Die Stadtteilserie

Kirchwerder

| Lesedauer: 7 Minuten
Conrad Bauer-Schlichtegroll

Trachten, Tulpen und Trauerseeschwalben: An Hamburgs Südspitze ist der Großstadttrubel fern.

Mit dem Wagen dauert die Fahrt von der Hamburger Innenstadt eine gute halbe Stunde bis zur südöstlichen Spitze der Landesgrenze, bis nach Kirchwerder. Aber schon bei Mümmelmannsberg, wo die B 5 auf dem Geestrücken entlang des Elburstromtals verläuft, bekommt man einen Eindruck von der Weite des Landes mit seinen fruchtbaren Böden, den Wiesen und Feldern und den vielen Treibhäusern für die Blumenzucht. An den Wochenenden und besonders in den Sommermonaten ist der entlegene Stadtteil ein beliebtes Ausflugsziel.

Das Fährhaus geht mit der Zeit

Kirchwerder wird meistens in einem Satz mit dem Zollenspieker Fährhaus genannt. Der denkmalgeschützte Fachwerkbau diente Jahrhunderte als Zollstelle für Waren aller Art. 742 Jahre war das Fährhaus ein staatliches Gebäude, 1994 kaufte der gebürtige Zollenspieker Bodo Sellhorn das Haus und sanierte es. 2002 feierte der Bau sein 750-jähriges Bestehen und wurde wieder zu einem beliebten Naherholungsort an der Elbe - eine Institution von Kirchwerder. Eine Investition in die Zukunft ist der moderne Vier-Sterne-Hotelanbau (www.zollenspieker-faehrhaus.de) mit 53 Zimmern und Wellnessbereich, der den Gästen einen zeitgemäßen Service bietet. Gleichzeitig stehen für Familienfeiern und Firmenveranstaltungen zwei Säle zur Verfügung, die durch ein flexibles Raumkonzept von 30 bis auf 200 Quadratmeter wachsen können.

Ein gefragtes Ziel war das Zollenspieker Fährhaus immer, denn schon vor mehr als 100 Jahren machten sich Gäste mit der Kutsche in einer Tagestour vom Hamburger Bahnhof Dammtor auf den Weg an die Elbe.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Bekannte Söhne +++

Treffpunkt für Motorradfahrer

Direkt in Sichtweite des Fährhauses befindet sich die Zollenspieker Fähre ( www.faehre-zollenspieker.de ), der älteste deutsche Elb-Fährbetrieb, der Kirchwerder mit dem gegenüberliegenden Hoopte in Niedersachsen verbindet. Für viele Bewohner der Vier- und Marschlande ist es eine wichtige Verbindung zur anderen Elbseite, die allerdings nur zwischen dem 1. März und 30. November angeboten wird. Eine Alternative, aber ein Umweg, ist die Fahrt über das Wehr bei Geesthacht. Der Anleger ist an sonnigen Tagen ein beliebtes Ausflugsziel für Motorradfahrer. Direkt am Wasser glänzen dann die schweren Maschinen und die Biker machen nach einer Fahrt am Deich entlang Pause an Käpt'n Kuddls legendärem Fähr-Imbiss.


Prachtvolle Gebäude

Auf 800 Jahre Geschichte kann die besonders schöne St.-Severini-Kirche am Kirchenheerweg 2012 verweisen. Schon von Weitem ist der weiße Glockenturm aus Holz sichtbar. Ihr heutiger Bau mit dem gemauerten, vom Turm getrennten Kirchengebäude geht auf das Jahr 1785/91 zurück. Im Inneren bietet der Bau eine unerwartete, dekorative Pracht. Schwere Messingleuchter, deren Kerzen zum Gottesdienst angezündet werden, hängen an dicken Holzträgern, und zierliche Hutständer aus Eisen schmücken mit ihren stilisierten Blüten in allen Farben die harten Holzbänke, die nur durch kleine geschnitzte Türchen zu betreten sind. Kanzel, Empore und Taufbecken sind in klassizistischer Holzbauart gearbeitet und bemalt, und zu jeder Viertelstunde ertönt eine antike Wanduhr - für Pastor und Gemeinde unüberhörbar.

Auch der Friedhof ist sehenswert, zeugen doch die teilweise bis zu 2,30 Meter hohen Grabplatten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert vom damaligen Reichtum mancher Höfe. Einige der Platten schmücken den Eingang zur Kirche, das Brauthaus, wo heute vor der kirchlichen Trauung standesamtliche Vermählungen stattfinden. Eine Besichtigung der Kirche (www.st-severini.de, Tel. 723 02 02) ist nach vorheriger Anmeldung möglich. Die Gemeinde ist heute, was ihre Fläche angeht, die größte im Hamburger Stadtgebiet und wird von den Pastoren Gottfried Lungfiel und Ulrich Billet betreut.

Schon von Weitem ist die Riepenburger Mühle zu sehen, ein heimliches Wahrzeichen von Kirchwerder. Seit 1999 kümmert sich der Verein Riepenburger Mühle (www.riepenburger-muehle.com, Tel. 720 89 50) um das seit 1939 unter Denkmalschutz stehende Gebäude und hat seit 2001 mehr als 1,3 Millionen Euro in die Restaurierung investiert. "Wir sind nur 13 Leute hier im Verein, aber wir machen alle anfallenden Arbeiten selbst", sagt der Vorsitzende Axel Strunge. Jeden ersten und dritten Sonntag im Monat finden Führungen in der funktionstüchtigen Mühle statt, zwischen April und Oktober auch am Dienstag und Donnerstag zwischen 11 und 17 Uhr. Außerdem, so Strunge, würden hier in der Ölmanufaktur noch nach alter Herstellungsart Öle produziert. Im angeschlossenen Mühlenladen werden unter anderem Schokoladen, Konfitüren sowie Essig und Öle verkauft. Und im Café gibt es frischen Kuchen.

Gefragter Trachtenverein

Einen Einblick in das traditionelle Leben von Kirchwerder bekommt man auch bei den Auftritten des Vierländer Speeldeel Trachtenvereins (www.vierlaender-speeldeel.de). Die 1964 gegründete Tanzgruppe hat circa 80 Mitglieder aller Altersgruppen und zeigt bundes- und europaweit bei Feierlichkeiten Trachtentänze und singt Volkslieder aus dem norddeutschen Raum. Zur größten Veranstaltung mit Auftritten der Tanzgruppe zählen immer die Feiertage mit Umzug zum Erntedankfest jeweils Anfang Oktober.

Gartentipps für Laien und Experten

Kirchwerder ist bekannt für seine Blumenzüchter. "Früher stand die Zucht von Maiblumen (Maiglöckchen) an erster Stelle, da man ihren Wuchs sehr gut steuern kann", sagt Jan D. Janßen, Inhaber vom Vierländer Rosenhof ( www.vierlaender-rosenhof.de ), ein beliebtes Ausflugsziel für Rosenfans. Besonders im Frühjahr werden aber in den vielen bis zu 150 Meter langen Treibhäusern der Betriebe Stiefmütterchen, Primeln, Tulpen und dann Geranien gezüchtet. "Ohne moderne Technik wie Wasser- und Heizungskontrolle kann man diese zeitintensive Arbeit kaum noch schaffen", sagt Frank Scheel, der in dritter Generation den Familienbetrieb führt.

+++ Der Stadtteil-Pate: Conrad Bauer-Schlichtegroll +++

Eine Institution in Sachen Gartenbau ist auch das BIG Bildungs- und Informationszentrum des Gartenbaus Hamburg, früher unter dem Begriff Gartenbau-Versuchsanstalt Fünfhausen bekannt. Eine Anlage, die sowohl Fachleuten, Hobbygärtnern und Gartenfreunden offen steht. Natur pur finden Besucher aber auch im Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiesen, mit 860 Hektar Gesamtfläche das größte der Hansestadt und der einzige Brutplatz der Trauerseeschwalbe auf Hamburger Grund.

In der nächsten Folge am 12. 5.: Wandsbek

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