Ottensen

Das Comeback der Vorwerkhühner in Hamburg

Das spontan auf den Namen „Karin“ getaufte Vorwerkhuhn wird zusammen mit seinen Artgenossen von Flavia Suter (l.) und Nina Leiner und anderen Helfern betreut.

Das spontan auf den Namen „Karin“ getaufte Vorwerkhuhn wird zusammen mit seinen Artgenossen von Flavia Suter (l.) und Nina Leiner und anderen Helfern betreut.

Foto: Michael Rauhe / HA

Im Garten einer Elbchaussee-Villa gezüchtet, dann ausgestorben: Heute leben vier der seltenen Tiere wieder in Ottensen.

Hamburg. Vorwitzig pest das Federvieh vom Stall in Richtung Zaun. Eine Menschenfamilie hat sich draußen eingefunden und lockt mit frischem Futter. Der wunderschöne Hahn mit dem wenig passenden Namen „Viktoria“ stolziert vorbei, das Gerenne der 18 Hennen lässt ihn kalt.

Im Motte-Hühnerhof im Herzen von Ottensen herrscht Hochbetrieb – und die Stimmung ist gut. Eine gewisse Prominenz hat „Lotta vom Kiez“, die vor Jahren mal auf der Reeperbahn eingefangen wurde und hier ein neues Zuhause fand. Mittenmang tummeln sich – schwarze Köpfe, hellbraune Körper – vier auffallend hübsche Tiere, die seit knapp einem halben Jahr zum Bestand der Motte-Hühner gehören.

„Am Anfang waren sie etwas ängstlich und meistens ganz für sich, aber das hat sich längst gegeben“, berichtet Nina Leiner, die zusammen mit Flavia Suter in der Werkstattgruppe der Motte arbeitet, die den Hühnerhof betreut (siehe Beistück). Entschlossen hebt Leiner eines der Tiere hoch, das sich dabei offensichtlich wohlfühlt. Eigene Namen hat das Kleeblatt noch nicht – Leiner vergnügt: „Ich wollte schon immer mal ein Huhn auf den Namen ,Karin‘ taufen, dann ist dieses hier eben jetzt Karin.“

Seltene Tiere

Die Vorwerkhühner sind nicht nur hübsch, sondern auch selten. Sie gehören zu denjenigen Haustierrassen, die vor Jahrzehnten fast einmal ausgestorben waren und jetzt ein Comeback erleben. Ein Erhaltungszuchtring Vorwerkhuhn“, 1999 im Haustierpark Arche Warder in Schleswig-Holstein gegründet, sorgt für ihre Verbreitung, und auch die Motte-Hühnerwerkstatt bekam ihre vier Prachtexemplare aus der Arche Warder.

Wer die quirligen Tiere in Ottensen herumlaufen sieht, kann sich kaum vorstellen, dass die scheinbar „uralte“ Rasse erst 1912 öffentlich vorgestellt wurde. Und ihren Ursprung, das dürfte für viele die zweite Überraschung sein, hat sie nur wenige Kilometer von Ottensen entfernt im feinen Othmarschen.

Hühnerzucht an der schicken Elbchaussee – das ist so eine Geschichte für sich. Dort – heutige Nummer 151 – hatte sich der Unternehmer Oscar Vorwerk (1865 bis 1933) von dem Architekten Ernst Paul Dorn ein vornehmes Landhaus aus hellem Backstein errichten lassen, das 1900 fertiggestellt wurde und heute noch erhalten ist. Wie die Historikerin Renate Hauschild-Thiessen ermittelt hat, war Vorwerk ein begeisterter Hühner-Fan, der sich im weitläufigen Park der Villa einen eigenen Zuchtbetrieb bauen ließ.

Grundlage für den Neuanfang

Was seine Nachbarn darüber dachten, ist nicht überliefert. Vorwerk beauftragte schließlich den Geflügelzuchtmeister Otto Seeliger damit, eine neue Rasse zu kreieren. Die Vorgaben: Das künftige Vorwerkhuhn sollte gutes Fleisch haben und fleißig Eier legen („170 im ersten Legejahr mit einem Mindestgewicht von 55 Gramm“). Außerdem sollte es ein „repräsentatives Äußeres“ haben und farblich zu dem Elbchaussee-Anwesen passen. Die Premiere glückte nach etlichen, rund zehnjährigen Versuchen, und nach der ersten Präsentation 1912 in Hannover erfolgte die offizielle Anerkennung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wäre fast das Ende für das Vorwerkhuhn gekommen. 1946 waren laut Hauschild-Thiessen nur noch zwei Hähne und 26 Hennen für die Zucht verfügbar, die Kriegs- und Nachkriegszeit auf einem Hof in Thüringen überstanden hatten. Sie bildeten dann die Grundlage für den Neuanfang. Auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen steht das Vorwerkhuhn mittlerweile in der Kategorie „Beobachtung“.

Hühnerhof wäre fast verschwunden

Die Geschichte des Motte-Hühnerhofs reicht auch schon weiter zurück: Sie begann 1986 mit der Anmietung einer 400 Quadratmeter großen Brachfläche an der Rothestraße. Fünf Monate später errichteten Schüler der Baugewerbeschule Nettelnburg das Hühnerhaus – ökologisch korrekt mit Lehmwänden und einem Gründach.

Als es Anfang der 1990er-Jahre Pläne für eine Bebauung des Geländes gab, widersetzten sich die Mitarbeiter und Freunde der Motte – mit viel Unterstützung aus dem Stadtteil. Die Pläne wurden schließlich zurückgezogen, das Gelände blieb erhalten. Heute ist es ein fester Fixpunkt im Stadtteil.

Mit dem Comeback der Vorwerkhühner in Ottensen schließt sich gewissermaßen ein Kreis: Sie sind nach langer Zeit wieder in Altona angekommen. Nina und Flavia sind sich einig: „Die Vorwerkhühner sind liebenswert, umgänglich und ein bisschen vorwitzig. Sie passen genau hierher.“

Nähere Infos zu den Hühnern unter: http://www.erhaltungszucht-vorwerkhuhn.de