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Hitzige Debatte um „2G“-Plan des Hamburger Senats

| Lesedauer: 7 Minuten
Andreas Dey und Sven Kummereincke
Gastronomen in Hamburg könnten bald vor der Entscheidung stehen, ob sie Ungeimpfte noch bewirten (Symbolbild).

Gastronomen in Hamburg könnten bald vor der Entscheidung stehen, ob sie Ungeimpfte noch bewirten (Symbolbild).

Foto: picture alliance/dpa | Daniel Bockwoldt

Events nur für Geimpfte und Genesene: Grüne und CDU in der Bürgerschaft dafür – AfD und FDP dagegen. Viele Details offen.

Hamburg. Wird es in Kinos, Konzerthallen, Theatern, Restaurants und bei vielen Veranstaltungen bald nur noch Zugang für Geimpfte und Genesene (2G) geben? Der Plan des rot-grünen Senats für ein „2G-Optionsmodell“ hat am Mittwoch in der Bürgerschaft zu einer teilweise hitzigen Debatte geführt.

„Nicht-Geimpfte Gesunde werden so komplett vom sozialen Leben ausgegrenzt und wie Aussätzige isoliert“, kritisierte AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann und fragte: „Wann nehmen Sie den Nicht-Geimpften die letzte Luft zum Atmen?“ Bund und Länder hätten ihr Versprechen gebrochen, dass es keine Impflicht geben werde: Mit dem Schritt von 3G (geimpft, genesen, getestet) zu 2G sei praktisch keine freie Entscheidung mehr möglich.

Corona in Hamburg: „Impfpflicht durch die Hintertür“?

Auch die fraktionslose FDP-Abgeordnete Anna von Treuenfels-Frowein kritisierte die „Diskriminierung von Ungeimpften“ und sprach von einer „Impfpflicht durch die Hintertür“. Sie warb dafür, bei der 3G-Regel zu bleiben.

Die Grünen unterstützten die 2G-Pläne des Senats hingegen: Es gelte, den Menschen, von denen keine Gefährdung mehr ausgeht, wieder mehr Teilhabe zu ermöglichen und einen erneuten Lockdown für alle zu vermeiden, sagte deren Fraktionsvorsitzende Jennifer Jasberg: „Viele Branchen, die bisher nur sehr schwer oder gar nicht wieder in eine Art Normalbetrieb gehen konnten, haben jetzt endlich wieder eine Perspektive – auch die für das kulturelle Leben so wichtige Clubszene.“

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„Das 2G-Modell ist nur konsequent“

Am Beispiel anderer europäischer Länder sehe man, dass diese Art der Beschränkungen zu einem erkennbaren Rückgang des Infektionsgeschehens geführt habe: „Besorgniserregende Zustände sind bisher ausgeblieben. Das 2G-Modell ist daher nur konsequent.“

Auch die oppositionelle CDU gab dem Senat für dessen 2G-Pläne Rückendeckung: „Das ist ein Schritt, den die CDU-Fraktion für sinnvoll und praktikabel hält und der Betreibern von Bars und Diskotheken endlich eine Perspektive bietet“, sagte ihr Abgeordneter Stephan Gamm. Er kritisierte aber, dass Hamburg bei derartigen Konzepten oft anderen Ländern hinterherhinke.

Hamburg bleibt weiter vorsichtig im Umgang mit Corona

„Wertvolle Zeit“ sei schon bei der Beschaffung von Luftfiltern für Schulen, dem Ausbau dezentraler Impfangebote und der Impfung von Zwölf- bis 17-Jährigen verloren gegangen. Und während Berlin probeweise sechs Clubs für 2000 PCR-Getestete öffnen ließ, ohne dass es eine Infektion gegeben habe, scheue Hamburg vor solchen Versuchen zurück.

Die SPD-Fraktion äußerte sich gar nicht zu 2G. Ihre Abgeordnete Claudia Loss lobte stattdessen den Impffortschritt in Hamburg und warb dafür, Impfskeptiker nicht mit kostenloser Bratwurst zu überreden, sondern sie inhaltlich zu überzeugen.

Hamburgs Veranstalter stehen bald vor Entscheidung

Wie berichtet, plant der Senat, dass Betreiber und Veranstalter künftig wählen können, ob sie mit Corona-Beschränkungen leben wollen oder nur Geimpften und Genesenen Zutritt gewähren – dafür aber deutlich mehr Publikum und Gäste haben können. Zu möglichen Details wollte sich der Senat zwar auch am Mittwoch nicht äußern. Die seien noch in der Abstimmung, teilte Senatssprecher Marcel Schweitzer mit.

Er bekräftigte aber den Plan, dass die neuen Regeln voraussichtlich am kommenden Dienstag beschlossen werden. Damit bleibt zunächst offen, wie viel Auslastung unter 2G-Bedingungen vorstellbar wäre (am Dienstag hieß es dazu: „sehr viel mehr“) und welche Regeln für Menschen gelten, die sich nicht impfen lassen können – etwa Schwangere und Kinder unter zwölf Jahren.

DeHoGa begrüßt die Wahlfreiheit

Der Hamburger Landesverband des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DeHoGa) begrüßt, dass es künftig zwei Optionen für Gastronomen geben solle. „Dann hat jeder die Wahl und kann sich entsprechend der individuellen Situation entscheiden“, sagt Geschäftsführerin Ulrike von Albedyll. Allerdings müsse zunächst abgewartet werden, was exakt in der neuen Verordnung stehen werde. Entscheidend sei, dass es Erleichterungen geben müsse.

Sie fürchte allerdings, dass es bei einer 2G-Regelung zu Problemen mit einigen Gästen kommen könnte. Zum einen, wenn sie aus anderen Bundesländern andere Vorschriften gewohnt seien; zum anderen „dürften nicht alle einsichtig sein, wenn sie trotz negativen Tests nicht bewirtet werden“. Der Senat wolle mit der Neuregelung zum Impfen anregen – auch auf dem Rücken der Betriebe. Von Albedyll: „Da sollten auch andere Anreize geboten werden.“

Hamburger Barchefin kritisiert Alkoholverbot

Rosi Sheridan McGinnity, Chefin und Namensgeberin von „Rosis Bar“ am Hamburger Berg, sieht das ähnlich, formuliert es aber auf ihre Art. „Damit schiebt der Senat den Mist doch nur uns Gastronomen vor die Tür“, sagt die resolute Kult-Wirtin, die ihre Bar seit 1969 betreibt. „Wie soll ich das den Gästen erklären, die mit einem Test in der Hand vor der Tür stehen?“

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Viel wichtiger sei es, das Alkoholverbot ab 23 Uhr aufzuheben. „Wir bewirten doch eh nur draußen. Da sitzen dann ganz gesittete, erwachsene Menschen, oft auch Touristen – und ich muss mich zu Tode schämen, dass ich nichts mehr ausschenken darf“, sagt die 80-Jährige. Erbost ist sie, dass der Senat auf einen Brandbrief diverser Kiez-Wirte nicht einmal reagiert habe. „Aber wir müssen nun wirklich langsam mal wieder Geld verdienen.“

Corona-Lage in Hamburg deutlich verschärft

Unterdessen hat sich die Corona-Lage in Hamburg deutlich verschärft. Nachdem es am Vortag erstmals seit mehr als zwei Wochen keinen Anstieg der Inzidenz gegeben hatte, fiel dieser am Mittwoch umso kräftiger aus. Mit 304 Neuinfektionen wurde der höchste Wert seit dem 1. Mai verzeichnet.

Da das 74 Fälle mehr waren als vor einer Woche, stieg die Inzidenz, also die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen, von 86,8 auf 90,7. Das ist nach wie vor der höchste Wert aller Bundesländer.

Corona: Mehr schwere Krankheitsfälle in Hamburg

Noch mehr Sorgen bereitet eine andere Entwicklung: Die Zahl der schweren Krankheitsfälle infolge einer Corona-Infektion ist sprunghaft angestiegen: Seit der letzten Aktualisierung am Freitag stieg die Zahl der Covid-Patienten in den Hamburger Kliniken von 66 auf 83.

Von ihnen sind 32 schon so schwer erkrankt, dass sie auf einer Intensivstation behandelt werden müssen – 50 Prozent mehr als noch vor wenigen Tagen (21). Noch ist die Auslastung der Krankenhäusern allerdings weit entfernt von der in der zweiten und dritten Welle.

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