Wirtschaft

Das Ende des deutschen Geschäftsmodells

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Was passiert, wenn China schwächelt? VW, hier die Produktion in Zwickau, verkauft mehr als 41 Prozent seiner Autos im Reich der Mitte.

Was passiert, wenn China schwächelt? VW, hier die Produktion in Zwickau, verkauft mehr als 41 Prozent seiner Autos im Reich der Mitte.

Foto: Jan Woitas / picture alliance/dpa

Billige Energieimporte und teure Exporte waren das Erfolgsrezept der heimischen Wirtschaft – plötzlich funktioniert beides nichts mehr.

Hamburg. Der frühere Deutsche-Bank-Manager, den die RAF 1989 ermordete, war zeit seines Lebens ein enger Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl. Blickt man auf die aktuelle Malaise, hätten etwas mehr Wirtschaftskompetenz und Sachverstand den Deutschen im vergangenen Jahrzehnt gutgetan. Stattdessen dachten Politiker wie Unternehmensführer nicht langfristig strategisch, sondern kurzfristig – die Vorstände bis zu den nächsten Quartalszahlen, die Politiker bis zur nächsten Wahl.

So entstand ein Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft, das extrem anfällig für Störungen von außen geworden ist: Bei der Energie machte sich die Bundesrepublik in wachsendem Maße von Russland abhängig, woher im vergangenen Jahr 55 Prozent des Gases kamen, beim Handel wurde China zum wichtigsten Partner. Die Globalisierung war Antrieb, Motor und Brennstoff für Deutschland. Nun dämmert allen – dieses Geschäftsmodell könnte vor dem Aus stehen.

Nun wird die Globalisierung rückabgewickelt

Der Ökonom Gabriel Felbermayr, der bis vor Kurzem das Kieler Institut für Weltwirtschaft geleitet hat, brachte es auf den Punkt. Der russische Angriff auf die Ukraine markiere das „Ende von 30 glorreichen Jahren der Globalisierung“. Erst die Pandemie, dann der Überfall auf die Ukraine und nun die Krise in China. Der totalitäre Ansatz von Zero Covid – einst übrigens von manchen Virologen auch für Deutschland gefordert – stürzt Millionenstädte wie Shanghai und Peking in den Lockdown. Die ächzenden Lieferketten drohen endgültig zu zerreißen, die Preise steigen.

Über allem schwebt die Gefahr, dass China aufgrund seiner Solidarität mit Russland zum nächsten Ziel für Wirtschaftssanktionen werden könnte. Die Welt, die gestern noch global erschien, zerfällt in immer kleinere Räume. Der Brexit hat die Briten in eine selbst gewählte Isolation geführt, Joe Biden verfolgt eine Wirtschaftsstrategie der wachsenden Abschottung, die in ihrer Umsetzung der Rhetorik eines Donald Trump entspricht. Er will „mehr Dinge in Amerika herstellen, damit mehr amerikanische Arbeitnehmer einen Beitrag leisten und ein gutes Einkommen erzielen“. Das Siegel „Made in Amerika“ soll ab 2029 nur noch bekommen, wer 75 Prozent eines Produkts in den USA herstellt. Heute reichen 55 Prozent. Das Problem für uns: Die USA sind größter Abnehmer deutscher Waren; bei keinem Land ist unser Exportüberschuss so hoch. Dahinter folgen Frankreich und Großbritannien. Nun wird die Globalisierung rückabgewickelt.

Billiges Erdgas war eine Basis des deutschen Wohlstands

Lange lebte die exportorientierte deutsche Wirtschaft blendend vom freien Welthandel. Die deutschen Exportüberschüsse – also der Wert der Exporte abzüglich der Importe – stiegen von 59 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf 247 Milliarden Euro 2017. Im vergangenen Jahr betrug der Überschuss noch immer 173 Milliarden Euro. Dieser hohe Wert ist vielen Handelspartnern ein Dorn im Auge. Anders sieht unsere Bilanz nur bei China und Russland aus – bei der Volksrepublik beträgt der Importüberschuss inzwischen rund 38 Milliarden Euro. Negativ ist der Saldo auch mit Putins Reich – wegen der Rohstoffe lag der Importüberschuss 2021 bei 6,5 Milliarden Euro.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Georgiewa, warnte vor Kurzem, die Weltwirtschaft könne infolge der Pandemie und des Kriegs in der Ukraine „in geopolitische Blöcke“ zerfallen. Das trifft kaum ein Land mehr als die Bundesrepublik. Billiges Erdgas war eine Basis des deutschen Wohlstands. Auf Basis günstiger Energieimporte hat etwa die Chemieindustrie hochwertige Produkte hergestellt, die wichtige Automobilindustrie hat günstige Vorprodukte importiert und zu einem Produkt veredelt, das auf den Weltmärkten gefragt ist. „Made in Germany“ genießt einen guten Ruf.

Autos und Autoteile machten 2021 den größten Anteil an Exporten aus

Wenn, wie kürzlich der BASF-Chef Martin Brudermüller warnte, ein Gasimportstopp „unseren Wohlstand zerstören“ würde, ist das weniger Panikmache als eine Zustandsbeschreibung. Eine wettbewerbsfähige Energieversorgung ist ein „wesentlicher Baustein für die wirtschaftliche Stärke Deutschlands.“ Wie wettbewerbsfähig diese Energieversorgung bleibt, wenn das Gas über ökonomisch wie ökologisch fragwürdiges LNG eingeführt wird, steht dahin.

Sollte nun noch der chinesische Markt schwächeln, drohen gewaltige Verwerfungen. Vier von zehn Autos deutscher Hersteller werden heute in der Volksrepublik verkauft. Bei VW betrug der Anteil des China-Geschäfts 2020 kühne 41,4 Prozent – da weiß man gar nicht, ob Volkswagen nicht besser Volksrepublikwagen heißen müsste. Bei Daimler und BMW ist der Anteil mit 35 Prozent nur unwesentlich geringer. Insgesamt machen Kraftwagen und Kraftwagenteile im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt mit 15,3 Prozent (209,9 Milliarden Euro) an den deutschen Gesamtexporten den größten Anteil aus. Dahinter folgten Maschinen mit einem Anteil von 14,2 Prozent (195,2 Milliarden Euro) vor chemische Erzeugnisse mit 136,8 Milliarden Euro oder 9,9 Prozent auf Rang drei.

Erdgas ist auch ein wichtiger Rohstoff

Alle drei Königsbranchen leben von der Globalisierung und günstiger Energie. Aber wie leben sie, wenn auch nur eines davon wegfällt? Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Chemiegewerkschaft IG BCE, warnt: Sollte Deutschland nach einem Stopp die Hälfte der Gaslieferungen einbüßen, müsste die BASF in Ludwigshafen den Betrieb einstellen. Erdgas ist eben nicht nur Energieträger, sondern auch wichtiger Rohstoff – laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft lassen sich kurz- bis mittelfristig deshalb nur vier Prozent einsparen.

Die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie setzt 2,8 Mio. Tonnen Erdgas als Rohstoff ein (27 Prozent des Gesamtverbrauchs) und verbraucht 99,3 Terawattstunden Erdgas für die Erzeugung von Dampf und Strom. Das Gas wird – zum Beispiel in der Aluminium- oder Glasproduktion – vor allem zur Erzeugung von Prozesswärme auf hohem Temperaturniveau benötigt. „Ein Lieferstopp würde Hunderttausende Arbeitsplätze kosten“, sagte Vassiliadis, der im Aufsichtsrat der BASF sitzt, im Deutschlandfunk.

Erste Meldungen über Produktionsverlagerungen ins Ausland

Wirtschaftsminister Robert Habeck hat die Botschaft verstanden. Es geht um mehr als Profite, Dividenden oder Bonuszahlungen, es geht um das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, um Jobs, um Lebensperspektiven.

Aus der chemischen Industrie dringen erste Meldungen über Produktionsverlagerungen ins Ausland oder die Drosselungen einzelner Anlagen im Inland. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen lässt aufhorchen: Rund 46 Prozent der Unternehmen wollen demnach ihre Investitionen zurückfahren. Elf Prozent erwägen, energieintensive Geschäftsfelder ganz aufzugeben, 14 Prozent einen Arbeitsplatzabbau in Deutschland. Stiftungsvorstand Rainer Kirchdörfer kritisiert, Deutschland habe in der Energiepolitik dramatisch an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. „Wir benötigen eine Politik, die diese Wettbewerbsverzerrung korrigiert und den Höhenflug der Energiepreise stoppt.“ Aber wie soll das in dieser politischen Großwetterlage gelingen?

Die Abhängigkeit vom Erdgas ist vor allem ein deutsches Problem

Die Krise beginnt sich durch die ganze Wirtschaft zu fressen: Jüngst schlug der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) Alarm. Angesichts steigender Energiepreise und eines drohenden Lieferstopps bei russischem Gas haben erste Ziegeleien Ofenlinien abgeschaltet. Es droht ein vollständiger Produktionsstopp. Um die Öfen zu schützen, müssen diese behutsam heruntergefahren werden. „Auf Grund der Gefahr eines plötzlichen Lieferstopps haben inzwischen mehr als 50 Prozent der Unternehmen ihre Produktion ‚vorsorglich‘ heruntergefahren, um eine Zerstörung ihrer Anlagen zu verhindern“, so VNW-Chef Andreas Breitner. „Wenn hierzulande keine Ziegel mehr produziert werden, wird das den Bau bezahlbarer Wohnungen weiter erschweren und verteuern“. Ein Mosaikstein, der die Verknüpfungen und Verwundbarkeiten unserer Wirtschaft aufzeigt.

Schlimmer noch – wenn die deutschen Hersteller auf dem Markt ausfallen, könnten andere Anbieter in ihre Rolle schlüpfen – denn die Abhängigkeit vom Erdgas ist vor allem ein deutsches Problem, viele Nachbarländer haben ihr Risiko besser gestreut; die Amerikaner profitieren sogar von der aktuellen Situation. Auch wenn sich das deutsche Energieproblem eines Tages lösen sollte, könnten Wirtschaftsbeziehungen und Marktanteile verloren gehen und die Unternehmen dauerhaft Schaden nehmen. Anders als in der Finanz- und Corona-Krise würde es danach nicht so schnell aufwärtsgehen.

Im ersten Quartal wuchs die deutsche Wirtschaft um 0,2 Prozent

Die letzten Konjunkturdaten treiben Politik und Ökonomen die Sorgenfalten auf die Stirn: Im ersten Quartal wuchs die deutsche Wirtschaft um kümmerliche 0,2 Prozent – der Stand von 2019 ist noch immer nicht erreicht. Und die schon mehrfach heruntergeschraubten Wachstumsprognosen – zuletzt erwartete die Bundesregierung ein Plus von 2,2 Prozent – stehen unter dem Vorbehalt, dass ein Energieschock etwa über ein Gasembargo ausbleibt. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, hatte 2010 der Bundesrepu­blik ein „goldenes Jahrzehnt“ vorhergesagt – eine Prognose, die voll aufging. „Die goldenen Zeiten sind vorbei“, sagt er nun dem Abendblatt. Immerhin warnt der Experte vor zu viel Schwarzmalerei: „Die 2020er werden keine düstere Dekade für Deutschland. Eher eine normale“, sagt Schmieding. „So schlecht sind die Standortbedingungen nicht, dass es richtig düster werden dürfte.“ Wir würden aber erleben, dass Frankreich dank der Macron-Reformen an uns vorbeizieht.

Die Ursache: „Deutschland ist verwundbarer als viele andere Länder wegen seiner seit dem Atomausstieg verfehlten Energiepolitik“, sagt der Ökonom. Die überhöhten Energiekosten und die Abwanderung mancher Arbeitsplätze in energieintensiveren Branchen schwächten sowohl die Kaufkraft als auch die Substanz der Wirtschaft. Immerhin: „Das Beispiel Tesla hat gezeigt, dass Deutschland auch für industrielle Arbeitsplätze attraktiv bleibt.“

Tendenz: Lieferketten krisensicherer aufstellen

Die Renationalisierung und Deglobalisierung würde Deutschland seiner Ansicht nach aber weniger treffen als derzeit befürchtet. „Von unserer Ausfuhrkraft bleibt viel. Die teilweise und schrittweisen Rückverlagerungen von Lieferketten werden zunächst die Nachfrage nach deutschen Maschinen erhöhen“, sagt Schmieding. Er erwartet, dass die Weltwirtschaft international bleibt, und sieht nur eine Tendenz, Lieferketten krisensicherer aufzustellen, indem man zusätzlich zu einem billigen und fernen Lieferanten auf einen heimatnahen Partner setzt. „In einigen Bereichen werden strategische Gesichtspunkte eine größere Rolle spielen. Was wollen wir China nicht verkaufen? Für sensible Bereiche bis hin zum Datenaustausch wird es Sphären geben von Staaten, die sich hinreichend vertrauen.“ Rein nationale Lösungen erwartet Schmieding nicht.

Die Krise birgt sogar eine Chance, wenn die Politik handelt. „Wir dürfen Unternehmen nicht durch Steuern, Sozialabgaben und Regulierungen überlasten, damit sie gerne in Deutschland qualifizierte Stellen schaffen.“ Zudem fordert der Berenberg-Chefvolkswirt eine vorhersehbare Klimapolitik, die mit Preissignalen arbeitet, und größere Anstrengungen in der Bildungspolitik. „Wir benötigen eine bessere frühkindliche Bildung, damit wir das Potenzial unserer Menschen besser nutzen. Zugleich bedarf es besserer Anreize, über die normale Altersgrenze hinaus zu arbeiten.“ Zudem sei wichtig, sich auf möglichst vielen Gebieten mit den USA auf gemeinsame Standards zu einigen, damit der Austausch über den Atlantik hinweg besser funktionieren kann.

Wenn es stimmt, dass die meisten Fehler in guten Zeiten gemacht werden, liegen in schlechteren Zeiten durchaus Chancen.

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