Bildung

Zum Diktat, bitte – ein Test an der Klosterschule

Für die 10a ist es die erste Rechtschreibüberprüfung seit drei Jahren. Der Notenschnitt ist mit 2,8 ordentlich. Doch Experten und Ausbilder fordern grundlegende Reformen.

Hamburg. Die Schüler der 10a haben jetzt, um 14.35 Uhr, schon einen langen Tag hinter sich. Aber an der Klosterschule, Hamburgs erstem Ganztagsgymnasium, ist Unterricht am Nachmittag normal. Diese Stunde aber ist gleich aus zweierlei Gründen ungewöhnlich: Die Schüler sollen ein Diktat schreiben, was sie seit der 7.Klasse nicht mehr getan haben, und zwar für das Abendblatt. Nach der Diskussion über die umstrittene Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ wollten wir wissen, wie es um die Rechtschreibleistung bei Zehnklässlern bestellt ist.

Die Lehrerin liest den 216-Wörter-Text, der den Schülern völlig unbekannt ist, einmal im Ganzen vor. Thema: die Körpersprache. Rechtschreibung und Kommasetzung bergen Tücken – etwa bei „Therapeut“, „nonverbale Kommunikation“, „widerrufen“ und „unmissverständlich“; bei „ohne dass“, „gar nicht“ oder „das Wippen des Fußes“. Dann beginnt die Lehrerin, die einzelnen Sätze vorzulesen. Wer nicht mitkommt, darf die Hand heben.

Wir haben das Gymnasium Klosterschule wegen seiner heterogenen Schülerschaft, die aus einem weiten Einzugsgebiet kommt, ausgesucht. Die Schule schneidet bei Vergleichen der Lese- und Schreibkompetenz in der Regel besser ab als der Durchschnitt. So ist Schulleiter Ruben Herzberg auch nicht überrascht von dem Ergebnis des Diktats: Nur zwei der Schüler bekamen ein „mangelhaft“ (mehr als 14 Fehler), es gab drei Einsen (weniger als zwei Fehler), die meisten Schüler machten zwischen sechs und neun Fehler und wurden mit der Note 3 bewertet; der Notendurchschnitt lag bei 2,8. „Bei einem ungeübten Sachtext auf Ebene der Erwachsenenkommunikation kann man damit durchaus zufrieden sein“, so Herzberg. Zumal es sich bei Zehntklässlern ja noch um Lernende handle.

Die Schüler äußersten sich nach den Diktat durchaus positiv über diese Form des Rechtschreibtrainings. „Es ist gut, wenn man sich auch mal über nicht-alltägliche Wörter Gedanken machen muss“, war die überwiegende Meinung. „Und wenn man genau sieht, wo man Fehler macht.“

Das Diktat als Überprüfungsform sei didaktisch nicht mehr gewünscht, sagt Deutschlehrerin Anke Jendrny, die auch die Sprachlern-Beraterin der Klosterschule ist. Als Klassenarbeit würden Diktate nur bis zur Mittelstufe geschrieben werden, dann würde generell weniger Rechtschreibunterricht stattfinden. „Der Schwerpunkt der Rechtschreibbildung liegt bei uns in den 5. und 6. Klassen“, sagt Frau Jendrny. Mit der „Hamburger Schreibprobe“ werde überprüft, wie weit die Schüler seien. Wer Schwierigkeiten hat, wird ein halbes Jahr lang gesondert gefördert. Der Versuch, das Rechtschreibtraining auf die höheren Klassen auszuweiten, scheitere letztendlich an den fehlenden finanziellen Mitteln.

Das Diktat an der Klosterschule mit den relativ guten Ergebnissen hat natürlich keinen repräsentativen Charakter. Viele Experten zeichnen jedenfalls ein eher negatives Bild – zum Beispiel Agi Schründer-Lenzen. Sie ist Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Potsdam. Auch unter ihren Lehramtsstudenten, die selbst später einmal Schüler unterrichten wollen, sind solche, die bei Klausuren keine einwandfreien Texte abliefern. „Die Fehler, die teilweise gemacht werden, sind gravierend. Sie würden keineswegs nur einem Deutschlehrer auffallen, der genau auf die Feinheiten der Interpunktion oder der Groß- und Kleinschreibung achtet“, sagt Agi Schründer-Lenzen, die Frau von Uni-Präsident Dieter Lenzen. Die grammatikalische Struktur von Sätzen stimme in diesen Texten nicht und manchmal würden auch eigentlich häufig vorkommende Wörter falsch geschrieben. „Das ist bei Menschen, die über das Abitur verfügen, so eigentlich nicht zu erwarten.“

Die Pädagogik-Professorin hat sich insbesondere mit der Rechtschreibung an Grundschulen befasst. Ihr Buch „Schriftspracherwerb“ ist gerade erschienen. „Die Relevanz von Rechtschreibung ist in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend infrage gestellt worden“, sagt Schründer-Lenzen. „In den 70er- und 80er-Jahren, als reformpädagogische Ansätze populär wurden, sind die formalen Fertigkeiten von Schülern wie richtig schreiben und rechnen in den Hintergrund getreten. Beigetragen zu der Entwicklung habe zudem die Rechtschreibreform, die eigentlich als Vereinfachung gedacht, doch vielfach auch zu Verwirrungen geführt habe – und zu dem Gefühl, eigentlich sei es doch auch egal, wie man schreibe, wenn alle paar Jahre neue Regeln kämen. „Durch die Orientierung an Vergleichsarbeiten und die Standardisierung von Abschlüssen bricht jetzt jedoch etwas auf“, hat Schründer-Lenzen beobachtet. Eltern begehrten auf: Sie beklagten sich über die schlechten Rechtschreibleistungen ihrer Kinder.

In Hamburg ist dies besonders der Fall. Hier hat der Pädagoge Jochen Reichen, der die umstrittene Methode „Lesen durch Schreiben“ entwickelt hat, am Landesinstitut für Lehrerbildung (LI) gearbeitet. „Er hat über viele Jahre Lehrer fortgebildet. Deshalb ist Hamburg ein Nest für diese Lernmethode“, so Schründer-Lenzen. Eher skeptisch sieht sie auch die Tatsache, dass an Hamburger Schulen die Schreibschrift nicht mehr verpflichtend gelernt werden muss. „Solange die Lehrer neben der Druckschrift auch die Schreibschrift lehren mussten, wurde in der Klasse Schreiben geübt. Fällt dies weg, gibt es eine Übungsschleife weniger.“ Und: „Ob, und wenn ja, welche Konsequenzen das für die Rechtschreibung hat, ist eine offene Frage.“

Die Basis für gute Rechtschreibung werde zwar in den Grundschulen gelegt. „Aber gerade in Hamburg mit seiner vierjährigen Grundschulzeit ist es wichtig, dass an den weiterführenden Schulen weiter an der Rechtschreibung gearbeitet wird“, so die Erziehungswissenschaftlerin. Schließlich seien gerade Schüler mit mittlerem Abschluss darauf angewiesen, Betriebe mit fehlerfreien Bewerbungszeugnissen zu überzeugen.

Und das gelingt vielen nicht, wie Fin Mohaupt, Leiter der Ausbildungsabteilung bei der Handelskammer Hamburg, beobachtet hat. In manchen Bewerbungen wimmele es vor Fehlern, zudem seien sie teilweise eher im Stil einer SMS oder Facebook-Kurznachricht geschrieben. „Viele Jugendliche können offenbar nicht zwischen Schrift- und Alltagssprache unterscheiden“, sagt Mohaupt. Viele Betriebe bemängelten seit Jahren, dass die sogenannten Kulturfertigkeiten der Jugendlichen wie Schreiben und Rechnen zu schlecht seien. „Und besser geworden ist das nicht“, so Mohaupt. Dabei sei dies entscheidend. „Ein guter Verkäufer kann man vielleicht auch sein, ohne die Interpunktion perfekt zu beherrschen, aber bei allen Berufen, die mit Büroarbeiten zu tun haben, ist dies schon außerordentlich wichtig“, sagt der Handelskammer-Mann.

Das gilt auch für die Polizei. Die Zahl der Bewerber, die durch den Deutschtest fallen, ist seit Jahren nahezu konstant. Konstant hoch. 40 bis 45 Prozent der Bewerber für den mittleren Dienst scheitern an den Anforderungen. Im gehobenen Dienst sind es bis zu 35 Prozent, sagt der Leiter des Zentralen Personalmanagements der Hamburger Polizei, Gerhard Ruschmeyer.

Die Kandidaten müssen ein Lücken-Diktat bestehen. „Häufig werden Fehler bei der Groß- und Kleinschreibung, bei der Worttrennung und der Interpunktion gemacht“, sagt Ruschmeyer. Einen Grund, das hohe Niveau des Deutsch-Tests abzusenken, sieht er nicht. „Polizisten müssen sich präzise ausdrücken und den Sachverhalt gerichtsfest zu Papier bringen können. Deutsch ist ein K.O-Kriterium.“ Für das Scheitern macht Ruschmeyer Nachlässigkeit und mangelhafte Vorbereitung verantwortlich. Und die Schulen. „Ich habe die Vermutung, dass die Grundanforderungen in Deutsch nicht so hoch sind, wie sie eigentlich sein sollten.“