Hamburg

Konkurrenz der Elbphilharmonie: Außen hui, innen auch

Die (übrigens rostfreie) Walt Disney Concert Hall steht in Downtown in Los Angeles und sieht schon ohne Klangerlebnis spektakulär aus

Die (übrigens rostfreie) Walt Disney Concert Hall steht in Downtown in Los Angeles und sieht schon ohne Klangerlebnis spektakulär aus

Foto: Getty Images/iStockphoto

Abendblatt-Serie: Die zehn größten Konkurrenten der Elbphilharmonie, Teil 2: Konzerthäuser in Boston, Los Angeles, Luzern.

Hamburg.  Eine internationale Umfrage des Abendblatts unter Intendanten, Orchestern und Musikern im Vorfeld der Elbphilharmonie-Eröffnung hat ergeben, welche Konzertsäle sie für die zehn besten der Welt halten. ­Heute Platz 7 mit drei punktgleichen ­Nennungen: Boston, Los Angeles, Luzern.

Am Vierwaldstättersee, mit feinstem Panorama. Postkarten-Schweiz. Ein idyllischer Ort für einen hinreißend gut klingenden Konzertsaal. Luzern ist keine große Stadt, doch auf der Klassik-Weltkarte zählt es wegen eines sehr reduzierten Schau-Kastens zu den ersten Adressen. Und ebenso wegen des exklusiven Hochpreis-Programms, mit dem das Lucerne Festival Sommer für Sommer auftrumpft.

Kulturzentrum Luzern steht am Wasser

Jean Nouvel, für klare Kanten bekannt, entwarf das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL), 1998 weihten die Berliner Philharmoniker und Claudio Abbado es ein. Nouvel hat nicht nur nah ans Wasser gebaut, sondern auch das Wasser ins Gebäude gebracht: Im Foyer plätschert es durch einen Design-Kanal. Die „Salle blanche“ selbst ist eher konventionell. Klassische Schuhschachtel statt eigenwilliger Raumverbiegung, gut 1800 Plätze, Understatement an den Wänden. Um den Teilzeit-Luzerner Wagner zu zitieren: „Hier gilt’s der Kunst“. Vor allem aber gilt die Aufmerksamkeit hier der Spezialität des Hauses, den Echokammern in den oberen Rängen. Wer hat’s erfunden? Kein Schweizer, sondern die US-amerikanische Akustiklegende Russell „Magic“ Johnson, der auf „shoeboxes“ schwörte.

In diesen Kammern wird ein Drittel des Saalvolumens zusätzlich auf Vorrat gelagert, mit 50 Toren und einigen Stoffvorhängen kann der hauseigene Experte die Nachhallzeit des Konzertsaals je nach Interpret, Programm und Klangvorliebe variieren. Besonders trockene Akustik gefällig? Gerade mal 1,3 Sekunden sind möglich. Für Orgelkonzerte kann die Nachhallzeit auf bis zu 3 Sekunden gedehnt werden. Über der Bühne ein „Canopy“, ein mehrfach ­geteiltes Segel aus Holz, für kammermusikalische Präsenz je nach Gusto. Kleine Ursache, großartige Wirkung.

Kent Nagano bejubelte das KKL

Das sieht auch Christian Wildhagen so, der aus Hamburg stammende Musikkritiker der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Weiß ist nicht nur die vorherrschende Farbe – weiß und hell ist gewissermaßen auch der Klang des Raums. Anders als in der Tonhalle Zürich, die dem fülligeren Mischklang-Ideal der Spätromantik verpflichtet und für entsprechende Werke bestens geeignet ist, bleibt die Salle blanche immer durchsichtig, transparent und vor allem im oberen Spektrum sehr farbig, aber klar. Das gilt sogar für die größten Orchesterbesetzungen: Während die Akustik der Tonhalle bei Mahler, Bruckner und Strauss an ihre Grenzen kommt – ähnlich wie die der Laeiszhalle –, kann das KKL selbst ein Extremwerk wie die ,Alpensinfonie‘ ­ohne Mühe bewältigen.“

Vom Hamburger Generalmusik­direktor Kent Nagano ist dieser Jubelschrei dokumentiert: „Wie ein Ferrari, wenn man bisher VW gefahren ist.“ ­Anders formuliert: Der Sound des KKL macht süchtig, und das von jetzt auf gleich. Crack für die Ohren.

Einige Zeitzonen entfernt steht ein weiterer entfernter Verwandter der ­Laeiszhalle: die Boston Symphony Hall. Im Inneren ist sie dem im zweiten Weltkrieg zerstörten Leipziger Gewandhaus nachempfunden und wirkt mit ihren über 2600 Plätzen wie eine sehr traditionsbewusste, stattliche Cousine der etwas jüngeren Laeiszhalle. Nur größer, mit leicht ansteigendem Parkett und mit deutlich mehr Schönklang-Potenzial. Eine relativ klein besetzte Mozart-Sinfonie bleibt hier bestens durchhörbar, rund und aufblühend, ohne sich in der Größe des Raums zu verlieren. Größer Besetztes, Bruckner oder womöglich Schostakowitsch, wie ihn der derzeitige BSO-Chefdirigent Andris Nelsons hier für einen Zyklus aus Live-Mitschnitten dokumentiert, kitzelt die Saal-Akustik an ihren Nervenenden. Die ist blitzschnell in den Reaktionen und kontert Dynamik-Ausbrüche mit erstaunlich lässiger Leichtigkeit. Nichts dröhnt, scheppert oder übersteuert. Teil des Erfolgsgeheimnisses ist der Bühnenboden, Teil des Resonanzraums. Deswegen hat man ihn 2006, als ein neuer fällig war, möglichst original­getreu modernisiert: handgeschmiedete Nägel, von Hand im Ahornholz versenkt. Old School vom Feinsten.

In Boston kann sich ein Orchester wohlfühlen

Da die Bühne trichterförmig gebaut ist und die Proportionen entsprechend gut sind, ist dieser Saal auch einer jener ­Orte, an denen sich ein Orchester sofort wohlfühlen kann, weil es sich dort selbst außergewöhnlich gut hört. Die Musiker des Boston Symphony bestätigen das, mit von Generation zu Generation vererbtem Stolz. Diesen eigentlich selbstverständlichen Komfort erleben Orchester keineswegs überall. Doch wo er möglich ist, spornt er entsprechend zu Höchstleistungen an. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist das BSO in seinem Saal zu einem der Top-Orchester der USA gewachsen und gereift. Eine Perspektive, die in der Elbphilharmonie für das NDR-Orchester mit allem Nachdruck angestrebt wird: Je besser der Saal von vornherein ist, desto besser wird seine Heim-Mannschaft werden.

Kaliforniens Antwort auf die klassische Ostküsten-Majestät in Neu-England: ein riesiges Etwas aus rostfreiem Stahl, glänzend, cool, undefinierbar. UFO, Wellen, Segel? Auf jeden Fall enorm fotogen. Die Walt Disney Concert Hall (WDCH), die für eine Belebung der ­Gegend rund um die South Grand Avenue gesorgt hat, ist seit der Eröffnung 2003 aus der Entertainment-Hauptstadt L. A. nicht mehr wegzudenken. Entworfen hat sie Frank Gehry, eine Vorahnung seines ikonischen Guggenheim Museums für Bilbao. Seinen Namen verdankt die Halle der Disney-Witwe, 50 Millionen Dollar Anschubfinanzierung ebenfalls, 1987 gegeben. Am Ende, 16 Jahre später, kostete er etwa 274 Millionen Dollar. Typisch für die USA: Der allergrößte Teil der Bausumme kam von privaten Spendern, man sieht kaum eine Wand ohne Namensbeschilderungen.

Einer der besten Räume Toyotas

Der Saal selbst, 2265 Plätze, hinter der Bühne die liebevoll „french fries“ genannten riesigen Holzpfeifen der Orgel: eine Wucht, eine Riesen-Show für die Augen, bis das Konzert beginnt und es noch besser wird. Denn dieser Raum lässt klar hören, dass die Musiker auf der Bühne wissen, was sie tun. Das Klangprofil für klassisches ­Repertoire ist erbarmungslos ehrlich. Verstecken ist nicht. Was gespielt wird, wird auch gehört. Nach Eröffnung des Saals mussten in oberen Bereichen einige Vorhänge angebracht werden, um Qualitätsverluste bei Konzerten mit elektronisch verstärkter Musik auszugleichen. Nicht ideal, aber auch kein Beinbruch, wenn man bedenkt, wie leistungsfähig der Saal an sich ist und wie sportlich und poliert er klingt. Verantwortlicher Akustiker hier war der spätere Elbphilharmonie-Akustiker Yasuhisa Toyota. Dieser Raum gilt als einer seiner besten, eine Referenzgröße für Post-Scharoun-Weinbergsäle, die ästhetisch und akustisch dort weitermachten, wo der Architekt der Berliner Philharmonie in den 1960ern Neuland betrat.

Bevor die WDCH legendär werden konnte, war sie skandalumwölkt. Ärger beim Bau, Kräche wegen der Kosten. Verzögerungen, Reibereien. Der Slogan einer Werbekampagne lautete trotzdem trotzig: „Build it and they will come.“ Baut das Ding und ihr werdet schon sehen. So kam es auch. Nach der Eröffnung schlossen nicht nur Touristen den Gehry-Klumpen in ihr Herz. Die Qualität des Saals bescherte auch dem Los Angeles Philharmonic, damals von Esa-Pekka Salonen geleitet, einen enormen Aufschwung, und Hollywood fand wieder Gefallen an Musik mit Opuszahlen. Clever vermarktete Programme besorgten den Rest. Dass für die Nachfolge ­Salonens der Venezolaner Gustavo „The Dude“ Dudamel engagiert wurde, verzückte nicht nur die Latino-Gemeinde in der Stadt der Engel.

Wie gnadenlos gut dieser Raum ist, erzählt eine Anekdote über eine der ersten Orchesterproben: Ravels „Daphnis et Chloe“-Ballettmusik, opulent besetzt, ein Klangrausch. Und Salonen kam aus dem Staunen nicht mehr her­aus, als er heraushören konnte, dass im jahrzehntealten gedruckten Notenmaterial des Orchesters, aus dem es im akustisch finsteren Dorothy Chandler Pavillon gespielt hatte, falsche Noten standen. Vorher waren sie niemandem aufgefallen. Orchester mit schwachen Nerven sollten es sich gut überlegen, in einem solchen Saal spielen zu wollen.

Wir stellen die zehn meistgenannten Häuser täglich und in aufsteigender Reihenfolge vor. Morgen auf Platz 6: die Philharmonie de Paris.

Die Umfrage

Ihre jeweils zehn Lieblings-Säle nannten 16 Intendanten, Dirigenten, Orchester-Vorstände und Manager. Bedingung bei der Nominierung: Das eigene Haus durfte nicht genannt werden.

Teilgenommen haben: Thomas Angyan, Intendant ­Musikverein Wien / Lauren Bayle, Intendant Philharmonie de Paris / Berliner Philharmoniker, Orchestervorstand / Joel Ethan Fried, Artistic Director Concertgebouw Orchestra Amsterdam / Michael Haefliger, Intendant Lucerne Festival / Kent Nagano, Hamburger Generalmusikdirektor und Chefdirigent in Montreal / Matthias Naske, Intendant Konzerthaus Wien / Andris Nelsons, Chefdirigent Boston Symphony Orches­tra / Jasper Parrot, Künstleragent London / Andreas Schulz, Direktor Gewandhaus Leipzig / Benedikt Stampa, Intendant Konzerthaus Dortmund / Jeffrey Tate, Chefdirigent Hamburger Symphoniker / Christian Thielemann, Chefdirigent Sächsische Staatskapelle Dresden / Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg / Lang Lang, Pianist / Wiener Philharmoniker, Orchestervorstand