Reeperbahn

„Kiez-Tanke“: Abschied zum 50. Geburtstag

Esso nahm 1963 an der Reeperbahn die erste Waschanlage Hamburgs in Betrieb. Im März wird die Station abgerissen. Eine Besonderheit funktioniert noch wie am ersten Tag.

Hamburg. Von seinem Bürofenster aus blickt Jürgen Schütze mitten auf den Spielbudenplatz. Es ist ein bisschen wie Kino für ihn, wenn das Szenevolk, die Touristen und die Gäste der Theater und Musicals dort unten über den Platz schlendern, in Grüppchen stehen bleiben und sich unterhalten. Schützes Arbeitszimmer liegt direkt über der berühmten Esso-Tankstelle auf dem Kiez – seiner Esso-Tankstelle.

Sein Büro ist klein und steckt voller Erinnerungen: Fotos von Segelschiffen, Tankstellen und Autos und alte Stiche, die den Spielbudenplatz zeigen. An der Wand steht eine Reihe von Filmkassetten. Was der 77 Jahre alte Jürgen Schütze in den vergangenen 50 Jahren mit seiner Autowaschanlage erlebt hat, ist in vielen Filmen festgehalten worden. „Da spielen Menschen aus allen Schichten mit. Vom Hafen, aus Blankenese, Touristen, Nachbarn, Schaulustige“, sagt der Seniorchef.

Schützes mittlerweile deutschlandweit bekannte Tankstelle heißt offiziell Esso-Station Reeperbahn, aber auf dem Kiez wird sie bloß „die Tanke“ oder „die Esso“ genannt. Sie ist ein Platz für Nachtschwärmer, der Treffpunkt auf St. Pauli vor, nach oder während einer Kieztour. Hier „tanken alle auf“, heißt es auf der Internetseite. „Nicht nur mit Benzin und Diesel“ – sondern auch mit harten oder weichen Getränken. Der Verkauf ist neben Waschanlage, Parkhaus und Zapfsäule das vierte Standbein des Familienbetriebs. „Kraftstoff für die Seele“, verspricht Schütze seinen Kunden.

Im November 1963 öffnete die erste Waschstraße Hamburgs hier ihre Tore. „Wochenlang standen Autos Schlange“, sagt Schütze. Die Hörfunkreporter-Legende Hermann Rockmann berichtete damals live. Seinen Erfolg erklärt er mit einem Satz, der ein Gesetz auf dem Kiez ist: „Hier kennt man sich.“

In der kommenden Woche, am 21. November, feiert Hamburgs erste Waschstraße ihr 50-jähriges Bestehen. Eine Besonderheit funktioniert noch wie am ersten Tag und verbindet den technischen Säuberungsvorgang mit dem Menschlichen: Der Autofahrer muss nach der Handwäsche aussteigen und warten, bis der Wagen durch den „magischen Tunnel“ wie von Geisterhand ohne Fahrer gezogen wird. Die Kunden warten dann an Plastiktischen und haben Zeit zu gucken: Wer so kommt. Oder wer was schickes Neues (auf dem Beifahrersitz) hat. Wer dazugehört. Oder wer von den „Utlänners“ (Nicht-St.-Paulianern) vorbeikommt.

Zu gucken gibt es immer viel. „Schöne Autos mögen schön sein“, weiß Schütze. Und meint: „Schön sauber!“ Das ist sein Geschäft. Er hat sie alle gesehen: die aufgebrezelten Zuhälter mit ihren vergoldeten Limousinen, die Polizisten mit ihren nicht minder schicken Peterwagen, die soliden und weniger soliden Damen mit ihren niedlichen, weißen Pudeln. Aber auch für Schütze gilt das wichtigste der ungeschriebenen St.-Pauli-Gesetze: immer schön sauber bleiben. Also: Nichts über Kunden erzählen. Nur über einen redet er: Jürgen Roland sei immer gern gekommen, der Krimi-Regisseur, der mit einem Film die nahe Davidwache berühmt machte – im Film mit falschem eingeschobenen „s“ als Davidswache.

Der Ablauf einer Fahrt durch die Waschanlage hat mehrere Stationen: Rechts neben der Tankstelle fährt man an der Saugstation vorbei. In der Waschhalle steht „die Familie“, Mitarbeiter aus ganz Europa. Sie waschen mit Hochdruckreinigern und zur Not auch mit Lappen die Wagen vor. Ein Trinkgeld garantiert hier den besonderen Glanz.

Nach einer Kurve wird der Wagen in eine Schiene gewinkt. Der Fahrer steigt aus und erhält einen Zettel über die Art der Wäsche. Nun werden die Autos automatisch durch den Waschtunnel gezogen. Während der Fahrer nach dem Bezahlen vorn im Raum mit den Plastik-Stehtischen wartet. Vor dem „magischen Tunnel“ sind alle gleich. Man guckt, ob auch der eigene Wagen unversehrt aus dem schwarzen Loch kommt. Und schnackt wie von allein.

„Es ist wirklich so, wie Corny Littmann einmal sagte: ‚St. Pauli ist ein Dorf und die Tanke der Dorfplatz‘“, sagt Jürgen Schütze. „Hier ist wirklich Multikulti“, sagt Jürgen Schütze, und seine blauen Augen leuchten aus dem freundlichen Gesicht.

Schützes Vater Ernst besaß vor dem Zweiten Weltkrieg eine kleine Shell-Tankstelle mit einer Zapfsäule, an der mit langen Hebeln das Benzin von Hand gepumpt wurde. „Links und rechts der Säule waren zwei Schaugläser, die fünf Liter fassten. Die wurden mit den Hebeln vollgepumpt, und erst dann konnte das Benzin in den Tank fließen“, erzählt Jürgen Schütze. „Bis 1943 stand diese Tankstelle dort, wo heute der Fernsehturm in den Himmel ragt.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte Ernst Schütze das Grundstück am Spielbudenplatz. „Die Stadt Hamburg forderte damals eine Mischbebauung: Tankstelle, Geschäfte, Wohnungen und Garage in einem Bunker, den wir übernehmen mussten“, erinnert sich der Sohn. Die Tiefgarage lief anfangs gar nicht. „Es kamen vielleicht fünf Autos im Monat, und wir machten 25 Mark Umsatz.“ Heute dagegen laufe das Geschäft mit der Garage mit 500 Plätzen gut. Ursprünglich war die Tiefgarage ein zweigeschossiger Bunker, in dem im Krieg bis zu 20.000 Menschen Schutz fanden.

Ende der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts hörte Ernst Schütze von einer US-amerikanischen Waschstraße namens „Rocket“ und flog in die Vereinigten Staaten, um die Anlage zu begutachten. „200 Autos in einer Stunde zu waschen, das war damals unvorstellbar“, sagt der Sohn heute. Schließlich kauften die Schützes eine ähnliche Anlage namens „Magic Tunnel“ über eine britische Firma. „In Frankfurt wurden glücklicherweise deutsche Elektromotoren eingebaut.“

Mehr als 50 Reporter seien zur Eröffnung gekommen, sagt Jürgen Schütze. Bald hatte die Anlage einen guten Ruf – obwohl einige Autos zu Anfang leicht lädiert wurden. „Wir hatten immer Glück“, sagt der Senior. „Nein, nicht immer.“ Einmal sei sein Vater auf die Idee gekommen, Hafenarbeiter morgens anzuheuern, weil so viel zu tun war. „Doch um 11 Uhr sagten die: Chef, wir machen jetzt Fofftein, und die Anlage stand still. Also musste mein Vater wieder zum Hafen und weitere Arbeiter anheuern.“

Damals wurde noch mehr als heute mit der Hand gearbeitet. Vier bis sechs Mann wuschen das Auto vor dem Band mit der Hand vor. Zwei große Tröge mit Waschwasser standen dort. „Dann wurden die Autos auf das Band geschoben. Derweil reinigten andere das Wageninnere mit einem Staubsauger.“ Am Ende des Fließbandes warteten fünf Mann, um die Wagen trocken zu wischen. „Alle sieben Jahre wurde die Anlage überarbeitet und Neues eingebaut“, sagt Juniorchef Lars Schütze. Heute ist er froh, dass wesentliche Teile der Waschstraße die alte Technik enthalten, denn die sei einfacher zu reparieren. Zum Kult sei die Tanke erst in den 1990er-Jahren geworden. „Der Hype entstand, als das Theaterpublikum kam, als sich das Rotlichtquartier zu einer Eventmeile wandelte“, sagt Lars Schütze mit einem Lächeln. „Als ich zur Schule ging, hatte ich einen Esso-Reeperbahn-Aufkleber auf dem Ranzen. Das wurde von meinen Mitschülern belächelt. St. Pauli war damals nicht beliebt. Und heute sehe ich dieselben Leute als Anwälte. Die kommen jetzt mit braunen Pullis und gehen zu ihrem FC.“

Auch der Senior lächelt und berichtet von eine anderen Besonderheit: „In den 80er-Jahren, als die Konkurrenz von anderen Waschstraßen immer größer wurde, richteten wir ein Automatikband ein. Alles lief ohne Handarbeit, nur ein Mann wischte nach. Das Waschen war billiger. Doch die Anlage war nicht erfolgreich; die Kunden wollen die Handarbeit.“

Szenenwechsel: Es ist hier neun Grad kalt, 24 Stunden geöffnet und das Angebot an Bieren ist üppig. Im Verkaufsraum der Tankstelle ist es hinten immer „etwas frisch“, weil „wir sonst alles voller Kühlschränke stellen müssten“, sagt der Junior. Man wirbt mit dem „längsten Kühlregal für Getränke in Hamburg“.

Viele der jugendlichen Kiezgänger versorgen sich hier mit Bier zum „Vorglühen“ oder auch um nachts „die Tanke“, die Straße davor und den angrenzenden Spielbudenplatz zum Treffpunkt zu machen. Als es noch kein Glasflaschenverbot gab (das die Esso-Tanke unterstützte), lag jeden Abend auf der Straße ein flächendeckender Scherbenhaufen. Der Verkauf von Nahrungsmitteln begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als es neben der Kasse „Reiseproviant“ gab. Jürgen Schütze erinnert sich besonders gern an englische Bonbons in der Dose.

2009 verkaufte die Familie das Grundstück mit Tankstelle und den Wohn- und Geschäftsbauten an die Bayerische Hausbau. Nun sollen die Tankstelle und die Häuser im März 2014 abgerissen werden. Schütze will danach wieder einen Kiez-Treffpunkt schaffen – als Pächter eines Ladens im Erdgeschoss des Neubaus.

Vorher aber wird am 21. November noch der 50. Geburtstag dieser Kiez-Institution gefeiert – und zugleich der Abschied von der Kiez-Tanke.