarbeiterin im Bezirksamt Hamburg-Nord kam: „Wir haben ein vier Wochen altes Mädchen.“

Drei Wochen später war Milla bei ihnen. „Unsere Pflegetochter war direkt nach der Geburt in einer Bereitschaftspflegefamilie und wurde der Mutter nicht weggenommen“, sagt Isabell Heuer. Ihre leibliche Mutter hatte die Kleine direkt nach der Geburt freiwillig abgegeben.

Pflegemutter: „Es war der aufregendste Tag meines Lebens – wie ein Blind Date“

„Als Paar kann man unter anderem angeben, welches Alter und Geschlecht das Pflegekind haben sollte. Uns war wichtig, dass es ein junges Kind ist, das kaum oder gar nicht herumgereicht wurde. Und auch ein schwerst behindertes Kind kam für uns nicht infrage“, so Heuer. Da darf und muss man ganz ehrlich sein.

An die erste Begegnung mit Milla erinnern sich die Heuers gut. „Es war der aufregendste Tag meines Lebens – und wie ein Blind Date. Mein Mann und ich waren am Abend danach völlig erschöpft“, sagt sie und lacht. Während andere Eltern neun Monate Zeit haben, sich auf ihr neues Leben mit Baby vorzubereiten, hatten die Heuers nur wenige Wochen.

Es ging Schlag auf Schlag. „Am Freitag sagte ich meiner Arbeitgeberin, dass ich am Montag Mutter werde“, sagt Isabell Heuer. Sie hatte Glück und eine verständnisvolle Chefin.

Pflegeelten: Weg dahin ist mit viel Bürokratie verbunden – und einem Drogentest

Der Weg zum Pflegekind war mit viel Bürokratie verbunden. „Wir mussten etliche Formulare ausfüllen, sogar Haarproben für einen Drogentest abgeben“, sagt Isabell Heuer. Bevor Pflegeeltern ein Hamburger Kind aufnehmen können, durchlaufen sie ein Eignungsfeststellungsverfahren. Dieses beinhaltet unter anderem eine umfangreiche Qualifizierung im Bildungszentrum Hamburger Pflegefamilien.

Darüber hinaus müssen Pflegeeltern ausreichend Wohnraum und stabile wirtschaftliche Verhältnisse nachweisen. Eine weitere Voraussetzung ist die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Pflegekinderdienst beziehungsweise Jugendamt und der Herkunftsfamilie.

Pflegeeltern sollten Herzlichkeit, ausreichend Zeit und Geduld mitbringen

Das sind äußere Kriterien, wichtig sind aber auch bestimmte charakterliche Eigenschaften. „Pflegeeltern sollten eine positive Lebenseinstellung, Herzlichkeit, ausreichend Zeit und Geduld, Kommunikations- und Lernbereitschaft und Belastbarkeit mitbringen“, so Bezirksamtssprecher Fricke.

Pflegemutter Isabell Heuer spielt mit Milla in der Sandkiste. Millas leibliche Mutter hatte während der Schwangerschaft Alkohol getrunken. Das 20 Monate alte Mädchen entwickelt sich völlig altersgemäß.
Pflegemutter Isabell Heuer spielt mit Milla in der Sandkiste. Millas leibliche Mutter hatte während der Schwangerschaft Alkohol getrunken. Das 20 Monate alte Mädchen entwickelt sich völlig altersgemäß. © FUNKE Foto Services | Thorsten Ahlf

„Die Erziehung eines Pflegekindes setzt ein hohes Maß an Empathie und Durchhaltevermögen voraus. In diesem Zusammenhang sind grundsätzlich Kraft, Mut, Zuneigung und Geduld der Pflegeeltern entscheidend für die weitere Entwicklung des Kindes.“

Hamburger Pflegeeltern: „Unsere Tochter ist ein absoluter Glücksfall“

In Hamburg spielt die Familienform für die Eignung als Pflegefamilie keine Rolle. Laut Sozialbehörde können sich verheiratete, unverheiratete und gleichgeschlechtliche Paare, Familien mit Migrationsgeschichte, Patchworkfamilien, alleinstehende und alleinerziehende Personen bewerben.

Die kleine Milla, erzählt Isabell Heuer, geht als ihr leibliches Kind durch. Ein Geheimnis machen die Eltern aber nicht aus der Pflegschaft. Milla geht in die Krippe und entwickelt sich prächtig. „Sie brabbelt. Unsere Tochter ist ein absoluter Glücksfall.“

Pflegekinder kommen häufig aus zerrütteten Familien

Die Heuers hoffen, dass sich Milla weiterhin so gut entwickelt. Denn ihre leibliche Mutter hat während der Schwangerschaft Alkohol getrunken. Die Gefahr, dass die Kleine später noch unter den Auswirkungen von FASD – Fetale Alkoholspektrumsstörung (Fetal Alcohol Spectrum Disorder) – leiden wird, kann nicht ganz ausgeschlossen werden.

Viele der Pflegekinder kommen aus zerrütteten Familien, in denen elementare Bedürfnisse wie Schutz und Geborgenheit, ausreichende Nahrung, Wärme und Anerkennung nicht vorhanden waren. Deshalb sind diese Kinder häufig weniger weit entwickelt als wohlbehütet aufgewachsene Gleichaltrige.

Manche Kinder haben seelische oder körperliche und/oder geistige Beeinträchtigungen. „Man kann Kriterien angeben, was man sich bei seinem Pflegekind vorstellen kann und was nicht“, sagt Heuer. Niemand soll sich mehr aufbürden, als er oder sie schaffen kann. Pflegefamilien werden eng von der jeweils zuständigen Sozialpädagogin begleitet und haben einen Ansprechpartner beim Jugendamt an der Seite.

Hamburger Pflegeeltern erhalten bis zu 1330 Euro monatlich für ein Kind

Das Jugendamt zahlt Unterhalt für das Pflegekind. „Elternzeit gibt es auch, aber Elterngeld nicht“, so Isabell Heuer. Sie findet das ungerecht. „Ich bin für meine Tochter 18 Monate zu Hause geblieben, wie andere Eltern auch.“ Ihr Mann hatte in der Zeit eine Umschulung und konnte sich immerhin in der ersten Zeit ebenfalls intensiv seiner neugeborenen Tochter widmen.

Ergänzend bekommen Pflegefamilien unter anderem Anteile des Kindergelds, einen Beitrag zu den Kosten der Erziehung, einzelfallabhängig einmalige Beihilfen und Zuschüsse sowie einen Zuschuss zur Altersvorsorge und Beiträge zu Versicherungsleistungen wie die Unfall- und Haftpflichtversicherung, so Bezirksamtssprecher Fricke.

Das Pflegegeld unterscheidet sich je nach Pflegeform. Beispielsweise erhalten Pflegefamilien bei einer Unterbringung auf Dauer bis zu 1330 Euro monatlich – etwa bei Kindern mit Behinderungen. Bei Familie Heuer ist es deutlich weniger.

Mehr zum Thema

Pflegeeltern werden: Infoabend am 7. März in der Elternschule Langenhorn

Die Heuers haben den Schritt, Pflegeeltern zu werden, nie bereut. Wieso auch. „Milla macht sich großartig. Sie ist aufgeweckt, spielt und läuft viel.“ Vielleicht aber das Wichtigste: „Sie wird doll geliebt.“

Wer sich vorstellen kann, einen ähnlichen Schritt zu gehen wie Familie Heuer, kann am kommenden Donnerstag (7. März) um 19 Uhr einen Themenabend in der Elternschule Langenhorn (Holitzberg 139) besuchen. Zu dem Infoabend sind alle Interessierten eingeladen, um mit Pflegeeltern ins Gespräch zu kommen und sich zu informieren.

Interessierte können sich zudem bei der Zentralen Pflegestellenvermittlung (ZPV) im Bezirksamt Altona melden: Tel. 040/428 11-36 47 oder 428 11-27 51, per E-Mail: koordination-pkd@altona.hamburg.de. Auch die sieben bezirklichen Pflegekinderdienste stehen zur Verfügung sowie der freie Träger Pfiff (Tel. 040/410 984-60).