Hamburg. Apothekerin empfiehlt jährliche Beratung, um alle Wechsel- und Nebenwirkungen im Blick zu haben. Kostenfreier Vortrag in Bergedorf.

„Eine ganze Handvoll Tabletten? Da bin ich ja schon morgens satt von“, hört Sabine Haul nicht selten und wundert sich, wenn sie erfährt, dass die bunte Gemengelage dann noch zerstoßen, zerteilt oder zerkaut wurde. Wobei manche Wirkstoffe sich ja nicht gleich im Magen auflösen, sondern durch die Ummantelung verzögert freigegeben werden sollen.

Patienten können also durchaus eine Menge falsch machen bei ihrer Medikamenten-Einnahme und wissen oft nicht genau, was sie da eigentlich schlucken. Dass Magenschützer nur vor dem Essen wirken, manche Augentropfen nicht in den Kühlschrank gehören und man nach einem Asthmaspray den Mund ausspülen sollte, erfahren sie jetzt bei einem Vortrag im Lohbrügger Gesundheitszentrum.

Gesundheit Bergedorf: Pillencocktail zum Frühstück – das kann gefährlich werden

„Pillen zum Frühstück? Über den sicheren Umgang mit Medikamenten“, heißt es am Donnerstag, 30. November, am Herzog-Carl-Friedrich-Platz 1. Von 11 bis 12.30 Uhr geht es Sabine Haul vor allem darum, die Arzneimitteltherapie ihrer Zuhörer sicher zu gestalten: „Eine Studie zufolge weichen fast 60 Prozent der Patienten bewusst von ihrem Plan ab, weil sie meinen, sie würden zu viele Tabletten nehmen. Dann lassen sie einfach mal den Blutverdünner weg, der vor einem Schlaganfall schützen soll. Oder sie haben sich durch Doktor Google verunsichern lassen und fürchten Nebenwirkungen“, erfuhr die Apothekerin.

Sie warnt vor den Risiken: „Wer zum Beispiel depressiv ist, bekommt manchmal Übergewicht, worauf dann ein Gichtanfall folgt. Das ist eine Kettenreaktion, die gut abgestimmt behandelt werden muss.“

Kostenfreie jährliche Beratung bei mehr als fünf Medikamenten

Aber eben mit einem professionellen, pharmazeutischen Blick: Seit einem Jahr können geschulte Apotheker eine Medikationsberatung anbieten, die von den Krankenkassen bezahlt wird. Wer mehr als fünf ärztlich verordnete Medikamente nimmt, kann jährlich einen Termin in seiner Stamm-Apotheke vereinbaren und alle Rezepte überprüfen lassen.

„Am besten bringt man gleich alles mit, auch den Medikamentenplan vom Hausarzt“, so Haul. Sie ahnt allerdings, dass manche Pläne nicht erst veraltet sind, wenn jemand frisch aus dem Krankenhaus kommt: „Zuletzt brachte ein Kunde gleich sieben Medikamentenpläne mit, da hatte jeder Facharzt einzeln etwas aufgeschrieben.“

Mithilfe einer Software auf mögliche Wechselwirkungen geschaut

Wenn also der Urologe, der Kardiologe und die Neurologin neue Verordnungen ausstellen, sollte alles auf einem Blatt stehen: „Wir erstellen dann einen aktuellen Gesamtplan und gucken uns mithilfe einer Software auch die möglichen Wechselwirkungen an“, so die 54-Jährige. Als Mitglied im bundesweiten „Aktionsbündnis Patientensicherheit“ hofft sie darauf, dass es bald eine digitale Anzeige geben wird, auf die alle Ärzte, Apotheker, aber auch die Pflegekräfte zugreifen können.

Es sei oft eben auch unverhofft wichtig, dass der Medikamentenplan aktuell ist: Wenn zum Beispiel jemand plötzlich ins Krankenhaus kommt, aber verlegt werden muss und weder Hausarzt noch Angehörige erreichbar sind.

Länger als 14 Tage Ibuprofen: „Das kann sich toxisch auf die Niere auswirken“

Manchmal sei es sinnvoll zu schauen, ob eine langjährige Pille abgesetzt werden kann, meint die Apothekerin etwa mit Blick auf die Nierenfunktion: „Die kann man sich wie eine Waschmaschine vorstellen. Wenn man den Zulauf verengt, kommt weniger Wasser in die Trommel, geht sie irgendwann kaputt.“ Das übrigens könne durchaus auch passieren, wenn man länger als 14 Tage das rezeptfreie Ibuprofen schluckt: „Das kann sich toxisch auf die Niere auswirken.“ Am besten werde alles in einer Praxis abgesprochen: „Die Therapiehoheit hat immer der Arzt.“


Die langjährige Apothekerin bildet nicht nur in Hamburg aus, sondern bekommt Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet, die sie mit ihren beiden Kollegen annimmt: „Die Beratung hat sich bislang noch nicht so etabliert, was auch mit dem Personalmangel in den Apotheken zusammenhängt.“ Sie aber nehmen sich Zeit für Schulungen der anderen Apotheker – und natürlich für die Kranken, die sie teilweise schon lange kennt.

„Ein Insulin-Patient hatte nach dem Tode seiner Frau ganz stark abgenommen. Das war ein wichtiger Hinweis für den Arzt, um die Dosierung anzupassen“, erzählt sie – und macht sogar Hausbesuche etwa in der Dementen-WG oder im Pflegeheim. Wer es indes zu ihrem Vortrag am 30. November schafft, möge sich bitte vorher anmelden unter 040/607 73 35 37. Der Eintritt ist kostenfrei.