Abendblatt-Serie

Elbphilharmonie-Konkurrenten: Fein klingende Zweckbauten

Ein Klassiker aus dem Werkkatalog von Elbphilharmonie-Akustiker Yasuhisa Toyota, von der Berliner Philharmonie inspiriert: die Suntory Hall in Tokio

Ein Klassiker aus dem Werkkatalog von Elbphilharmonie-Akustiker Yasuhisa Toyota, von der Berliner Philharmonie inspiriert: die Suntory Hall in Tokio

Foto: Suntory Hall

Teil 4: Amsterdam und Tokio. Auf den Fernost-Tourneeplänen westlicher Orchester darf die Suntory Hall als Etappenziel nicht fehlen.

Hamburg.  Eine internationale Umfrage des Abendblatts unter Intendanten, Orchestern und Musikern im Vorfeld der Elbphilharmonie-Eröffnung hat ergeben, welche Konzertsäle sie für die zehn besten der Welt halten.
Heute Platz 2: Amsterdam und Tokio

Eine der vielen unvergesslichen Szenen in Sofia Coppolas Charakterstudie „Lost in Translation“: Bill Murray als bei einem Werbespot-Dreh in Tokio gestrandeter Filmstar, gut bezahlt, aber schwer genervt, im Smoking und mit einem Glas Suntory Whisky in der Hand um Fassung ringend. Doch der Name des Getränkekonzerns wird seit 30 Jahren auch mit dem ernsthaften Genuss von klassischer Musik in Verbindung gebracht, denn er ­finanziert auch den womöglich gelungensten Konzertsaal in dieser japanischen Millionenmetropole.

Auf den Fernost-Tourneeplänen ­renommierter westlicher Orchester darf die Suntory Hall als prestigelieferndes Etappenziel nicht fehlen. Die Verbindung zur Elbphilharmonie ist der von Yasuhisa Toyota verkörperte Klangcharakter, denn im Werkkatalog des Akustikers, der für Hamburg engagiert wurde, hat die Suntory Hall den Rang eines Hauptwerks, einer Referenzgröße, die immer und zu Recht erwähnt wird.

Suntory, seit 1986 im Betrieb, war außerdem der erste nach dem Vorbild der Berliner Philharmonie konstruierte Weinberg-Saal Japans. Da war es nur konsequent, dass man die Philharmoniker und Herbert von Karajan von dort einflog, um ihn standesgemäß zu eröffnen. Karajan war es auch, der seinerzeit im Vorfeld beratend tätig war und den Finanziers das Etikett „Schatztruhe“ zur Verwendung in Tokio ließ.

2006 Plätze hat der Große Saal, also keine Übergröße, die das Musikerlebnis ins allzu Hallige kippen ließe. Die Vertäfelung: helles Eichenholz, als dezente Anspielung auf die Whisky-Fässer von Suntory. Das Wortspiel, sich den Saal schön trinken zu müssen, läge verführerisch nah, ist aber unnötig, denn die akustische Qualität des Raums hat therapeutische Maßnahmen nicht nötig.

Manuel Brug, der als Musikkritiker bei der „Welt“ viel herumkommt in der Welt, schwärmt in durchaus hohen ­Tönen vom Konzerthaus-Angebot: „Die japanischen Hallen haben durch die Bank einen exzellenten Klang“, findet er und fügt auch gleich eine pragmatische Erklärung hinzu: „Sie sind alle relativ neu, und wenn eine funktioniert, wird sie gleich kopiert.“ Für sein Empfinden hat Suntory keinen spezifischen Klang, sondern einfach nur einen guten, warmen, ausgewogenen Mischklang“. Und: „Sehr gut gemanagt ist sie auch.“

Die „FAZ“-Kollegin Eleonore ­Büning stößt bei ihrer Einschätzung in ein sehr bauähnliches Horn, wenn sie sagt: „Der Charme gründet sich nicht auf Äußerlichkeiten. Halbherzig konzipierte Weinbergsäle wie diesen gibt es ja mehrere auf der Welt, die Proportionen stimmen nicht so ganz, und etwas abgewohnt und spießig wirkt Suntory inzwischen auch. Aber für einen Konzertsaal dieser Größe klingt dieser Saal wie eine Laute, fantastisch, und zwar egal, auf welcher Terrasse man gerade sitzt, und die Musiker sagen auch: Sie können sich hier sehr gut hören.“ Mehr kann man von einem Saal dieser Preisklasse kaum verlangen. Zum 30. Geburtstag in diesem Jahr wird von Herbst an in Suntory noch größer eingeschenkt als sonst: eine Woche Wiener Philharmoniker, Anne Sophie Mutter satt, die Salzburger ­Osterfestspiele mit ihrem Chef Christian Thielemann und der Staatskapelle Dresden. Jede Menge Markenartikel.

Vor allem Schuhschachtel, aber auch ein bisschen Weinberg – mit dieser sonderbaren Etikettierung kann man die architektonischen Eigenheiten des Amsterdamer Concergebouw auf kleinem Raum zusammenfassen, denn das Orchester ist auf der Frontal-Bühne von steil ansteigenden Stuhlreihen umrahmt. Durch eine Treppengasse betritt das Orchester seinen Arbeitsplatz. Großes Theater, noch vor dem ersten Ton.

Für die in Berlin lebende südafrikanische Musikjournalistin Shirley Apthorp, die unter anderem für die „FAZ“ schreibt, ein Erlebnis sehr eigener Art. „Bei meinem ersten Besuch dort“, erinnert sie sich, „saß ich neben einer Frau, die mir unentwegt erklärte, dass die ­Besonderheit des Saals darin bestehe, auf jedem Sitz gleich gut zu hören. Wir saßen auf der Bühne und ich hörte eine Menge Kontrabässe, Blech und nicht viel anderes. Nicht alle Plätze sind perfekt, aber wenn man nicht auf einem wirklich albernen Platz landet, sind die meisten ziemlich gut“, findet sie. „Ein Old-School-Mischklang, reich, warm und klar, mit ausgleichender Anmutung und einem eigenen ernsten Charme.“

Obwohl das Concertgebouw bereits 1888 eingeweiht wurde, hat sein spezifischer Klang etwas Modernes, das in seiner Durchsichtigkeit sogar an Newcomer wie die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles erinnert. Eine Premiere war diese Anordnung nicht, Modell ­dafür stand das vier Jahre ältere, legendäre, 1944 zerstörte „Neue Gewandhaus“ in Leipzig. Kleider machen Leute, Säle formen Orchester: Der gereifte Ruhm und die Klasse des gleichnamigen Residenzorchesters sind ohne dieses Gebäude undenkbar; das Concert­gebouw ­Orchestra hat seit Jahrzehnten ein herausragendes Renommee.

Im Großen Saal finden 1974 Menschen Platz, die Nachhallzeit beträgt dann 2,2 Sekunden, ein Wert im Idealbereich, durch den sich dieser Raum insbesondere für größeres spätromantisches Repertoire qualifiziert. Anders als beim Golden Saal im Wiener Musikverein, in dem von Anfang an alles stimmte, hatten die Amsterdamer mit der Arbeit ihres Architekten weniger schnell Glück. Die Justierungsarbeiten zogen sich nach der Eröffnung über elf Jahre hin. Bekannteste Parallele zu dieser Art von Ärger: Die Nachteile, mit denen die Leitung der Carnegie Hall zu kämpfen hatte, als der dortige Bühnenboden in den 1980ern ausgetauscht wurde – und jahrelang alles schlechter empfunden wurde als zuvor. Erst als man eine ungewollte Betonplatte unter der Bühne entdeckte und entfernte, renkte sich das Gefühl des klanglichen Unwohlseins bei den Musikern wieder ein.

Ist das Staunen über das Concertgebouw angebracht, lohnt die Reise? Aber sicher, findet „FAZ“-Kritikerin Eleonore Büning: „Klar, auch hier hört man die Legenden mit, dieser Schuhkarton-Saal ist in seiner plüschigen Majestät wunderschön. Aber hier ist die Akustik wirklich ausgezeichnet! Warm, aber trennscharf und fokussiert, man hört alles, auch das Umblättern, egal ob man auf dem Balkon sitzt oder unten im Saal. Gut für neue Musik, gut für Alte Musik, gut für Kammermusik, gut für Chöre, für Solisten, für Mahler oder Bach. Und dass die Musiker bei ihrem Auftritt wie in eine Arena heruntersteigen, eine rote Treppe runter, das hat auch was.“

Wir stellen die zehn meistgenannten Häuser täglich und in aufsteigender Reihenfolge vor. Morgen das große Finale: Gleich drei Säle teilen sich punktgleich Platz 1, deswegen entfallen Platz 2 und 3. Welche? Abwarten!