Abendblatt-Serie

Elbphilharmonie-Konkurrenz: Hengelbrocks Zweit-Spielstätte

Ein Foto vom Eröffnungskonzert der Philharmonie de Paris Mitte Januar 2015. Architekt Jean Nouvel war demonstrativ ferngeblieben

Ein Foto vom Eröffnungskonzert der Philharmonie de Paris Mitte Januar 2015. Architekt Jean Nouvel war demonstrativ ferngeblieben

Foto: picture alliance

Die zehn größten Konkurrenten der Elbphilharmonie. Teil 3 der Serie: Die prestigeträchtige Philharmonie de Paris.

Hamburg/Paris.  Eine internationale Umfrage des Abendblatts unter Intendanten, Orchestern und Musikern im Vorfeld der Elbphilharmonie-Eröffnung hat ergeben, welche Konzertsäle sie für die zehn besten der Welt halten.
Heute Platz 6: Philharmonie de Paris

Bei der mit Spannung erwarteten Eröffnung der Philharmonie de Paris im Januar 2015 passierte etwas sehr Sonderbares: Kaum war das Konzert mit dem Orchestre de Paris unter seinem Chefdirigenten Paavo Järvi beendet, sprinteten die Besucher flott aus dem Gebäude, das zwar gerade seine jahrelang erwartete Premiere hinter sich hatte, aber alles andere als fertig war. In den Nächten vor der Eröffnung war in Sonderschichten durchgearbeitet worden, dennoch ­waren Stühle im Großen Saal noch nicht montiert und in der Metall-Fassade klafften große Löcher. Die Handwerker packten erst Monate nach den Feierlichkeiten zusammen.

Doch das Publikum machte sich eine Woche nach dem „Charlie Hebdo“-Anschlag nicht nur wegen der allgemeinen Trauer, sondern wohl auch deswegen so schnell auf den Heimweg, weil Jean Nouvel dieses aus riesigen Metallwellen und gemusterten Betonplatten an den äußersten Nordost-Rand der Stadt gebaut hat. Man musste erst noch warm werden mit dieser Gegend. 19. Arrondissement, fast eine Weltreise für die Stammkundschaft der klassischeren Konzerthäuser in der Stadtmitte.

Das hat sich gegeben. Nach gut anderthalb Jahren Spielbetrieb neben der Ring-Autobahn Périphérique ist die neue Philharmonie, Teil der „Cité de la musique“ mit ihren niedrigschwelligen Musikerklärungs-Angeboten, in den Kulturangebots-Stadtplänen offenbar ebenso angekommen wie in den Herzen der musikliebenden Pariser. Inzwischen seien die Auslastungszahlen bestens, besser noch als erwartet, berichtet Ber­trand Dermoncourt vom „L’Express“. Der Saal brummt. Die 2400 Plätze seien so gut wie immer besetzt (die 600 Parkplätze aber wahrscheinlich auch).

Ein Ehrenplatz war am ersten Abend leer geblieben. Nouvel hatte die Feier boykottiert, weil er – nach vielen Preissteigerungen bis auf 381 Millionen Euro und etlichen Verzögerungen – nicht damit einverstanden war, dass sein Opus tatsächlich so unvollendet an die Öffentlichkeit übergeben worden war. In seiner Rede gönnte sich Präsident Hollande einen Schlenker nach Hamburg, man habe in Paris nur halb so viel ausgegeben wie dort ...

Bei der „Grande Salle“-Akustik war es in verschiedenen Bauphasen wohl nicht immer nur harmonisch zugegangen. Obwohl der Elbphilharmonie-Akustiker Yasuhisa Toyota einer der anfangs beauftragten Experten war, wurde er bezeichnend wortkarg, sobald man ihn darauf ansprach. Die Präsentation des Saals vor der Einweihung übernahmen Mitarbeiter von Marshall Day Acoustics aus Neuseeland, die sich einen Platz am längsten Hebel gesichert hatten. Toyota, der vor einigen Jahren mit Nouvel sehr effektiv einen neuen Saal für Danmarks Radio in Kopenhagen realisiert hatte, plante unterdessen lieber kleinere Pariser Saal-Neubauten mit weniger Konfliktpotenzial.

Es gibt nicht nur Klassik zu hören

Klangprägung für und durch diese Philharmonie wird vor allem Sache des Orchestre de Paris (OdP) sein, die sich diese Adresse mit mehreren anderen Ensembles teilt: von den Avantgarde-Spezialisten des Ensemble InterContemporain bis zu den Barock-Könnern von Les Arts Florissantes. Eine leichte Parallele zur Elbphilharmonie-Situation, wo das Ensemble Resonanz viel Modernes und Altes in den Spielplan ergänzen soll. Auch die umfangreiche musikpädagogische Abteilung der Pariser Philharmonie stand Pate für die Kaistudios im Kaispeicher A.

Kulturpolitisch in Paris forciert: die große stilistische Bandbreite der von Intendant Lauren Bayle arrangierten Konzertangebote, es gibt also bei Weitem nicht nur Klassik zu hören. Die gute alte Salle Pleyel in der Stadtmitte wurde auf Weisung von oben zugunsten der neuen Philharmonie in ihrer Programmatik eingeschränkt reduziert, das Théâtre des Champs-Elysées ist konventioneller getaktet. Die interessante Musik sollte nun vor allem im Nouvel-Bau spielen, und sie sollte nicht mehr nur für die gut betuchte Bourgeoisie gespielt werden. „Die wahren Musikliebhaber werden kommen“, hatte Bayle Jahre vor der Eröffnung vorausgesagt, „aber wir haben ihre Kinder im Visier.“ Education-Projekte werden hier sehr groß geschrieben.

Im Herbst wird der Brite Daniel Harding beim OdP die Nachfolge von Järvi antreten, Co-Maestro und „Chef associé“ ist der Hamburger NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock, der lange an der Seine gelebt hat. Obwohl Hengelbrock in den ersten Monaten der Elbphilharmonie als Chef des dortigen ­Residenzorchesters stramm verplant ist, hat er mit Paris einen zweiten frischen und sehr prestigeträchtigen Konzertsaal im Hausorchester-Portfolio.

Der ästhetische Kontrast des in sanften Farben gehaltenen Philharmonie-Saals zu seiner kühl schillernden Ufo-Hülle ist deutlich. Im Inneren des ­Gebäudes dominieren ausladend geschwungene Wellen, die wabenförmigen Balkone mit ihren arg steilen Sitzreihen scheinen wegen ihrer raffinierten Aufhängung geradezu an den Seitenwänden zu schweben, halb Art déco, halb Science-Fiction. Hinter ihnen ­befinden sich Echokammern, Hohlräume, denen ein wichtiger Teil der Akustik zu verdanken sein soll.

Von klassischer Schuhschachtel-Rechteckigkeit sind höchstens noch Spurenelemente erkennbar, das flächig Weinbergige à la Berliner Philharmonie bestimmt eindeutig die Saal-Gestalt. Sehr zentrale, durchaus variable Bühne. Über dem ­Orchester-Tableau befinden sich mehrere wolkenartige Reflektoren, die je nach Bedarf höhenverstellbar sind. Eine große Chance für Optimierung, aber auch eine erstklassige Möglichkeit, die Güte des Klangs durch Anfänger-Fehljustierungen zu verschlimmbessern. Bei der Eröffnung versuppte Tschaikowskys 1. Klavierkonzert mit Lang Lang, während Berlioz’ „Symphonie fantastique“ deutlich sortierter klang und mit 2,3 Sekunden Nachhallzeit einen sehr warmen Klang lieferte (zum Vergleich: der Hamburger Michel soll 6,3 Sekunden haben).

Die ersten guten Konzerte danach dürften Zufallstreffer gewesen sein. Vor Beginn des Spielbetriebs hatte Bruno Hamard, der Direktor des OdP, vorsorglich gewarnt: Man solle sich zunächst nicht allzu viel von der Akustik versprechen, „auch eine Stradivari muss man erst zähmen“. Dermoncourt bestätigt diese These: In den ersten Wochen nach der Eröffnung habe sich der Klang ständig verändert, von einem Konzert zum anderen. „Manchmal wirkte er schon zu präzise, zu scharf“, erinnert er sich, man habe schon zu viele Details gehört und die Uneinheitlichkeit war offenkundig. „Durchgängig schlecht war der Klang für Stimmen, Solisten und Chöre.“

Jetzt aber sei ein großer Teil dieser Durststrecke überstanden, aus mehreren Gründen: „Die Orchester fühlen sich inzwischen wohl auf der Bühne.“ Kein Wunder: Das OdP hatte abenteuerliche zwei Tage vor der Eröffnung seine erste Probe in seinem neuen Saal. Routiniers wie Järvi oder Gergiev, so Dermoncourt, hätten mit ihrer Erfahrung viel zur besseren Balance bei der Eigen- und Fremdwahrnehmung von Orchestern beigetragen und bewiesen, wie klangfarbenprächtig der Raum sein kann, wenn man ihn zu nehmen versteht. Das Problem mit den Stimmen wolle man dort noch angehen, meinte Dermoncourt und fügte hinzu: „Die Philharmonie ist wie eine gute Hi-Fi-Anlage: schlecht für schlechte Musiker.“

Wir stellen die zehn meistgenannten Häuser täglich und in aufsteigender Reihenfolge vor. Morgen: Das Concertgebouw in Amsterdam und die Suntory Hall in Tokio. Sie teilen sich punktgleich Platz 4, deswegen entfällt Platz 5.