Hamburg

Umstrittene Gedenkstätte in den Stadthöfen eröffnet

Stephanie Krawehl heißt nicht nur Besucher willkommen, die sich für ihr umfangreiches Büchersortiment interessieren, sondern auch alle, die sich über den Standort, das ehemalige Stadthaus, informieren wollen

Stephanie Krawehl heißt nicht nur Besucher willkommen, die sich für ihr umfangreiches Büchersortiment interessieren, sondern auch alle, die sich über den Standort, das ehemalige Stadthaus, informieren wollen

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Buchhändlerin Stephanie Krawehl betreibt das neue Lesecafé und verspricht einen bundesweit "einmaligen Ort der Erinnerung".

Hamburg.  Es hatte viel Kritik an der geplanten Gedenkstätte in den Stadthöfen gegeben. Doch am Ende konnte Stephanie Krawehl der Eröffnung ihrer Buchhandlung mit Lesecafé unbelastet entgegengesehen. Seitdem die Stadt einen runden Tisch zur Gestaltung der Gedenkstätte ins Leben gerufen hatte, um auf die Kritik zu reagieren, ist der Protest leiser geworden.

Bücher sollen Verbindung zur Ausstellung schaffen

Heute nun ist es so weit: Die Buchhandlung „Lesesaal“ im neuen Quartier Stadthöfe an der Stadthausbrücke öffnet ihre Glastüren. Wo in der NS-Zeit das Hauptquartier der Gestapo war, heißt Stephanie Krawehl nicht nur Besucher willkommen, die sich für ihr umfangreiches Büchersortiment interessieren, sondern auch alle, die sich über den Standort, das ehemalige Stadthaus, informieren wollen.

„Ich bin überzeugt davon, dass das hier ein lebendiger, kommunikativer und in Deutschland einmaliger Erinnerungsort wird“, sagt Stephanie Krawehl, deren „Lesesaal“ bislang in Eimsbüttel war. Der Laden wurde bereits zweimal als eine der besten Buchhandlungen Deutschlands ausgezeichnet und die Inhaberin von der Kulturbehörde als Betreiberin des Geschäfts in den Stadthöfen vorgeschlagen. Zu Kinder- und Jugendbüchern, Belletristik, Kochbüchern und „Interessantem“ (darunter versteht sie unter anderem philosophische, zeit-, kunst- oder religionsgeschichtliche Bücher) kommen nun Werke zu Holocaust und Verfolgung. „Diese Bücher sollen eine Verbindung zur Ausstellung schaffen“, sagt die Buchhändlerin.

Ihre Großmutter wurde dreimal selbst in den Stadthöfen verhört

„Geschichtsort Stadthaus“ heißt die Ausstellung, die im linken Teil der Buchhandlung zu sehen ist. Durch zwei Installationen in den Schaufenstern werden Passanten darauf aufmerksam gemacht: ein Schreibtisch, der zu Gestapo-Zeiten im Stadthaus stand, und Fotos von 20 Menschen, die hier verhört worden sind. Auf sechs Tischen liegen die von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zusammengetragenen Exponate: Texte und Bilder aus der „Dokumentation Stadthaus“, die 2012 in der Rathausdiele gezeigt worden war.

Die künftige Dauerausstellung im „Lesesaal“ soll voraussichtlich im ersten Halbjahr 2019 eröffnen und wird derzeit von dem neu gegründeten Beirat vorbereitet. Ihm gehören unter anderen Hans-Jörg Czech vom Museum für Hamburgische Geschichte, Wolfgang Kopitzsch von der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten, Vertreter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und weitere Experten an. Die Gestaltung der Ausstellung übernimmt die Agentur Missall Gries und Partner. Stephanie Krawehl fühlt sich dem Thema nicht nur literarisch, sondern auch familiär verbunden: „Meine Großmutter stammte aus Uruguay und wurde selber dreimal in den Stadthöfen verhört.“ Dennoch war sie nach Bekanntwerden der Verbindung Buchhandlung-Café-Ausstellung zunächst in den Fokus der Kritik geraten. Diese galt aber eigentlich der Stadt und Quantum Immobilien, dem Investor. Er hat das Areal 2008 von der Stadt Hamburg gekauft, um hier Geschäfte, Restaurants, Wohnungen und ein Hotel zu errichten, verbunden mit der Auflage, auf 750 Quadratmetern eine Gedenkstätte zu errichten.

Halten Sie die Gedenkstätte in den neu eröffneten Stadthöfen für angemessen?

„Konsum statt Gedenken? Niemals“ war auf den Flugblättern der Kritiker zu lesen, die sich zusammenschlossen und noch immer freitags eine Mahnwache vor den Stadthöfen halten. Ein würdiges Gedenken sei in einem Café wegen der dort herrschenden Unruhe wohl kaum möglich, hatte etwa Wolfgang Kopitzsch, der frühere Polizeipräsident, argumentiert. Dem kann Stephanie Krawehl nicht folgen. „Bei uns im Café finden Besucher der Ausstellung einen Ort der Ruhe, an dem sie sich mit dem, was sie gesehen und gelesen haben, auseinandersetzen können.“ Zudem sei die Ausstellung rund 60 Stunden pro Woche geöffnet und erreiche dadurch viele Besucher.

Die Stadt habe die Brisanz der Lage lange unterschätzt, gibt Enno Isermann von der Kulturbehörde selbstkritisch zu. „Uns war nicht klar, dass so viele Betroffene bei der Gestaltung der Gedenkstätte mitreden möchten.“ Das sollte durch die Gründung eines Beirats aufgefangen werden. Dieser beschäftigt sich im Übrigen auch mit der Gestaltung des sogenannten Seufzer-Gangs, durch den die Gefangenen von den Zellen zu den Verhören geführt wurden. Er liegt unter der Arkadenbrücke, durch die man die Stadthöfe vom Neuen Wall aus betritt.

Am Mittwoch um 19 Uhr wird dort anlässlich der Eröffnung das Oratorium „Tenebrae“ von Michael Batz aufgeführt. Eintritt frei.
Internet: www.lesesaal-hamburg.de