Konzerthaus

Hamburgs Elbphilharmonie – Fluch oder Segen?

Seit mehr als
zwei Jahren ist
die Elbphilharmonie Besuchermagnet und
Wahrzeichen,
kulturpolitische
Chance und
Herausforderung.

Seit mehr als zwei Jahren ist die Elbphilharmonie Besuchermagnet und Wahrzeichen, kulturpolitische Chance und Herausforderung.

Foto: Michael Rauhe

Elbphilharmonie ist umgeben von vier Klassik-Festivals. Die Dynamik beschreiben deren Intendanten – und geben Konzert-Tipps.

Das sagt der Chef des SHMF-Festivals

Hamburg. Ich betone gerne, dass es für uns keine Grenze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein gibt. Viele Stadtteile gehörten bis in die 30er-Jahre zu Schleswig-Holstein, Norderstedt hat eine Hamburger Vorwahl, das Abendblatt wird auch im Umland gelesen. Aus Sicht des Schleswig-Holstein Musik Festival gehört Hamburg ohnehin wie selbstverständlich seit 1986 zu den 68 Spielorten, in diesem Jahr mit 30 von 223 Konzerten.

Hamburg ist die Metropole im Norden, und Schleswig-Holstein besticht durch seine Lage, die Schönheit der Landschaft und weit über 100 sehr unterschiedliche Spielstätten – von der Kirche über die Gutsanlage bis hin zum Bio-Tomatengewächshaus. Das Publikum strömt in beide Richtungen: von Schleswig-Holstein nach Hamburg und umgekehrt. Wir bieten den Menschen zwischen Nord- und Ostsee an, Konzerte im Michel oder in der Elbphilharmonie zu genießen, neue Spielstätten wie den Kunstverein Harburger Bahnhof oder die Halle 424 im Rahmen unserer neuen Reihe „Moondog“ zu entdecken. Auf der anderen Seite erhalten die Hamburger die Gelegenheit, aus dem Großstadtalltag herauszutreten und Musik in besonderem Ambiente zu erleben, ob nun direkt am Stadtrand in der Rellinger Kirche, auf Gut Wotersen oder in den Holstenhallen in Neumünster.

Hochattraktiv sind immer wieder neue Spielstätten. Aber natürlich hat auch die Elbphilharmonie im dritten Jahr nichts an Reiz verloren. Wir erreichen hier wie dort neues Publikum, das wir nachhaltig für uns gewinnen und für die Vielfalt des Angebots begeistern wollen. Wir wählen dabei die Spielstätten passend zu den Programmen aus. Dass sich ein Saal wie die Elbphilharmonie über Orchesterkonzerte hinaus herausragend für Solo-Recitals eignet, hat Christian Tetzlaff mit seinem Bach-Programm mehr als eindrucksvoll bewiesen. Aber wir waren im Rahmen unserer diesjährigen Komponisten-Retrospektive auch in der Hauptkirche Sankt Katharinen zu Gast, die Bach im Laufe seines Lebens mindestens zweimal besuchte.

Am Ende sind es natürlich die Künstler, die unabhängig von der Stadt oder Spielstätte das Publikum in ihren Bann ziehen und für unvergessliche Konzerterlebnisse sorgen. Sie schlagen eine Brücke zwischen Bühne und Besuchern. Wenn dies gelingt und die Scheune, der Kuhstall oder Konzertsaal dabei eine unterstützende Rolle spielt, entsteht Lust und Neugierde auf weitere Programme, Künstler und Spielstätten – ob in Hamburg oder Schleswig-Holstein.

Das sagt der Intendant des Musikfests Bremen

Das Musikfest Bremen hat als Impulsgeber schon bald nach seiner Gründung 1989 viele wichtige Entwicklungen ausgelöst. Da ist vor allem die Sanierung unseres Konzerthauses Glocke mit seiner weltweit gelobten Akustik 1997 zu nennen und die erfolgreiche Ansiedlung der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen 1993. Die Stärkung des Selbstverständnisses als Musikstadt erfolgte durch den ersten Ausbau der Hochschule für Künste 1994, mit dem Schwerpunkt der historisch informierten Aufführungspraxis. Schritte mit ungeheurer Schubkraft für Stadt und Region, darüber hinaus mit Wechselwirkungen zum Wohle der Gesellschaft. Es entstanden Partnerschaften, die bis heute das Musikfest Bremen tragen.

Die musikalische Welt kann also nur dankbar sein für solche Impulse, wie den zur Realisierung einer Elbphilharmonie als manifeste Verankerung von Musik in der Mitte der Gesellschaft, als zentrale Schnittstelle kultureller Bildung. Die Politik ist stets gut beraten, diese Schwungräder zu fördern. Das Musikfest Bremen ist die wohl einzige Festivalbühne, auf der nahezu alle Wegbereiter lieb gewonnene musikalische Vorstellungen über den Haufen warfen und den musikalischen Markt der Erkenntnisse entscheidend veränderten und bereicherten.

Die Preisträger des Musikfests stehen für diesen Weg: Gardiner, Harnoncourt, Norrington, Minkowski, Rhorer, aber auch Kristjan Järvi, das Metropole Orkest und 2019 Teodor Currentzis. Übrigens: Sie alle und viele weitere Künstler gastierten lange vor Hamburg kontinuierlich in Bremen. Sie helfen, in einer Musikstadt und ihrer Region den Humus für das Musikleben von morgen zu bereiten.

Damals wie heute profitierte der gesamte nordeuropäische Kulturraum von den Impulsen der führenden Musikstadt Hamburg, die durch Künstler wie Praetorius, Keiser, Händel, Telemann, C.P.E. Bach, Brahms, Mahler, Schnittke, Ligeti erfolgten. Als Standort des ersten bürgerlichen Opernhauses am Gänsemarkt war Hamburg Vorreiter im Norden. Deshalb: Glückwunsch zur Entscheidung für die Elbphilharmonie, Chapeau für das Durchhaltevermögen und hoffentlich „immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel“. Nur inhaltliche Qualität sichert Nachhaltigkeit in der Per­spektive eines städtischen Musiklebens, immer vorausgesetzt, dass sich starke Musikerpersönlichkeiten engagieren, Vorbild im weltweiten Wettbewerb sind mit den vielen durchreisenden Künstlern und noch mehr „Rising Stars“. Nur dann entsteht eine fruchtbare Win-Win-Win-Win-Situation für alle – Musik und Musiker, das Publikum und die gesamte große „Musikalische Metropolregion“.

Das sagt der Chef der Niedersächsischen Musiktage

Unser Spielplatz ist das zweitgrößte Bundesland der Republik – eine immense Fläche. Der Zeitraum im September bedeutet, dass wir uns, anders als manche Sommerfestivals, nicht in erster Linie an Reisende wenden, sondern vor allem an Menschen, die hier im Land leben. Seit der Gründung Mitte der 80er-Jahre verstehen sich die Musiktage als Angebot gerade auch an ländliche Regionen. Dies ist uns als Niedersächsische Sparkassenstiftung wichtig und nicht zuletzt auch den Sparkassen, unseren lokalen Partnern, schließlich geht es diesen um das Vertrauen der Menschen vor Ort.

Natürlich gehen wir in die größeren Zentren, darüber hinaus aber ganz bewusst auch in Landstriche, in denen herausragende musikalische Ereignisse weniger dicht gesät sind. Die Menschen dort sind froh und stolz, wenn wir dieses Jahr etwa das Artemis Quartett nach Uelzen bringen. Geografisch kommen unsere Konzerte Hamburg nur punktuell nahe. Die Auswirkungen des Hochleistungsmagneten Elbphilharmonie auf das Publikumsverhalten haben wir bisher nicht quantifiziert, wir schätzen sie als gering ein.

Dass es im Norden jetzt ein Haus gibt, das das Erregungs- und Begeisterungspotenzial von ästhetisch anspruchsvoller Musik weit über die Kernzielgruppe hinaus vermittelt, kann uns alle nur freuen! Wenn heute von der spektakulären Architektur geschwärmt und über Akustik gestritten wird, während man andererseits das originär musikalische Inter­esse der Selfie-schießenden Elphi-Besucher in Zweifel zieht, zeigt dies, dass Klassik eben doch Show-Qualitäten hat – und dass sie weiterhin wichtiger Faktor in unserer Gesellschaft sein kann. Nicht nur für das Selbstverständnis und die Standortqualität einer Stadt, deren Musikleben gegenüber Berlin, München oder Köln lange im Hintertreffen war. Auch als Freizeitattraktion und Sinnstifter ersten Ranges. In Zeiten populistischer Lockrufe halte ich das für ein immens wichtiges Signal.

Musik braucht auratische Räume, in denen sie nicht nur schwingen, sondern auch starke Verbindungen zur Alltagswirklichkeit herstellen kann. Bei den Niedersächsischen Musiktagen hat man das früh verstanden. Ob solche Räume die Ereignisse auf der Bühne so schnell, direkt und schonungslos übertragen wie in Hamburg oder ob sie etwas gemütvoller, vielleicht auch gnädiger klingen, ist weniger wichtig als die erlebnishafte Einheit von Raum, Klang und Atmosphäre. Diese Einheit brauchen wir, auf sie kommt es dem Publikum an. Und hier setzt das Hamburger Weltwunder in der Tat Maßstäbe.

Das sagt der Leiter der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern

Die Elbphilharmonie ist ein Glücksfall – für die Musikwelt, für Hamburg, für Norddeutschland. Jeder Kulturschaffende und jeder Veranstalter kann dieses Haus nur begrüßen, denn es zeigt eindrucksvoll, wie stark ein Konzerthaus die Stadtgesellschaft prägen kann und wie relevant Klassik für die Menschen von heute ist. Als Festivalintendant begrüße ich jede Aktivität, die Musik zu den Menschen bringt. Die Elbphilharmonie wirkt da wie ein Katalysator mit Turbofunktion. Und weil nicht nur Wirtschaft oder Politik, sondern auch die Welt der Kultur global vernetzt ist, hat die Elbphilharmonie einen positiven Effekt mit Tragweite.

Für die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern entstand mit der Elbphilharmonie ein zweiter Bezugspunkt: Wir sind nun von zwei der wichtigsten Musikmetropolen Europas eingerahmt, von den maßstabsetzenden Musikstädten Berlin und Hamburg. Das ist ein gutes und inspirierendes Umfeld für ein Musikfestival. Für die konkreten Besucherzahlen hat sie jedoch keinen Effekt gebracht: Unsere Zahlen sind seit vielen Jahren konstant hoch und wachsen von Jahr zu Jahr – ohne, dass wir einen Elbphilharmonie-Effekt ausmachen können. Auch Sponsoren, Mäzene und Stiftungen stehen uns unverändert nah.

Dass die Elbphilharmonie bei aller Sogkraft für uns letztlich ohne spürbaren Effekt bleibt, sehe ich in unserer Programmatik begründet. Wir haben sehr früh ein ganz eigenes künstlerisches Profil ausgebildet, das sich bewusst vom großstädtischen Konzertleben abhebt. Wir setzen auf Nähe und Intensität, auf eine inhaltliche Auseinandersetzung, wie das im großstädtischen Alltag kaum möglich ist; die Orchester und Künstler, die hier wie dort auftreten, sind im Prinzip die gleichen. Die Konzertformate, das Ambiente, die Atmosphäre unterscheiden sich aber gewaltig. Hinzu kommt die Einbettung des Konzerts in eine herrliche Landschaft, die keine Großstadt zu bieten hat.

Musikfestivals sind eine angelsächsische Erfindung und – von Glyndebourne bis Tanglewood, von Verbier bis Gstaad – ländlich geprägt. Unsere Besucher, seien es Konzertgänger aus der Region oder aus anderen Bundesländern, erleben die Elbphilharmonie deshalb folgerichtig nicht als Alternative, sondern als wunderbare Ergänzung zu den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Wir alle möchten sie nie mehr missen.