Dr. Matthias Riedl

Ernährungs-Doc: Fettleber – was Weihnachten damit zu tun hat

| Lesedauer: 9 Minuten
Ernährungs-Doc Matthias Riedl plädiert dafür, selber zu kochen, um sich gesund zu ernähren.

Ernährungs-Doc Matthias Riedl plädiert dafür, selber zu kochen, um sich gesund zu ernähren.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Dr. Matthias Riedl stellt fest, dass „Krankheiten des Alters“ inzwischen deutlich früher auftreten. Das kostet viel Lebenserwartung.

Hamburg. Auch ein Ernährungsmediziner wie Dr. Matthias Riedl ist nicht frei von Zipperlein. „Ich bin Allergiker und das schon von Kleinkind an“, sagt der 60-Jährige. Diese Allergie sei eine seiner Triebfedern gewesen, Arzt zu werden, „weil ich damals falsch behandelt wurde – das war in den 60er-Jahren. Der Arzt hatte keine Ahnung von Allergien“. Ihm gehe es nun darum, unnötiges Leid für Patienten durch nicht verbreitetes Wissen zu verhindern. „Ich weiß, dass wir mit der Ernährung eine Menge tun können.“

In der neuen Podcast-Folge „Dr. Matthias Riedl: So geht gesunde Ernährung“, spricht der Mediziner, der als Ernährungs-Doc im TV bekannt geworden ist, über ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten und was man dagegen tun kann.

Ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten

„Wir laufen mit der Medizin der Prävention hinterher. Um das einmal in einer Zahl auszudrücken – 90 Prozent der Menschen, die in deutsche Praxen kommen, kommen, weil sie verhaltensbedingte Krankheiten haben, also fast alle. Und von diesen 90 Prozent sind über die Hälfte ernährungsbedingt.“

Ernährungs-Doc Matthias Riedl: „Übergewicht ist die Mutter vieler Krankheiten“

Das habe Konsequenzen für die Lebenserwartung. „Wir sind im letzten Drittel in Europa und das, obwohl wir so viel Aufwand betreiben. Das ist übrigens im Gesundheitsministerium noch nicht richtig aufgefallen und wird leider auch bei allen Playern im Gesundheitswesen noch unterrepräsentiert. Das verursacht einen Verlust an Lebensjahren, einen Verlust an Lebensqualität und viel Leid. Und das möchte ich ändern.“

Riedl sieht im Übergewicht „die Mutter vieler Krankheiten“. Wie verbreitet Übergewicht in der Bevölkerung ist, verdeutlicht er mit Zahlen: 30 bis 40 Prozent der deutschen Frauen seien übergewichtig und sogar 50 bis 60 Prozent der Männer.

„Wenn man dann aber in die höheren Altersklassen geht, ist das noch deutlich mehr. Man muss eigentlich sagen, der nicht übergewichtige Mann ist eine Rarität, bei Frauen ist es nicht ganz so schlimm.“ Gerade im Alter sei Übergewicht ungünstig.

Und auch schon jedes fünfte Kind zwischen elf und 13 Jahren sei schon übergewichtig. „Und wir wissen: Je früher man übergewichtig ist, je früher man Übergewichts-Folgeerkrankungen kriegt, desto schwerer werden diese und desto kürzer das Leben. Das heißt, wir können jetzt schon ausrechnen, dass die Jugend nicht mehr so alt wird wie ihre Eltern.“

Lebenserwartung in Deutschland könnte stagnieren

Die Lebenserwartung sei in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gestiegen, aber Riedl erwartet einen Knick in dieser Entwicklung. „Die Zivilisationskrankheiten treten einfach Generationen früher auf. Wenn ich schon als 11-Jähriger übergewichtig bin und nicht erst als 50-Jähriger, ist das natürlich ein Riesenunterschied. Und der nächste Punkt: Ein kindliches Übergewicht, das über die Pubertät hinaus besteht, ist fast nicht mehr therapierbar.“ Bei jungen Erwachsenen sei die Wahrscheinlichkeit, das Übergewicht zu behalten, sehr, sehr groß und liege bei mehr als 90 Prozent.

Die große Gefahr des Übergewichts: „Es ist eine der wichtigsten Ursachen für den Diabetes Typ 2“, sagt der Ärztliche Leiter des Medicum Hamburg. Bei den Hamburgern liege der Anteil bei etwa acht Prozent, deutschlandweit liege der Anteil bei acht bis zehn Prozent, in Thüringen und Sachsen gebe es Regionen mit 15 Prozent. Außerdem gebe es ein gewisses Dunkelfeld. Bei den 60- bis 70-jährigen steige die Wahrscheinlichkeit, Diabetes zu bekommen, sprunghaft und liege bei 20, 25 oder mehr Prozent.

Matthias Riedl: Altersdiabetes – ein irreführender Ausdruck

Der Ausdruck Altersdiabetes sei dennoch irreführend, sagt der Ernährung-Doc. „Ich kenne Familien, da hat die Oma das mit 70 gekriegt, die Tochter mit 50, die Enkelin mit 25 und der Urenkel, der wird das mit zwölf, 13 bekommen, weil die Ernährung sich so dramatisch verschlechtert hat.“

Ernährung und das Körpergewicht seien dabei ein wichtiger Faktor. Aber nicht jeder, der sich ungesund ernährt, bekomme Diabetes. „Wir wissen, dass die genetische Voraussetzung und die Art und Weise zu essen und Stoffwechselveränderungen im Körper, aber auch die Darmflora dabei eine Rolle spielt.“

Die Wahrscheinlichkeit, Typ 2 Diabetes loszuwerden, hänge sehr stark mit dem Gewichtsverlust zusammen. „Wenn wir 15 Kilo verlieren können, liegt die Wahrscheinlichkeit, den Diabetes loszuwerden, bei mehr als 80 Prozent. Aber wenn man nur fünf Kilo Übergewicht hat, hat man schlechtere Karten.“

Aber auch solche Menschen könne man Mut machen. Diese könnten es mit antidiabetischer Ernährung versuchen. Dazu zählten Nüsse, Gemüse, aber auch gesunde Öle. Die dritte Säule sei mehr Bewegung, denn Muskeln seien der Gegenspieler zu Diabetes. „Die saugen den Zucker auf, die wirken antidiabetisch, antientzündlich. Und beim Sport verbrauche ich auch Energie.“

Ernährungs-Doc Riedl: Stress wirkt diabetesfördernd

Wichtig sei auch, Stress zu reduzieren, denn der wirke diabetesfördernd. Auch ausreichend Schlaf sei wichtig, denn wer schlecht schlafe, habe am nächsten Morgen mehr Appetit. „Eine schlecht geschlafene Nacht erhöht den Blutzucker.“

Auch Bluthochdruck zählt Riedl bei den verbreiteten ernährungsbedingten Krankheiten auf. Auch dafür sei Übergewicht ein Risikofaktor. „Es gibt offenbar bei vielen Menschen eine Schwelle, dass der Blutdruck konstant bleibt. Aber dann kommen noch ein, zwei Kilo dazu. Plötzlich steigt er an und dann steigt er exzessiv an!“

Bluthochdruck wird oft spät erkannt

Dem dauerhaften Bluthochdruck müsse man vorbeugen und auch rechtzeitig erkennen, warnt Riedl. „Man muss sich das so vorstellen. Da steht dieser Gartenschlauch unter Druck und dann wartet man darauf, dass er irgendwo platzt. Und so ist das auch. Es kann zu Rissen kommen, später zu Arterienverkalkung. Das ganze Gefäßsystem ist eigentlich ein schlankes, elastisches Adersystem und durch diesen hohen Druck wird es hart.“ Er erinnere sich an seine Studentenzeit und den Anatomieunterricht: „Wenn die Gefäße richtig verkalkt sind, dann kann man da fast mit einer Geflügelschere ran.“

Bluthochdruck entwickle sich schleichend, mache selten Symptome. Wer nicht regelmäßig zur Vorsorge beim Arzt gehe, merke das oft gar nicht. „Viele haben einen unbemerkten Bluthochdruck und der wütet dann jahrelang. Und dann ist nachher plötzlich das erste Symptom der Infarkt.“

Wer familiär vorbelastet sei, sollte daher unbedingt zur Kontrolle gehen, rät der Ernährungsmediziner. Aber gerade Männer seien Vorsorgemuffel. „Ich kann nur jedem Mann raten, sich einen Termin zu machen beim Hausarzt. Und da wird das alles gecheckt.“

Arterienverkalkung ist eine Folge des Übergewichts

Arterienverkalkung sei ein weiteres großes Problem: „In unserer Gesellschaft ist es immer noch die Haupttodesursache“, sagt Riedl. Sie sei im „Schlepptau mit dem Übergewicht“ meist dabei. Das erhöhte LdL-Cholesterin spiele eine große Rolle bei der Entstehung von Arterienverkalkung.

Aus Studien sei bekannt, dass der Konsum von Nüssen Blutdruck-Therapeutikum, Blutfett-Therapeutikum und Diabetes-Therapeutikum sei. „Nüsse sind eine Art Poly-Pille.“ Sie könnten auch mal eine komplette Mahlzeit ersetzen. Er sei nicht gegen blutfettsenkende Medikamente, „aber es geht mir darum, sie so selten wie möglich einzusetzen und so niedrig wie möglich zu dosieren.“ Denn mit Ernährung könne man einiges erreichen. „Meine dringende Bitte: es immer erst einmal mit Ernährung probieren.“

Ein weiteres verbreitetes Krankheitsbild ist die Fettleber. „Als ich jung war, war die Fettleber eher durch Alkohol bedingt oder ist durch Leberentzündung entstanden. Heute ist die Ernährung die wichtigste Ursache für die Fettleber.“

In Amerika sei sie sogar schon die wichtigste Ursache für Leberversagen und ohne Leber könne man nicht leben. Sie sei der Promotor eines Typ 2 Diabetes und zahlreicher weiterer Erkrankungen, deshalb müsse man die Fettleber ernster nehmen und behandeln.

Ernährungs-Doc Riedl: Fettleber macht oft keine Beschwerden

Oft mache sie keine Beschwerden, aber es gebe „Fettleber-Monstrositäten“, bei denen sie um das zwei bis dreifache vergrößert sei. Die Symptome seien schleichend. Die Menschen fühlten beispielsweise einen Druck im Oberbauch, fühlten sich ein bisschen schlapp – all das könnten Symptome sein. Aber es gebe hervorragende Heilungstendenzen durch eine Ernährungstherapie, wenn man nicht zu lange warte.

Auch die Weihnachtsgans macht der Leber zu schaffen. Wer zu Weihnachten drei Tage im Übermaß esse, bei dem verfette die Leber schon messbar. „Man kann es wieder rückführen, aber die Leber reagiert sehr schnell. Die Gegenstrategie: Die Justierung der richtigen Eiweißmenge, dazu eine möglichst gemüsereiche Ernährung und gesunde Fette.“

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