Hamburg

Erste Bilanz zum 9-Euro-Ticket: HVV ist "positiv überrascht"

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Auch im HVV in Hamburg gilt das 9-Euro-Ticket: Die Linie U3 zählt besonders am Wochenende zu den beliebtesten Strecken.

Auch im HVV in Hamburg gilt das 9-Euro-Ticket: Die Linie U3 zählt besonders am Wochenende zu den beliebtesten Strecken.

Foto: fotoVoyager / Getty Images

Aus Sicht der Hochbahn ist das Angebot ein großer Erfolg – die Auslastung steige. Der ADAC kritisiert derweil den Tankrabatt.

Hamburg. 706.000 verkaufte Neun-Euro-Tickets beim Hamburger Verkehrsverbund (HVV), dazu jene 680.000 Abonnenten, deren Dauerkarten für den Zeitraum Juni bis August auf die günstige Variante umgestellt werden – aus Sicht des HVV ist das bundesweit geltende Nahverkehrsangebot ein großer Verkaufserfolg. „Wir sind positiv überrascht“, sagt HVV-Sprecher Rainer Vohl. Auch nach Pfingsten würden noch jeden Tag Tausende Monatskarten verkauft.

Weil die Fahrgasterhebungen üblicherweise erst in der Mitte des Folgemonats Aufschluss über die genauen Nutzerzahlen geben, bittet Vohl noch um ein wenig Geduld. Seinen Angaben zufolge zählte der HVV vor der Pandemie werktags im Schnitt 3,6 Millionen Fahrgäste, an Sonnabenden 1,8 Millionen und an Sonntagen 1,2 Millionen Fahrgäste.

9-Euro-Ticket im HVV: 80 Prozent Auslastung in Hamburg

Etwas konkreter, was die erste Woche mit dem günstigen Monatstickets betrifft, wird Christoph Kreienbaum, Sprecher der Hamburger Hochbahn AG. Er spricht von der klaren Tendenz, dass seit dem 1. Juni wieder mehr Fahrgäste in Bussen und Bahnen unterwegs sind: „Wir sind jetzt deutlich über der 80-Prozent-Auslastung von vor Corona.“

Seit Beginn der Pandemie war die Zahl der Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) deutlich nach unten gegangen und hatte sich in diesem Frühjahr bei 80 Prozent eingependelt. „Was sehr erfreulich ist, wir haben bislang keine Beschwerdelage, auch nicht in den sozialen Medien. Auch die Leitstellen melden normales Tagesgeschäft“, so Kreienbaum.

9-Euro-Ticket: Über Pfingsten viele Fahrgäste im HVV

Die Erkenntnis aus der ersten Woche sei, dass sich die Fahrgäste gut verteilten – was die Strecken betrifft und auch die Tageszeiten. Über die Pfingsttage seien viele Fahrgäste unterwegs gewesen, was aber sowohl dem schönen Wetter, dem verlängerten Wochenende, der großen Sportveranstaltung Ironman, aber auch den Neun-Euro-Tickets geschuldet sein könnte, so der Hochbahn-Sprecher.

Bei der Deutschen Bahn blickt man ebenfalls auf die erste Woche seit der Einführung des Billig-Tickets zurück: „Es gibt zwar noch keine Fahrgasterhebungen, aber gefühlt war es voller“, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn. Allerdings sei schwer zu beurteilen, zu welchem Anteil das Neun-Euro-Ticket dazu beigetragen habe, dass es in den Nahverkehrszügen vor allem am langen Pfingstwochenende teilweise sehr eng wurde.

9-Euro-Ticket in Hamburg ein "wichtiges Signal"

Anjes Tjarks, Senator für Verkehr und Mobilitätswende (Grüne), sagte dem Abendblatt: „Über 700.000 verkaufte Neun-Euro-Tickets im HVV nur wenige Wochen nach dem Vorverkaufsstart verdeutlichen, dass das Angebot von den Menschen angenommen wird und attraktiv ist. Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht für den ÖPNV nach der Pandemie. Das Neun-Euro-Ticket kann für viele der Einstieg in den Umstieg – vom Auto in den ÖPNV – sein, und wir halten die Maßnahme für ein wichtiges Signal, um zielgerichtet nachhaltige Mobilität gerade nach der Pandemie zu stärken und zugleich die Menschen in einer schwierigen Zeit finanziell zu entlasten.“

Gemeinsam mit den Verkehrsunternehmen evaluiere man nun eng die Nutzung, um sehen zu können, wer das Ticket wie auf welchen Strecken nutzt und welche Angebote besonders nachgefragt sind. „Nach der Evaluierung, die noch andauert, wollen wir dann entsprechende Schlüsse ziehen. Für ein fundiertes erstes Fazit in Bezug auf die tatsächlichen verkehrlichen Auswirkungen ist es noch zu früh“, so der Senator.

Auch die Auswirkungen auf den Straßenverkehr lassen sich noch nicht wirklich beurteilen. Christian Hieff, Sprecher des ADAC Hansa, verweist auf den Pfingstverkehr rund um Hamburg und die schier unvermeidlichen Staus an einem solchen verlängerten Wochenende. Die Bettenbelegung an Nord- und Ostsee sei sehr gut gewesen, sagt Hieff, „deshalb bleibt dieser Hauptreiseverkehr mit dem Auto“.

Es sei eben schwer vorstellbar, dass eine Familie aus Nordrhein-Westfalen Auto und Schlauchboot zu Hause stehen lässt und stattdessen mit Regionalzügen an die Küste starte. Um Hamburg habe es bis zu zehn Kilometer lange Staus gegeben. Im Vor-Corona-Jahr 2019 seien die Staus oft länger gewesen, „aber damals waren die Beeinträchtigungen durch die Bauarbeiten auf der A 7 und auf der A 1 auch noch größer“. Derzeit komme man nach Norden und Süden relativ gut durch.

ADAC kritisiert Tankrabatt: „Da macht jemand Kasse“

Hieff sagt auch, man müsse den Effekt auf den Pendlerverkehr weiter beobachten, da sei eine Woche nicht ausreichend, zumal viele Menschen die verkürzte Arbeitswoche nach Pfingsten nutzten, um Urlaub zu nehmen. „Wir haben in Hamburg 400.000 Einpendler und 600.000 Innenpendler“, so der ADAC-Sprecher. Ob das günstige Monatsticket viele zum Umstieg auf den ÖPNV verleite, müsse man abwarten, sagt Hieff, der innerstädtisch nach eigenen Angaben die meisten Wege mit dem Rad macht. Vor allem die Menschen in ländlichen Regionen seien aber weiterhin auf ihr Auto angewiesen.

Zugleich mit der Einführung des Neun-Euro-Tickets sanken als Teil des Entlastungspaketes der Bundesregierung auch die Benzinpreise. Allerdings wird der Tankrabatt meist nicht komplett an die Kunden weitergegeben. „Da macht jemand Kasse. Das ist ein Steuergeschenk für die Mineralölkonzerne geworden“, kritisiert Hieff. Die Spritpreise lägen wieder bei etwa zwei Euro und damit über dem Wert vor dem Ukrainekrieg.

9-Euro-Ticket in Hamburg: Alle Fragen und Antworten

  • Wo kann ich das 9-Euro-Ticket kaufen? Die Tickets sind über die Apps, Fahrkartenschalter, Kundenzentren und andere Verkaufsstellen der Deutschen Bahn erhältlich. In Hamburg ist die Fahrkarte über die HVV-App, den HVV-Onlineshop, die Servicestellen, die HVV-Switch-App, an den Fahrkartenautomaten und in allen Bussen zu bekommen. Außerdem gibt es vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) auch eine eigene „9-Euro-Ticket“-App, die auf den gängigen Plattformen runtergeladen werden kann.
  • Für welchen Zeitraum gilt das Ticket? Die Tickets gelten jeweils für Juni, Juli und August – und zwar für den Kalendermonat. Nicht möglich sind Tickets für gleitende 4-Wochen-Zeiträume, also zum Beispiel von Mitte Juli bis Mitte August.
  • Wie weit kommen Hamburger mit dem 9-Euro-Ticket in Deutschland? In unserer interaktiven Karte finden Sie Ziele, die ab Hamburg mit Regionalzügen zu erreichen sind – direkt oder mit höchstens dreimal Umsteigen.
  • Welche Verkehrsmittel kann man mit dem Ticket nutzen? Prinzipiell gilt das 9-Euro-Ticket bundesweit in allen Bussen, Straßenbahnen, U-Bahnen, S-Bahnen und Zügen des Nah- und Regionalverkehrs – egal ob von der Deutschen Bahn oder anderen Anbietern. Nicht genutzt werden kann der Fernverkehr der Deutschen Bahn mit ICE, Intercity und Eurocity. Auch auf einigen Intercity-Abschnitten, auf denen Fahrgäste mit anderen Nahverkehrsfahrkarten sonst zusteigen dürfen, gilt das Ticket nicht. Diese Fernverkehrszüge werden in der Reiseauskunft neben der IC- mit einer Regionalzug-Kennzeichnung ausgewiesen. Dabei stehe der Hinweis „9-EUR-Ticket nicht gültig“. Nach Angaben der Deutschen Bahn laufen zu dem Thema regional noch Gespräche.
  • Kann man das 9-Euro-Ticket mit ICE-Tickets kombinieren? Ja. Wie die Deutsche Bahn mitteilte, kann man damit im Regionalverkehr zu dem Bahnhof fahren, an dem man in einen Fernzug umsteigt. Für die Fahrt im Fernverkehr ist dann aber immer ein separates Ticket notwendig.
  • Was ist mit Fahrrädern? Wer Fahrräder mitnehmen will, muss für diese trotz 9-Euro-Tickets meist ein paar Euro extra zahlen, zudem kann es passieren, dass die Züge so ge- oder gar überfüllt sind, dass ein Rad schlicht nicht mehr mitgenommen wird.
  • Wird trotz der günstigen Tickets weiter kontrolliert? Ja, die Verkehrsunternehmen kontrollieren eigenen Angaben zufolge wie gewohnt weiter. Wer ohne Ticket angetroffen wird, zahlt nach wie vor ein sogenanntes erhöhtes Beförderungsgeld von meist 60 Euro.
  • Warum ist das Ticket nicht gleich kostenlos? Diesen Vorschlag hat es aus den Ländern tatsächlich gegeben. Einfach auf Tickets (und die Kontrolle) zu verzichten, hätte den Aufwand deutlich gesenkt, so die Argumentation. Ein Grund dafür, dass nun doch etwas Geld verlangt wird: Die Nutzung lässt sich auf diese Weise besser analysieren. Wer nutzt auf welchen Strecken Busse und Bahnen, wenn es deutlich günstiger ist – das ist für die Verkehrsbetriebe eine spannende Frage.
  • Werden zusätzliche Züge eingesetzt? Viele Verkehrsunternehmen haben für die drei Monate Verstärkerzüge angekündigt. Die Deutsche Bahn etwa will 50 zusätzliche Züge einsetzen und das Personal verstärken. Mit den Fahrzeugen könnten 250 zusätzliche Fahrten angeboten werden, hieß es. Sie sollen vor allem entlang der Touristenstrecken in Richtung Nord- und Ostsee sowie im Süden eingesetzt werden. Doch angesichts von durchschnittlich rund 22.000 Regionalbahnfahrten jeden Tag sind Fachleute skeptisch, ob das reicht.
  • Welche Ausflüge gibt es in Hamburg und Umgebung? Das finden Sie im neuen Magazin „Ausflüge“ vom Hamburger Abendblatt. Es ist erhältlich in der Abendblatt-Geschäftsstelle am Großen Burstah 18–32 gleich hinter dem Rathaus, auf abendblatt.de/shop und im Buch- und Zeitschriftenhandel.
  • Fahrpläne ab Hamburg unter www.bahn.de, www.der-metronom.de, www.nordbahn.de, www.hvv.de, www.nah.sh, regional.bahn.de/regionen/meckpomm/fahrplan

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