„Lesen durch Schreiben“

Experte: Lernmethode benachteiligt sozial Schwache

Bildungsforscher schaltet sich in Debatte um das Programm „Lesen durch Schreiben“ ein. Er sieht Probleme in Stadtteilen wie Wilhelmsburg, wo Kindern oft familiäre Unterstützung fehlt.

Hamburg. Nach Auffassung des Hamburger Bildungsforschers Peter May benachteiligt die umstrittene Methode „Lesen durch Schreiben“, nach der die Schüler an einigen Grundschulen in der Hansestadt die Rechtschreibung lernen, Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern.

Sie bei diesen Schülern einzusetzen, sei „pädagogisch falsch“, sagt der promovierte Pädagoge, der als wissenschaftlicher Direktor am Institut für für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) tätig ist. Die Methode verlange, „dass andere als die Lehrkraft selbst als unterstützende Instanz auftreten“. Und: „Das ist bei bildungsfernen Elternhäusern nicht immer gegeben.“

Er habe in den 1990er-Jahren bei einem Projekt mit seinem Team die Leistungen von Schülern, die nach der Methode unterrichtet wurden, mit denen verglichen, die nach traditionellen Rechtschreiblehrgängen gelernt haben. „ Vor allem Klassen aus sozial schwierigen Stadtteilen waren durch den ,Lesen durch Schreiben‘-Lehrgang im Nachteil. Die Studien zeigen, dass die Anfangsmethode die Kinder mit ungünstigen Lernvoraussetzungen in der frühen Phase, in der sie besondere Unterstützung brauchen, eher verwirren“, so May. Insofern sei es pädagogisch falsch, eine solche Methode bei Kindern einzusetzen, die sich der Schriftsprache nicht sehr selbstständig widmen können.

Das Erlernen der Rechtschreibung nach dem Prinzip „Lesen durch Schreiben“ ist bei den Bildungspolitikern der Opposition in der Bürgerschaft stark in die Kritik geraten. Bei der Methode dürfen die Schüler zunächst die Wörter so schreiben, wie sie sie hören, ohne dass die Lehrer sie korrigieren – in der Hoffnung, dass sich die Kinder allmählich die korrekte Rechtschreibung aneignen.

Der Schreibkurs folge einem Prinzip, das der pädagogischen Philosophie der 80er- und 90er-Jahre entspricht, sagt May. Damals sei man dazu übergegangen, die formale Bildung, die sich in wiederholenden Übungen zeigte, zu überwinden mit intelligenten, kreativen, selbst gesteuerten Methoden.

Verboten wissen will May die Methode allerdings nicht, so wie es die FDP verlangt. Denn während sie die Kinder in Wilhelmsburg oder Rahlstedt-Ost möglicherweise überfordere, könnten Schüler in Wellingsbüttel oder Blankenese hervorragend damit die Rechtschreibung lernen. Entscheidend sei, so May, dass die Lehrer über die diagnostische Kompetenz verfügten, einschätzen zu können, was für ihre Klasse das Richtige ist.