Neue Daten

Wie Corona den Verkehr in Hamburg verändert

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Zwar gibt es auch jetzt noch Staus in Hamburg – aber vor allem in den Abendstunden. Das hat einen besonderen Grund.

Zwar gibt es auch jetzt noch Staus in Hamburg – aber vor allem in den Abendstunden. Das hat einen besonderen Grund.

Foto: Thorsten Ahlf

Es gibt deutlich weniger HVV-Nutzer und Autos auf den Straßen. Warum es am Abend dennoch vermehrt zu Stau kommt.

Hamburg. Die Corona-Pandemie hat den Verkehr in Hamburg stark verändert: Es gibt deutlich weniger Kraftfahrzeuge auf den Straßen und sehr viel weniger HVV-Nutzer – dafür fahren die Hamburger öfter mit dem Fahrrad. Das zeigen mehr als ein Jahr nach dem ersten Lockdown auch aktuelle Daten des Navigationssoftwareherstellers TomTom, der Verkehrsbehörde und des HVV.

Nach den Messungen der Verkehrsbehörde ist die sogenannte „mittlere Verkehrsstärke“ des Kfz-Verkehrs auf den Hamburger Straßen durch die Pandemie phasenweise um etwas mehr als ein Drittel gesunken. Den stärksten Rückgang verzeichneten die Erhebungen in der letzten Woche des vergangenen Jahres (KW 53) mit einem Minus von 35 Prozent beim Kraftverkehr gegenüber derselben Woche des Jahres 2018.

Deutlich weniger Staus auf Hamburger Straßen

Um den Vergleich mit Zeiten vor der Pandemie zu ermöglichen, wurden jeweils die Daten derselben Kalenderwoche zwei Jahre zuvor gewählt. Den zweitstärksten Rückgang hatte es im ersten Lockdown zwischen 23. und 29. März 2020 (KW 13) gegeben – mit einem Minus von 32 Prozent gegenüber KW 13 im Jahr 2018.

In der ersten Woche dieses Jahres lag das Minus bei 30 Prozent gegenüber der ersten Woche des Jahres 2019. Seither hat der Autoverkehr im ersten Quartal aber wieder kontinuierlich zugenommen.

Aufgrund des geringeren Verkehrsaufkommens hat es seit Pandemiebeginn auch deutlich weniger Staus auf den Hamburger Straßen gegeben. Das zeigen auch die Daten des Navigationssoftwareherstellers TomTom.

Überraschender Effekt

Das Unternehmen erhebt durchgehend das sogenannte „Congestion Level“ (Stauniveau), eine Prozentzahl, die angibt, wie viel länger man durch Verkehrsbehinderungen für eine Strecke braucht, als wenn man durchweg freie Fahrt hätte. Diese Zahl lag in den ersten zehn Kalenderwochen zwischen 21 und 29 und damit durchweg unter den Vergleichszahlen von 2020.

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Die Daten zeigen aber auch einen anderen, überraschenderen Effekt. „Wir können erkennen, dass sich die beiden Spitzen im Stau-Niveau im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr in Hamburg deutlich verändert haben“, sagte eine Unternehmenssprecherin dem Abendblatt. „Eine morgendliche Rushhour ist kaum noch erkennbar. Vielmehr steigt das Stau-Niveau im Laufe des Tages an und kommt im abendlichen Berufsverkehr zu einem Höhepunkt.“

Stau-Niveau steigt im Laufe des Tages an

Der Verkehr verteile sich stärker über den gesamten Tag und konzentriere sich nicht mehr nur auf die Morgen- und Abendstunden. „Wir sind der Meinung, dass das vor allem an Homeoffice und flexibleren Arbeitszeiten liegt“, so die Sprecherin. „Die positive Auswirkung, dass dies den Verkehr entzerrt, kann auch künftig zum Trend beitragen, dass Straßen weniger durch Verkehr belastet und Staus vermieden werden können.“

Dass es abends noch zu Behinderungen wie im Vor-Corona-Berufsverkehr kommt, schieben die TomTom-Analysten auch auf den in der Pandemie weiter gewachsenen Lieferverkehr der Paketdienste. Diese seien in den Abendstunden besonders viel unterwegs.

Einbruch durch die Pandemie beim HVV

„Unsere Verkehrsdaten zeigen aber auch, dass das Stau-Niveau in Hamburg seit Anfang des Jahres wieder steigt“, so die Sprecherin. „Sie liegen jedoch noch nicht bei Werten aus dem ersten Quartal 2020 vor der Pandemie – ganz im Gegensatz zu anderen deutschen Städten wie Berlin oder München.“ Mithin: Die Hamburger sind offenbar mit Blick auf die dritte Welle zurückhaltender als die Einwohner anderer Millionenstädte.

Einen noch deutlich stärkeren Einbruch durch die Pandemie erlebt der Hamburger Verkehrsverbund (HVV). „Im Jahr 2019 verzeichnete der HVV insgesamt 795,5 Millionen Fahrgäste. Mit Beginn der Pandemie gingen die Fahrgastzahlen um bis zu 70 Prozent zurück“, sagte HVV-Sprecher Rainer Vohl dem Abendblatt.

Pandemiegewinner scheint das Fahrrad zu sein

„In Zusammenhang mit Lockerungen und umfassenden Sicherheitskonzepten stiegen die Fahrgastzahlen ab Ende April 2020 wieder deutlich an, vom Frühsommer bis in den Oktober betrug der Rückgang nur noch 25-30 Prozent.“ Der zweite Lockdown ab November habe aber für einen neuen Einbruch gesorgt, so Vohl. „Seit Januar 2021 liegen die Fahrgastzahlen um 55-60 Prozent unter Vor-Corona-Niveau. Dieser Rückgang betrifft alle Linien.“

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Pandemiegewinner unter den Verkehrsträgern scheint das Fahrrad zu sein. Darauf weisen die stichprobenartigen Zählungen des Fahrradpegels 2020 und der festen Zählstellen wie an der Alster hin. Systematische und durchgängige Messungen durch ein Infrarotzählnetz gibt es allerdings erst seit 2020, so- dass belastbare Vergleiche mit der Vor-Corona-Zeit schwierig sind.

Hamburger haben ihr Mobilitätsverhalten angepasst

Auch in der Verkehrsbehörde regis­triert man die Entwicklung genau. „Der Kfz-Verkehr liegt seit November im Schnitt rund 20 Prozent unter dem Niveau der Vorjahre“, so Behördensprecher Dennis Heinert. „Dies zeigt, dass viele Hamburgerinnen und Hamburger auch aufgrund der aktuellen Entwicklung aufs Homeoffice umgestiegen sind und ihr Mobilitätsverhalten angepasst haben.“

Darauf deuteten auch die HVV-Fahrgastzahlen hin. „Gestiegen ist in der Pandemie dagegen die Zahl der Radfahrenden: Die Pegelmessungen haben hier in Hamburg einen Anstieg um 33 Prozent gegenüber den Vorjahren ergeben.“

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