Klimawandel

Hamburger Forscher: Überflutungen können sich häufen

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Marc Hasse
Starkregen, der zu Überschwemmungen führt wie 2016 in Eppendorf, könnte infolge des Klimawandels künftig häufiger vorkommen.

Starkregen, der zu Überschwemmungen führt wie 2016 in Eppendorf, könnte infolge des Klimawandels künftig häufiger vorkommen.

Foto: Axel Heimken / picture alliance / dpa

Prof. Jochem Marotzke erläutert den jüngsten Bericht zur globalen Erderwärmung – und fordert eine rasche Senkung des CO2-Ausstoßes.

Hamburg. Die Welt geht unter – dieses Gefühl konnte aufkommen, als der Weltklimarat (IPCC) seinen jüngsten Bericht zur globalen Erwärmung vorstellte, während in Griechenland und in der Türkei die Flammen wüteten und in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz der Schock der Starkregenkatastrophe nachwirkte. Aus Sicht der Wissenschaft ist die Lage noch nicht hoffnungslos, allerdings sehr ernst und herausfordernd. Es sei eine „Herkulesaufgabe für die ganze Menschheit“, den weltweiten Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, sagte der Hamburger Klimaforscher Prof. Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie am Mittwoch bei einem Besuch in der Wissenschaftsbehörde.

Neben Senatorin Katharina Fegebank (Grüne) sitzend, wollte Marotzke – ganz Wissenschaftler – zu möglichen politischen Maßnahmen eigentlich nichts sagen. Auf die Frage, ob nicht Jedermann gefragt sei, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern, etwa durch einen Verzicht auf Kurzstreckenfahrten mit dem Auto, kam der Mitautor des IPCC-Reports dann aber doch auf die Regierenden und auf die Rolle der Unternehmen zu sprechen. Natürlich wäre es gut, öfter mit dem Fahrrad zu fahren und das Auto stehen zu lassen, sagte er. „Aber es reicht bei Weitem nicht. Nur auf das zu schauen, was Einzelne tun können, das entpolitisiert eine zutiefst politische Frage – und das darf nicht passieren.“

Hamburger Forscher fordert Maßnahmen für den Klimaschutz

Wenn Klimaschutz gelinge, dann vor allem durch politische und wirtschaftliche Maßnahmen, sagte Marotzke, der Co-Sprecher des von Bund und Ländern geförderten Hamburger Exzellenzclusters zur Klimaforschung ist. Katharina Fegebank formulierte ihre Botschaft etwas anders. Es brauche gesetzliche Rahmenbedingungen und Förderungen für technologische Innovationen zum Klimaschutz, allerdings wolle sie betonen, „dass auch die einzelne Ebene einen Beitrag leisten kann, denn sonst spielt es denjenigen in die Hände, die sagen, wir ergeben uns unserem Schicksal, wir können ja gar nichts tun“. Es sei wichtig, „dass wir uns nicht entmutigen lassen“.

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Auch unter den Autoren des IPCC-Reports habe es Diskussionen darüber gegeben, ob bestimmte Aussagen nicht entmutigend wirken könnten, erzählte Jochem Marotzke. Er habe entgegnet: „Es hilft ja nichts – ich muss die Wahrheit sagen, also das, was wir erkennen.“ Auch bei erheblich verstärkten Anstrengungen zum Klimaschutz werde es sobald keine „Belohnung“ geben. „Wir brauchen einen langen Atem.“

Menschliches Handeln hat die Atmosphäre erwärmt

Für den am Montag vorgelegten Bericht des Weltklimarats hatten 234 Forschende aus 66 Ländern einige tausend Studien zum Klimawandel auswertet, die seit dem vorigen Report im Jahr 2013 erschienen sind. Erkenntnisfortschritte ergeben sich zudem daraus, dass Computermodelle verfeinert worden seien, hieß es.

Die wichtigsten Aussagen: „Es ist eindeutig, dass der Mensch für den beobachteten Klimawandel verantwortlich ist“, sagte Marotzke. Im vorigen IPCC-Bericht war zwar der Wandel des Klimas als eindeutig beschrieben worden, menschliches Handeln als Grund dafür allerdings als „äußerst wahrscheinlich“ bezeichnet worden. Das Klima habe in der Erdgeschichte oft geschwankt, sagte Marotzke. Nun sei aber deutlicher denn je herausgearbeitet worden: Die Veränderungen in den vergangenen 150 Jahren seien „einmalig im Vergleich zu dem, was seit vielen Jahrhunderten bis Jahrtausenden passiert ist.“

Überflutungen infolge von Starkregen könnten häufiger vorkommen

Deutlicher denn je lasse sich auch sagen: „Wenn wir die CO2-Emissionen auf dem heutigen Niveau halten oder noch weiter erhöhen, werden wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens mit Sicherheit verfehlen.“ Der Ausstoß von Kohlendioxid müsse rasch und drastisch sinken. Ziel müsse es sein, „netto null“ zu erreichen, also entweder den Ausstoß des Treibhausgases komplett zu vermeiden oder einen emittierten Rest der Atmosphäre zu entziehen.

Gelinge dies bis 2070, gebe es „eine ordentliche Chance, unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben“, erklärte der Klimaforscher. Gelinge es bis 2050, könnte die Erwärmung unter 1,5 Grad bleiben. Aber das sei längst nicht sicher, denn das Klima könne empfindlicher auf CO2 reagieren als derzeit angenommen. „Für 1,5 Grad muss neben Tatkraft auch Glück hinzukommen.“

Für Großräume wie West- und Südeuropa lasse sich sagen: Überflutungen infolge von Starkregen wie an der Ahr könnten häufiger vorkommen, vor allem bei einer Erwärmung um zwei Grad und mehr. Auch mit Bedingungen, die Feuersbrünste wie jene im Mittelmeerraum begünstigen, sei öfter zu rechnen, insbesondere ab zwei Grad.

Lokale Veränderungen immer schwerer vorherzusagen

Was ist mit Hamburg? Der Deutsche Wetterdienst prognostizierte bereits 2015, in der Hansestadt werde es bis 2050 „wärmer und nasser“ werden. Jochem Marotzke erklärte am Mittwoch, er könne „für einen so kleinen Raum wie Hamburg keine Aussagen tätigen“.

Auch mit Blick auf den prognostizierten Anstieg des Meeresspiegels seien lokale Veränderungen schwerer vorherzusagen. Nach der jüngsten Einschätzung dürften sich die meisten Küsten im Meeresspiegelanstieg nicht stark vom globalen Mittel unterscheiden, sagte Marotzke. Das gelte auch für Hamburg und die norddeutsche Küste. Demnach könnte es hier bis 2100 zu einem Anstieg von einem halben bis zu einem Meter kommen. „Wenn die Emissionen weitergehen, muss man sich auf einen Meter einstellen“, erklärte der Professor.

„Nach meinem Wissen ist Hamburg gut aufgestellt“, sagte Marotzke. Die Hansestadt habe viel investiert in die Erhöhung der Deiche. „Das Gute beim Meeresspiegelanstieg ist, er ist langsam, man kann sich darauf einstellen.“ Allerdings könnte sich bei einem Anstieg auch Salz- und Brackwasser unter der Erdoberfläche ins Land drücken. „Das könnte ein Problem werden.“

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