Die Stadtteilserie

Moorfleet

Kaum ein Stadtteil hat sich so grundlegend verändert: Ikea, Bauhaus und Autobahnen statt Gemüseanbau.

Die Gefahr, zu verdursten, besteht für die Bevölkerung von Moorfleet nicht, es gibt im Ort ja einen Getränkemarkt. Verhungern muss natürlich auch niemand. Im Bamboo, einem kleinen Asia-Restaurant, auf das im Internet viele Fans der Thai-Küche schwören, kann man für wenig Geld lecker essen. Schräg gegenüber, im urigen Mittagstischlokal Zur Elbbrücke, kommt liebevoll zubereitete Hausmannskost zu zivilen Preisen auf den Tisch. An einem unwirtlichen Flecken des Brennerhofs, über den früher die Marschenbahn tuckerte, lockt ein Burger King die Freunde schnellen Essens. Und dann gibt es noch die beliebte und unschlagbar preiswerte Ikea-Gastronomie. Womit das kulinarische Angebot des Stadtteils komplett gewürdigt wäre.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Bekannte Söhne +++

Wer als Selbstversorger ohne Auto lebt, hat in Moorfleet schlechte Karten. Kein Bäcker, kein Supermarkt, kein Schlachter, keine Drogerie, nicht einmal eine Apotheke. Auch keine Post, keine Bank, keine Schule. Moorfleeter Kinder, von denen es nicht allzu viele gibt, gehen meist in Ochsenwerder zur Schule. Zum Einkaufen fahren die Ortsansässigen nach Rothenburgsort oder nach Billstedt.


A 1 besiegelte den Wandel

Natürlich war das früher ganz anders. Aber nun laufen in Moorfleet seit ein paar Jahrzehnten die Dinge so grundlegend anders wie in nur wenig anderen Hamburger Stadtteilen. Das liegt nicht nur am schwedischen Möbelhändler Ikea, der vor zehn Jahren, am 1. August 2002, am Unteren Landweg 77 seine 29. Filiale in Deutschland eröffnete - nach Schnelsen die zweite in Hamburg. Auf der ehemaligen Feldhofe residiert Ikea in friedlicher Koexistenz mit dem Bauhaus, das zeitgleich eröffnete und dessen Firmenschild unter dem von Ikea weithin sichtbar für sein Angebot wirbt. Östlich grenzt eine Kleingartensiedlung an, dahinter verläuft die Bahnstrecke Richtung Bergedorf mit dem einzigen für Moorfleet relevanten S-Bahnhof Billwerder-Moorfleet (S 21).

Schon vor der Ansiedlung der beiden Einzelhandelsriesen nahm der Autobahnbau dem Grünland Moorfleet, das mal eine der fruchtbarsten Gemüsekammern der Stadt Hamburg war, viel von seinem Flair. Die A 1 wurde in den 60er-Jahren gebaut, die Marschenautobahn A 25 im Jahr 1981 vollendet. Die Trassen beider Fernstrecken fräsen sich mit ihren raumgreifenden, kurvigen Anschlussstellen derart massiv in den Stadtteil, dass man ihn auf den ersten Blick kaum zu den als so blumenreich geltenden Vier- und Marschlanden zugehörig empfindet.

Gratulieren mit Frack und Zylinder

Dabei halten die alten Moorfleeter die Geschichte hoch, und so von Straßen zersägt und von Industrie- und Gewerbeansiedlungen geprägt einem das Viertel auch erscheinen mag: Noch spielt das Grün innerhalb und außerhalb der Gewächshäuser hier eine Rolle, selbst wenn die immer kleiner wird. Als die A 25 eröffnet wurde, gab es noch etwa 30 Gartenbaubetriebe, heute sind es zehn. Und die können meist nur überleben, weil sie, wie etwa der von Manfred Meyer, kleine Familienbetriebe sind. In den 50er-Jahren lebten rund 3000 Menschen in Moorfleet, heute sind es etwa 1100.

Nachwuchssorgen plagen die Vertreter des örtlichen Vereinslebens - die Freiwillige Feuerwehr wurde 1896 gegründet, der Moorfleeter Heimatverein 1903 - trotzdem nicht. "Alles, was jung ist, nehmen wir mit Gewalt auf", scherzt Blumenzüchter Meyer, der seit 2001 dem Verein mit dem grünen Wappen und seinen etwa 250 Mitgliedern vorsteht. Eine seiner vornehmsten Aufgaben: gemeinsam mit dem zweiten Vorsitzenden Hans-Werner Quast bei Mitglieder-Jubilaren ab 80 zu jedem runden Geburtstag in Frack und Zylinder vorstellig werden und Glückwünsche aussprechen. Derselbe Dresscode ist auch bei Beerdigungen Ehrensache.

Schatten der Vergangenheit

2012 halten die Vorbereitungen zu einem Jubiläum in eigener Sache alle Moorfleeter Bürger inner- und außerhalb des Heimatvereins oder der Arbeitsgemeinschaft Moorfleet (AGM) auf Trab: Es geht um den 850. Geburtstag des Stadtteils. Anders als in Bergedorf, zu dem Moorfleet verwaltungstechnisch gehört und wo das gleiche Jubelfest ebenfalls 2012 ausgerufen wurde, haben die Moorfleeter den Kalender auf ihrer Seite. Denn als "Thom Urenfleth" wurde Moorfleet erstmals 1162 urkundlich erwähnt. Bergedorfs Existenz dagegen ist schriftlich erst seit 1163 verbürgt.

Das Jubiläum eines viel kürzer zurückliegenden Ereignisses lässt manchem Alteingesessenen noch heute den Schreck in die Glieder fahren. Bei der Sturmflut von 1962 brach der Deich an drei Stellen, es gab Tote und immense Sachschäden. Unschöne Erinnerungen weckt auch das Schicksal der Anfang der 50er-Jahre errichteten Bille-Siedlung. Auf einem seit den 30er-Jahren aufgespülten 31 Hektar großen Gelände aus Elb- und Hafensedimenten, das mit einer anderthalb Meter dicken Schlickschicht versehen wurde, baute die Chemiefirma Boehringer Häuser für Betriebsangehörige, auch die Baugenossenschaft Bille beteiligte sich.

Ende der 80er-Jahre stellte man fest, dass der Boden mit Gift verseucht war. Die Stadt kaufte den meisten Bewohnern Haus und Grundstück ab, sanierte das Gelände und verkaufte den größten Teil an einen Golfplatzbetreiber. Im Frühjahr 2012 feierte "Red Golf", eine Jedermann-Anlage mit neun Löchern, zehnjähriges Bestehen. Auch der Dioxin-Skandal von Boehringer ist unvergessen. 1984 musste die Firma dichtmachen, weil bei der Herstellung von Pestiziden Giftstoffe in unvorstellbarem Ausmaß freigesetzt wurden. Viele Mitarbeiter erkrankten aufgrund der Dioxinbelastung an Krebs.

Die Kirche - ein Juwel

Was gibt es Schönes im geplagten, von Verkehrslärm umtosten Moorfleet? Die Kirche St. Nikolai. Der Baustil-Hybrid aus Fachwerk und Neogotik steht seit 1331 an seinem Platz. Auf dem Friedhof dort liegt auch Pastor Heinrich Matthias Sengelmann, der Begründer der Alsterdorfer Anstalten, begraben. Er war 25 Jahre alt, als er 1846 das Pastorat in Moorfleet übernahm. Nur ein paar Schritte von der Kirche entfernt, in der Sandwisch 25, legte er in einem kleinen Haus den Grundstein zu seinem Lebenswerk. Die "Christliche Arbeitsschule" wurde zur Keimzelle der Alsterdorfer Anstalten, die Sengelmann 1863 begründete, weitab von Moorfleet.

+++ Der Stadtteil-Pate: Tom R. Schulz +++

Das Moorfleeter Schloss, ein 1660 erbautes Hufnerhaus, kann man nur von außen bewundern, es ist in Privatbesitz. Auch sehenswert: das Haus des Tischlers Vogeler am Deich 110. Und die rot geklinkerte Schule, in der von 1949 bis 1980 Grund-, Haupt- und Realschüler aus Moorfleet büffelten. An der Klingel des verwahrlost wirkenden, leer stehenden Gebäudes in der Sandwisch 66 steht "Sprinkenhof AG".

In der nächsten Folge am 16.6.: St. Georg