Neue Abendblatt-Serie

Atemberaubende Aussichten von der Elbphilharmonie-Plaza

Die gläsernen, bis zu sechs Meter hohen Windschotts
führen an zwei Stellen auf den Plaza-Außenbereich

Die gläsernen, bis zu sechs Meter hohen Windschotts führen an zwei Stellen auf den Plaza-Außenbereich

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Sie bietet eine überragende Sicht auf die Stadt: Die Plaza der Elbphilharmonie wird in neun Tagen eröffnet.

Hamburg. "Die Menschen, die hier hoch kommen“, sagt Jack Kurfess, „stehen erst einmal mit offenem Mund da.“ Der kaufmännische Direktor der Elbphilharmonie ist so eine Art Hausherr von Hamburgs neuem Wahrzeichen und damit auch zuständig für den reibungslosen Betrieb auf der Plaza. Kein leichter Job. Denn dieser vielleicht spektakulärste öffentliche Platz in der Stadt, der am 4. November mit einem Festakt eröffnet wird, wird einen Tag später einen enormen Ansturm erleben. „Bisher sind schon 26.000 Plaza-Tickets verkauft“, sagt Kurfess. Hamburger und Touristen aus aller Welt stehen Schlange, um auf dem Rundgang in 37 Metern Höhe die atemberaubende 360-Grad-Aussicht zu genießen.

Das Spektakel aber beginnt schon früher. Bereits die Fahrt nach oben wird zu einem einzigartigen Erlebnis, wenn die Besucher nicht einen der fünf Lift-Gruppen mit insgesamt elf Aufzügen benutzen – sondern die Rolltreppe. Erst mal gucken die Gäste in die Röhre, was übersetzt Tube heißt. Deswegen wird die 80,2 Meter lange und am Ende gebogene Rolltreppe auch „Tube“ genannt. „Es ist die längste Rolltreppe Westeuropas und die weltweit einzige, die einen Bogen beschreibt“, sagt Heiner Zeiger, Projektleiter beim Hersteller Kone.

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Nach exakt zwei Minuten und 30 Sekunden, vorbei an mit 7900 Glaspailletten bestückten Wänden, stehen die Besucher direkt vor einem riesigen Panorama-Fenster, das den Blick freigibt auf die Elbe. Rechts die Landungsbrücken, links die Musical-Theater, in der Ferne lässt sich die Nordsee erahnen. Über eine weitere, 21 Meter lange Bogen-Rolltreppe sowie 18 Stufen gelangt man dann endgültig auf die Plaza.

Architektonisch verschmelzen hier oben Alt und Neu. Geschichte trifft auf Moderne, kantiger Kaibau auf schillernden Glasaufbau. Das war der Plan der Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron: Etwas einzigartiges Neues zu schaffen – und das Alte zu erhalten.

„Es ist beeindruckend, mit welcher architektonischen Leichtigkeit die Plaza die Verbindung zwischen altem Backsteinspeicher und neuem Glasgebäude schafft. Als Platz für alle unterstreicht sie zudem den öffentlichen Charakter der Elbphilharmonie“, sagte die inzwischen verstorbene Kultursenatorin Barbara Kisseler, als im Juni 2015 eine erste Begehung einen Eindruck vermittelte, dass die Elbphilharmonie viel mehr ist als ein Konzerthaus mit angeschlossenem Hotel und 45 Luxuswohnungen.

„Wie alles an der Elbphilharmonie ist auch die Plaza ein besonderer Ort mit besonderen baulichen Herausforderungen“, sagt Stephan Deußer, Projektleiter des Baukonzerns Hochtief. Drei Dinge hebt er hervor. „Zum einen die geschwungene Decke mit ihrem schallabsorbierenden Deckensystem, die mit ihrer Unterkonstruktion komplett in 3-D geplant wurde.“ Dann die auffälligen Bodenklinker, die eigens für die Plaza in einem Kohleofen gebrannt wurden. Rund 188.000 Ziegel sind in einem speziellen Muster verlegt worden, der Klinker des Bodenbelags wurde nach dem Brennvorgang geschnitten, um die Rutschfestigkeit zu garantieren.

„Und drittens die sechs Meter hohen Windschotts, die allein durch ihre Geometrie und die Festigkeit des Glases standsicher sind“, sagt Deußer. Die riesigen geschwungenen Glaswände aus Verbundsicherheitsglas im Süden und Norden dienen als Windschutz. Je nach Wetterlage können diese an drei drehbaren Elementen pro Seite geöffnet oder auch komplett geschlossen werden. In dem Fall gelangen die Besucher durch zwei Durchgänge an den Seiten auf die Außenplaza.

Draußen sorgen insgesamt 582 Leuchten für das rechte Licht. Die geschwungene Decke der Plaza korrespondiert mit der markanten Wellenform des Daches. Und bei genauerem Hinsehen kann man an der Decke 20 kleine Geräte entdecken. Diese sogenannte Tauben-Vergrämungsanlage sorgt durch sehr hohe Töne, die für die Menschen nicht hörbar sind, für die Abwehr der Vögel.

Aber auch das Innere der Plaza ist spektakulär. Dort befinden sich die beiden Zugänge zum Großen und zum Kleinen Konzertsaal. Für Sehbehinderte sorgt ein Blindenleitsystem auf dem Fußboden für den sicheren Gang. Den Großen Saal erreichen die Besucher nach 89 Stufen, wie sollte es in diesem Gebäude auch anders sein, natürlich über geschwungene Freitreppen. „Man muss in der Elbphilharmonie lange nach einem rechten Winkel suchen“, heißt es immer, wenn über die Architektur des neuen und nunmehr zweiten Hamburger Wahrzeichens gesprochen wird.

Im Video: Rundgang auf der Elbphilharmonie-Plaza:

Außerdem geht es im Inneren der Plaza in die Lobby des Westin Hotels sowie zum Elbphilharmonie-Shop und zum Café „Deck & Deli“. Von dort können sich die Besucher mit einem Getränk oder einem Snack wieder nach draußen begeben. Aus Sicherheitsgründen wird im Café nur Plastikgeschirr benutzt. Hier kann man mit dem Rundgang beginnen. Oder man setzt sich mit einem Getränk erst einmal auf die durchgehende Balustrade aus Stein und genießt den Blick auf Elbe und Hafen. „An dieser Ecke der Plaza mit Blick nach Westen ist auch mein Lieblingsplatz“, sagt Jack Kurfess.

Zurzeit werden pro Tag rund 1000 Plaza-Tickets gekauft (s. Infokasten), der Ansturm hält unvermindert an. Jeden Tag können 9000 Besucher auf die Plaza. Die Betreiber müssen dabei auch berücksichtigen, dass viele Konzertbesucher, die kein Extra-Plazaticket brauchen, eher kommen werden, um die grandiose Aussicht zu genießen. „Wir lassen nicht mehr als 1200 Besucher zur gleichen Zeit auf die Plaza“, sagt Kurfess. Er spricht von der „Wohlfühlgrenze“. Damit man mit offenem Mund nicht auch noch herumgeschubst wird.