Abendblatt-Serie

Elbphilharmonie in einer Liga mit New York, Berlin und Wien?

Umfrage zu den zehn größten Konkurrenten der Elbphilharmonie. Platz eins teilen sich drei prominente Konzerthäuser.

Hamburg.  Eine internationale Umfrage des Abendblatts unter Intendanten, Orchestern und Musikern im Vorfeld der Elbphilharmonie-Eröffnung hat ergeben, welche Konzertsäle sie für die zehn besten der Welt halten. ­Heute die drei Spitzenreiter: Berlin, New York und Wien

Als er für den Konzerthäuser-Sammelband „Sight and Sound“ befragt wurde, gab es für Jacques Herzog, einen der beiden Elbphilharmonie-Architekten, keine Zweifel: „Die Berliner Philharmonie ist perfekt, sie kann nicht verbessert werden.“ Das ist nach wie vor eine steile Ansage, doch zumindest die Philosophie, die dahintersteht, hat ihre Richtigkeit seit 1963 immer wieder unter Beweis gestellt. Jener Bau, mit dem der Architekt Hans Scharoun in der Bürgermeister-Amtszeit von Willy Brandt in der Mitte des damals geteilten Berlins ein radikales Statement formulierte, ist zu einem Musterhaus geworden. Einer Blaupause, an deren Strukturen man sich orientieren muss. Wenn Weinberg, wenn mittiges, demokratisch platziertes Orchester, umrahmt von der Zielgruppe – dann kommt so schnell niemand an der Heimat der Berliner Philharmoniker vorbei. Für andere Geschmäcker gibt es nach wie vor die klassischeren Schuhschachtel-Säle.

Das Gesamtergebnis

Das Geheimnis des goldig getäfelten Vielecks, das einmal „Zirkus Karajani“ genannt wurde? Schwer zu sagen, einfach zu hören. Er ermöglicht Tolles. Er ermöglicht, in alle Richtungen, qualitativ ebenso wie akustisch. Man tritt ein und fühlt sich so sehr zu Hause, weil dieser Saal so unhierarchisch empfängt. Er kumpelt einen geradezu an mit seiner Liebe zur Nähe und wahrt doch die Form und hat eine Haltung. Und da das Auge mithört, ist es relativ schwer, den virtuos inszenierten Eindruck des 2250-Plätze-Saals von der Darstellungstiefe eines Konzerts zu trennen.

Leitartikel: Toll auf die Ohren

Nicht nur die knapp 130 Philharmoniker, die gastierenden Künstler und ihr Publikum sind unisono angetan von dieser Immobilie, auch professionelle Zuhörer haben hier gern ihren Arbeitsplatz. Frederik Hanssen vom „Tagesspiegel“ ist „immer und immer wieder von diesem Wunder-Raum überwältigt: Da ist dieses Gefühl, dass Publikum wie Musiker eine Gemeinschaft bilden, um aus dem Alltag zu treten und uns der kollektiven Konzentration auf eine Sache hinzugeben“, findet er. „Die organische, wahrhaft natürliche Formsprache der Architektur trägt wesentlich dazu bei. In den weiten Foyers kann man frei atmen, aber eben auch zur Ruhe kommen vom Alltag draußen. Durch die zumeist versteckten Türen gelangt man in den Saal, der bei aller Größe dennoch intim wirkt, menschlich.“

Hanssen betont: „Es ist ein Gebäude der Avantgarde, das einfach nicht altert, weiterhin ungemein modern wirkt, heutig. Und darum die Ohren aufschließt auch für Werke jenseits des Kernrepertoires. Und darum auch geeignet ist für andere Genres, für Jazz, Weltmusik und so weiter – alles, was die Planer heute stolz in ihren Multifunktionssälen präsentieren, klappt hier ganz selbstverständlich. Die Akustik ist einfach ein Glücksfall und wegen der Komplexität der Materie nicht kopierbar – Akustiker bleiben Magier, mit ebenso großen Chancen aufs Scheitern wie aufs Gelingen.“

Alle Antworten der Umfrage-Teilnehmer

Andere Metropole, noch größerer Wow-Faktor. Selbst Menschen, die mit klassischer Musik wenig bis nichts am Hut haben, reagieren auf diese Adresse: West 57th Street/Seventh Avenue, seit 1891 aber besser bekannt als Carnegie Hall (vollendet war der Bau übrigens erst sechs Jahre nach seiner Eröffnung). „If you can make it there ...“ und so weiter. Wer dort nicht gespielt hat und gefeiert wurde, ist kein Star im glamourösen Sinne dieses Wortes.

Wie so vieles in Manhattan, ist auch hier vieles „larger than life“. 2800 Plätze! Schon durch die enorme Raumhöhe hat das Isaac Stern Auditorium etwas Kathedraliges, das historisch gewachsene Charisma des Besonderen trägt entsprechend dazu bei. Dass ausgerechnet dieser Saal seit mehr als 50 Jahren durch den Umzug des New York Philharmonic ins Lincoln Center kein „eigenes“ Orchester mehr beheimatet, hat seinem Nimbus als Premium-Spielstätte keinen Abbruch getan. In dieser Saison wurde der 125. Geburtstag groß gefeiert, mit 125 Auftragskompositionen. Die Stammkundschaft mag beim Musikgeschmack etwas zu konservativ sein, programmatische Experimente werden gut dosiert verabreicht, doch die Message bleibt klar: Hier ist ganz, ganz oben.

„FAZ“-Kritikerin Eleonore Büning ist vor Ehrfurchtsschüben nicht gefeit: „Dieser Saal funktioniert wie ein antiker Mythos. Er ist aufgeladen mit Musikgeschichte, vermutlich jeder hat das sichere Gefühl, schon mal da gewesen zu sein, auch wenn er zum ersten Mal hin­eingeht: Man ist glücklich, fühlt sich festlich und besonders, hier teilhaben zu dürfen, der Adrenalinspiegel steigt. Natürlich hört man mit so einem Spiegel besser als ohne, ich hatte manchmal den Verdacht, dass die Akustik in diesem wunderschönen Hufeisen in Wahrheit gar nicht so besonders ist, wie man immer sagt. Aber sie ist gut. Außerdem ist Carnegie Hall nur fünf Minuten Fußweg vom Central Park entfernt, sie ist urban. Auch das trägt zur Legendenbildung bei. Auch wer nie hineingeht: Jeder in New York kennt den Saal. Alle anderen kennen ihn aus dem Kino.“

21 Jahre jünger und anders umwerfend ist nur noch der „Goldene Saal“ des Wiener Musikvereins. Heiliger Boden auch dort, ein Klang zum Hineinlegen und Wohlfühlen. Der Saal funktioniert wie eine Zeitmaschine: draußen Gegenwart, innen Wiener Klassik. Programme mit Goldkante wie früher die Ado-Gardine. Das Tollste daran: Von den modernen Gesetzmäßigkeiten und Berechnungsgrundlagen für Raumakustik, mit der spätere Architekten-Generationen sich die Arbeit erleichtern konnten, hatte der Schinkel-Schüler Theophil von Hansen noch keine Ahnung. All das kam erst später. Sein Ergebnis, dennoch: ein Volltreffer, aus der Intuition des Richtigen heraus gelandet.

Für den „Standard“-Musikkritiker Ljubisa Tosic ist dieser Raum zum zweiten Wohnzimmer geworden, allerdings mit nicht ganz harmlosem Charakter. „Der Saal ermöglicht erstens das Zele­brieren filigraner Details. Das Pianissimo einer Jessye Norman war seinerzeit auch am Stehplatz gut zu genießen. Zweites gibt er dem Orchesterklang eine gewisse Wärme und Pracht – sofern das Orchester über Klangqualität verfügt und der Dirigent immer schön darauf achtet, den freundlichen Saal nicht mit zu viel Emphase zu provozieren. Wenn Intensität vom jeweiligen Maestro mit Lautstärke verwechselt wird, wird es nämlich breiig. Dann rächt sich der Saal gnadenlos am Orchester, indem er es als Bastion der Unklarheit erscheinen lässt.“

Die Proportionen des Raums – 48,80 Meter lang, 19,10 Meter breit und 17,75 Meter hoch – sollen einige der wichtigsten Zutaten für den Erfolg sein. Güldene Schnörkeligkeiten streuen die Schallwellen aufs Feinste. 1744 Sitz- und 300 Stehplätze, jeder ein Sehnsuchtsort. Und dass der Kleine Saal 1937 nach dem Exil-Hanseaten Johannes Brahms benannt wurde, darf man, zumindest aus Hamburger Sicht, als hoffnungsvoll stimmendes Omen für die Elbphilharmonie deuten, die bald in derselben Liga klingen und bespielt werden soll.