Hamburg

"Poletto Road": Eppendorfer schimpfen auf Cornelia Poletto

Kontroverse in Eppendorf: Angelika und Janine Meltz sowie Hamburgs Star-Köchin Cornelia Poletto

Kontroverse in Eppendorf: Angelika und Janine Meltz sowie Hamburgs Star-Köchin Cornelia Poletto

Foto: Laible/Hernandez/Montage: HA

Traditionsgeschäft Wild und Geflügel Meltz soll von Star-Köchin verdrängt werden. Doch Cornelia Poletto stellt das anders dar.

Hamburg. Die Postbotin brachte die Kündigung am Mittag, als sich bei Wild und Geflügel Meltz an der Goernestraße in Eppendorf die Stammgäste über die Tageskarte beugten. Geschäftsführerin Angelika Meltz und ihre Tochter Janine, die im Laden ihrer Eltern angestellt ist, waren geschockt. Der Vermieter beendet das Vertragsverhältnis. „Mir war sofort klar, was der Brief bedeutet“, sagt Janine Meltz.

Seit 2004 führt die Familie den kleinen Laden in der Nähe der U-Bahnstation Kellinghusenstraße. Ein Schlachter war dort aber schon lange. Bei den vorherigen Besitzern hatte Angelika Meltz bereits 23 Jahre gearbeitet.

Die künftige Pächterin soll niemand Geringeres sein als Hamburgs Star-Köchin Cornelia Poletto. Ihr Geschäft expandiert. Restaurant, Kochschule, Kneipe – die Eppendorfer sprechen schon von einer „Polettosierung“ ihres Stadtteils. Das schmeckt nicht allen. Eingesessene Geschäftsleute wie die Familie Meltz fühlen sich verdrängt.

Cornelia Poletto übernimmt Eppendorfer Kneipe

Cornelia Poletto dagegen verfolgt emsig ihre Pläne: Dunkles Holz, Dielenboden, ein Tresen mit Barhockern, schummeriges Licht – der „Brospieker“ in einem Altbau an der Goernestraße ist eine typische Kneipe und seit mehr als drei Jahrzehnten ein beliebter Treffpunkt in Eppendorf. Hinter der Theke steht beim Abendblatt-Termin Cornelia Poletto.

Ein ungewohntes Terrain für die Spitzenköchin und Gastronomin, die seit 2011 nebenan das Restaurant „Cornelia Poletto“ und seit 2013 zudem die Kochschule Cucina betreibt.

Vor wenigen Wochen hat die 48-Jährige den „Brospieker“ übernommen: „Als ich hörte, dass die Betreiber einen Nachfolger suchen, haben wir uns zusammengesetzt und waren uns schnell einig. Das ist ein echtes Kleinod und es soll auch weiterhin eine gemütliche Kneipe bleiben. Hier sollen sich die Stammgäste wohlfühlen und die Restaurantbesucher auf einen Absacker vorbeischauen.“

Wild und Geflügelladen Meltz fühlt sich hintergangen

Jetzt erhält das Lokal erst einmal eine Frischzellenkur. Aber: „An der Einrichtung werden wir nicht viel ändern. Es ist doch gemütlich hier“, sagt Poletto. Die Eröffnung ist für nach Ostern geplant. Direkt Wand an Wand ist der alteingesessene Wild- und Geflügelladen Meltz: „Ich interessiere mich auch für diese Fläche, bin im Gespräch mit der Hausverwaltung. Man könnte einen Durchbruch machen und die beiden Flächen in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen, denn früher waren die beiden Geschäfte eine Fläche.“

Doch hier beginnt die Kontroverse: Poletto sagt: „Als ich von der Familie Meltz erfahren habe, dass sie ihr Geschäft aus gesundheitlichen aufgeben wollen, haben wir Gespräche geführt. Weil die Familie jedoch einen horrenden Abstand für in die Jahre gekommene Einrichtungsgegenstände forderte, die ich schlichtweg entsorgen würde, sind wir nicht zusammengekommen." Einer solch hohen Ablösesumme müsse ein Wert gegenüberstehen.

"Wenn ich aber eine fünfstellige Summe zahlen soll und dafür nur Entsorgungskosten habe, macht das schlichtweg keinen Sinn.“

"Dass wir kündigen, haben wir nie gesagt"

Das stellt Familie Meltz etwas anders dar. Als im vergangenen Jahr ihr Mann Reiner Meltz aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden ist, hatte Angelika Meltz ihren Verwalter kontaktiert, Gerd-Werner Lortz von der Grundstücksverwaltung Wruck. „Ich wollte nur einmal fragen: Was wäre, wenn wir aus Altersgründen hier rausmüssen. Ob wir dann selbst jemanden suchen könnten, der den Laden so weiterführt“, sagt die 59-Jährige im Gespräch mit dem Abendblatt.

Der Verwalter stimmte damals zu. „Dass wir kündigen wollen, haben wir jedoch nie gesagt“, so Meltz. Das war im Mai. Etwa zwei Wochen später rief Verwalter Lortz an, er habe einen passenden Nachfolger gefunden. Am 18. Juni trafen sich Cornelia Poletto und deren Assistentin mit der Familie Meltz im Laden in der Goernestraße. „Wir wollten wissen, ob sie das Geschäft so oder ähnlich weiterführen möchte“, sagt Angelika Meltz. Auch über die Ablösesumme hatten sie sich unterhalten.

Ablösesumme für Schlachter-Geschäft als Altersabsicherung

„Am wichtigsten war uns, dass unsere Stammkunden auch in Zukunft eine Anlaufstelle haben würden.“ Zwar sei auch die Ablösesumme als Altersabsicherung für das Ehepaar Meltz wichtig, doch der Erhalt des Wild und Geflügelgeschäftes habe oberste Priorität gehabt.

Poletto habe Interesse gezeigt und die Familie Meltz sei mit einem positiven Gefühl in den Urlaub nach Kreta geflogen. „Da haben wir dann die Mail der Assistentin erhalten“. Sie hätten sich falsch verstanden, Poletto wolle nur die Räume mieten und auch keine Ablösesumme zahlen. „Das hat uns schon gewundert, weil wir uns sehr genau an das Gespräch erinnern und uns unserer Meinung nach klar ausgedrückt haben“, sagt Tochter Janine.

E-Mail von Cornelia Poletto

Dass es diese Mail gab, bestätigt Poletto. Der Inhalt sei gewesen, dass man aufgrund der Abschlagsforderungen nicht ins Geschäft komme. "Ich lasse mich durch das Einschalten der Öffentlichkeit nicht unter Druck setzen, eine überzogene Ablösesumme zu bezahlen. Das grenzt an Erpressung.“

Poletto ist wichtig: „Ich habe nichts damit zu tun, dass der Familie Meltz gekündigt wurde. Das ist allein Sache der Hausverwaltung. Ich interessiere mich nach wie vor für die Fläche, aber zurzeit herrscht Stillstand.“

Erste Kündigung war nicht rechtskräftig

Familie Meltz hatte später eine junge Frau gefunden, die bereit war, den Laden zu übernehmen und eine angemessene Ablösesumme zu bezahlen. Die Interessentin hatte vor, Janine Meltz einzustellen und auch Mutter Meltz sollte als Aushilfe noch ab und an hinter dem Tresen stehen. Die Kündigung erwischte sie wie ein Regenguss aus heiterem Himmel. „Wir mussten zwei Tage Luft holen, weil das ja ein Hammer war“, sagt Janine Meltz und tätschelt tröstend den Arm ihrer Mutter.

„Für uns war der Grund offensichtlich und wir haben direkt einen Anwalt kontaktiert. Zum Glück, denn die Kündigung war nicht rechtskräftig.“

Da der Eigentümer gewechselt hatte und der Verwalter sie darüber nicht in Kenntnis gesetzt hatte, haben sie einen Aufschub von drei Monaten erhalten. Trotzdem steht das Auszugsdatum: Am 30. Juni 2020 muss Familie Meltz den Laden räumen. Mutter und Tochter glauben beide nicht, dass Poletto oder der Verwalter mit sich reden lassen.

Polettos Mann Rüdiger Grube bei Verhandlungen

Vor zwei Wochen habe es ein erneutes Treffen mit Ex-Bahnchef Rüdiger Grube gegeben, Polettos Ehemann. „Das hätten wir uns sparen können“, sagt Angelika Meltz. Grube habe sofort klargemacht, dass Poletto nicht bereit ist, einen Cent zu zahlen. „Herr Grube hat nur gesagt, er und seine Frau wollten die Straße verschönern“, sagt Angelika Meltz.

Auf Anfrage des Abendblattes teilt der Verwalter mit, dass das vorgeschlagene Nachfolgekonzept von Familie Meltz dem Eigentümer nicht gefallen habe. „Wir wollen dort einfach etwas anderes haben sowohl äußerlich als auch, was den Laden selbst betrifft“, sagt Gerd-Werner Lortz von der Grundstücksverwaltung Wruck.

"Verhältnis zur Nachbarschaft wichtig"

Poletto betont: „Mir ist ein gutes Verhältnis zu meiner Nachbarschaft wichtig und es gibt auch sehr viele Anwohner, die sich darüber freuen, was wir hier vorhaben. Ich würde mich sehr freuen, wenn auch die Stammkunden von Familie Meltz in der Kneipe vorbeischauen. Wir werden auch Kleinigkeiten zum Essen anbieten. Leckere Frikadellen oder Eintöpfe, an dem finalen Konzept wird noch gefeilt.“

Wie der „Brospieker“ künftig heißen wird, ist noch nicht entschieden. Aber der Name Cornelia Poletto – wie nebenan – soll das Lokal nicht zieren.

Ob Poletto als neue Mieterin mehr zahlt als bisher Familie Lortz, dazu wollte sich der Verwalter nicht äußern. Die Inhaberin des angrenzenden Zeitschriftenladens beobachtet die Entwicklung mit Sorge: „Wir sind seit 26 Jahren hier“, sagt Malihe Wahedi, „ich möchte den Laden noch mindestens fünf Jahre weiterführen. Ein bisschen Angst hat man schon, wenn man die schreckliche Geschichte von Familie Meltz hört“, sagt die 62-Jährige.

Was Kunden zu der Übernahme sagen

In der vergangenen Woche haben Janine und Angelika Meltz angefangen, die Kunden darauf vorzubereiten. „Wir sind eines der letzten Wild- und Geflügelgeschäfte in ganz Hamburg“, sagt Janine Meltz. „90 Prozent unserer Kunden sind Stammkunden, etwa 1800 von ihnen bedienen wir monatlich.“

Stammkundin Dagmar Dehring reagierte entsetzt: „Wir werden heimatlos“, sagt sie. Die 82-Jährige isst jeden Mittag kurz vor 13 Uhr bei der Familie Meltz. Wildfrikadellen, Hühnerfrikassee, Hähnchenschenkel und Salate. Die Stammkunden seien „alle betrübt und geschockt“.

Cornelia Poletto entgegnet darauf: „Ich habe selber ein kleines inhabergeführtes Unternehmen und keine Kette, die hier die gesamte Goernestraße übernimmt – das habe ich auch nicht vor. Mir liegt viel daran, eine Institution wie den ,Brospieker‘ zu erhalten.“

"Poletto Road" in Eppendorf?

Dana Keller isst regelmäßig in dem Wild und Geflügelladen zu Mittag. „Ich habe nichts gegen Poletto, aber man kann nur bei Familie Meltz so preiswert und familiär in Eppendorf essen.“ Keller beschreibt das Familienunternehmen auch als „Anlaufstelle für alte, einsame Menschen.“ Die Rentnerin sagt: „Familie Meltz ackert für ihre Kunden, das ist einfach nicht fair!“

Das findet auch Janine Meltz, deren fünfjähriger Sohn bereits die Kunden bedienen darf. „Wir arbeiten erst einmal weiter“, sagt sie zu ihrer Mutter und steht auf, um den nächsten Kunden zu bedienen. „Wenn es noch weitere Geschäfte in der Straße betrifft, müssen wir alle am selben Strang ziehen, sonst heißt die Straße bald Poletto Road.“