Segler

Warum der Präsident großer Fan von Boris Herrmann ist

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Sophie Laufer
Boris Herrmann mit seiner Frau Birte Lorenzen-Herrmann und Tochter Malou im Kinderwagen.

Boris Herrmann mit seiner Frau Birte Lorenzen-Herrmann und Tochter Malou im Kinderwagen.

Foto: Yohan Bonnet / dpa

Frank-Walter Steinmeier interessiert besonders das Umweltengagement des Seglers und seiner Frau.

Hamburg/Berlin. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich Zeit für ein Gespräch mit Boris Herrmann und dessen Frau Birte Lorenzen-Herrmann genommen, das auf seinem Instagram-Kanal übertragen wurde. Es zeigt, dass auch das Staatsoberhaupt zum Fan des Weltumseglers geworden ist. Das Abendblatt dokumentiert die interessantesten Passagen.

Frank-Walter Steinmeier: In 80 Tagen um die Welt, das ist für viele Generationen von Jugendlichen notwendigerweise ein Traum geblieben. Für einen nicht. Und den haben wir heute zu Gast. Boris Herrmann, der gerade seine Weltumsegelung beendet hat, zusammen mit seiner Frau Birte Lorenzen-Herrmann. Ich habe natürlich einen Riesenrespekt vor der Leistung der Weltumsegelung, allein, ein Mal 40.000 Kilometer, ein bisschen mehr, um die Welt. Wellen und Wind trotzend, das ist eine riesige Leistung. Und Boris Herrmann hat nicht nur die härteste Regatta der Welt beendet, er hat sich auch in die Herzen, und ich vermute nicht nur in die der Deutschen, hineingesegelt. Ein richtiger Run, der auf die regelmäßigen Übertragungen von der „Seaexplorer“ in die abendlichen Häuser über die Bildschirme geflimmert ist. Es geht Ihnen schon wieder gut, sehe ich?

Boris Herrmann: Ich habe die ersten Nächste schon wieder durchgeschlafen. Und fühle mich wieder ganz gut. Und es ist so schön, unter Menschen und bei meiner Frau zu sein.

Steinmeier: Das kann ich mir vorstellen. Sie sind froh, dass Sie wieder festen Boden unter den Füßen haben? Wir sind froh, dass Sie wieder in Deutschland sind. Ganz an den Anfang gehört ein herzlicher Glückwunsch für all das, was Sie geleistet haben. Ich weiß, dass Sie sich vermutlich ein bisschen ärgern, weil es noch hätte ein bisschen mehr sein können, wenn nicht der Fischtrawler in die Quere gekommen wäre. Aber ich glaube, Sie sind zufrieden, und die Zuschauer in Deutschland sind es mit Sicherheit auch. Frau Lorenzen-Herrmann, für Ihren Mann war es sicherlich ganz wichtig, dass er ab und zu an dem kleinen Bildschirm die Tochter hat sehen können. Hat die Tochter umgekehrt auch Ihren Mann sehen können?

Lorenzen-Herrmann: Ja, sie konnte ihn sehen in Videos, die er hochgeladen hat. Und live konnten die beiden sich hören. Sie hat auf seine Stimme reagiert, immer nach dem Telefon gepatscht und fröhlich erzählt, wenn er versucht hat, sie mit seiner Stimme zu animieren. Also, die beiden sind sich vertraut geblieben über die Zeit.

Steinmeier: Sie beide haben ja nicht nur eine Leidenschaft, das Segeln, sondern Ihnen beiden liegt der Umweltschutz am Herzen. Der Schutz der Ozeane, dazu werden wir gleich noch kommen. Aber ich glaube, alle wären uns böse, wenn ich nicht doch am Anfang ein paar Fragen zu der Segelregatta, der härtesten Regatta der Welt, stelle. Wie hält man das durch, wie bereitet man sich überhaupt darauf vor, diese fast 80 Tage auf dem Meer – und das alleine – unterwegs zu sein unter härtesten Bedingungen? Gibt es eine Vorbereitung, mit der man die Psyche stabilisiert, bevor es losgeht?

Herrmann: Die wichtigste Maßgabe für mich war, unterwegs immer von Tag zu Tag zu denken und nicht alle 80 Tage im Kopf vor mir herzuschieben. Ich habe mir oft auf meiner elektronischen Seekarte einen Punkt markiert, an dem ich abends sein wollte. Und darauf habe ich mich fokussiert. Am Abend habe ich mir dann gesagt: Du kannst noch einen Tag schaffen. Und wenn du ganz oft einen Tag segelst, ergibt das am Ende 80 Tage. Es war eine interessante Erfahrung für mich zu erleben, wie viel Geduld man haben muss. Man darf nicht versuchen, das ganze Haus auf einmal zu bauen. Vielleicht ist es beim Klimawandel genauso. Wir können dieses große Problem nicht auf einmal lösen, wir müssen dabei Geduld mitbringen und die Ambition, möglichst schnell voranzukommen.

Steinmeier: Flatten the curve – was wir im Moment bei der Bekämpfung des Virus sagen, gilt eigentlich auch beim Klimawandel. Sie haben sich den Traum erfüllt. War es das jetzt mit der Vendée Globe oder hätten Sie noch mal Lust?

Herrmann: Das ist eine Diskussion, die ich zuallererst mit meiner Frau führen muss und die wir auch führen. So etwas kann man nicht allein schaffen, so etwas schafft man nur im Team, und die wichtigste Person im Team ist natürlich die Ehefrau, die einem nicht nur den Rücken frei hält. Birte hat ja im Team aktiv mitgearbeitet und den ganzen Education-Teil übernommen. Ich denke mal schon, dass es weitergehen soll und wir es noch mal machen wollen. Vielleicht werden wir ein neues Schiff bauen und versuchen, das Rennen irgendwann einmal zu gewinnen.“

Steinmeier: Frau Lorenzen-Herrmann, mussten Sie eigentlich Ihren Mann überreden, neben der Teilnahme an der Regatta auch noch etwas für die Erhebung von Umweltdaten und Wasserqualitätsdaten im Ozean zu machen? Oder war das seine Idee?

Lorenzen-Herrmann: Die Idee entstand gemeinsam. Boris lebt mit auf dem Meer, er ist Zeuge des Klimawandels. Da ist klar, dass ein Interesse kommt, was da eigentlich unter der Oberfläche ist, welche Auswirkungen der Klimawandel hat. Boris hat schon in seinem Studium als Schwerpunkt gehabt, über Nachhaltigkeit nachzudenken, bei mir ist das Interesse durch meine zehn Jahre Arbeit als Lehrerin entstanden, bevor ich ganz in das Programm eingestiegen bin. Es ist ein brennendes Thema, mit dem wir uns an die nächste Generation wenden müssen. Wir wollen der Wissenschaft helfen und dafür sorgen, dass junge Menschen positiv mit dem Thema in Berührung kommen.

Steinmeier: Das ist ja jetzt schon gelungen. Das Interesse, das die Menschen auch an Ihrem Umweltengagement nehmen, ist ja phänomenal groß. Insofern dürften Sie fast zufrieden sein. Ich habe gesehen, dass Sie sich in Ihrem Projekt vor allem mit der Herstellung von Unterrichtsmaterialien beschäftigen. Gibt es daneben noch viel mehr, was wir wissen sollten?

Lorenzen-Herrmann: Wir sagen immer: Segeln, Wissenschaft und Bildung sind bei uns verknüpft und könnten nicht ohne einander. Das Boot ist gleichzeitig ein Forschungsschiff gewesen. Wir haben viel aus sportlicher Hinsicht gesehen, wie Boris über die Weltmeere gejagt ist, aber wir haben auch einen Datenersatz einmal um die Welt erheben können. Das ist toll und hat eine Qualität, als wären wir mit einem Forschungsschiff einmal herum gefahren. Genau diesen Aspekt nehmen wir mit in die Schulen. Die Kinder sind begeisterungsfähig, wenn sie die coolen Typen sehen, die große Abenteuer erleben. Und darüber führen wir Kinder an die Frage heran, dass da eigentlich noch mehr ist, warum sich ein Segler für Wissenschaft interessiert und was wir noch erforschen müssen. So führen wir die Kinder positiv an das doch negativ behaftete Thema. Ich spüre, dass die Kinder einen ganz dollen Drang haben, aktiv zu werden, dass sie das alles total berührt. Deshalb war für mich auch Boris‘ Platzierung zweitrangig, weil ich gesehen habe: Wir können diese Daten messen, und wir können so viele Erwachsene und Kinder für dieses Thema inspirieren.

Steinmeier: Sie gehen mit Ihrem Team an die Schulen, wird Boris künftig wieder mitgehen?

Lorenzen-Herrmann: Ja, das Projekt lebt stark vom Live-Austausch und der Identifikation. Vor der Pandemie haben wir die Kinder an Bord eingeladen, wo sie sich das Labor ansehen und Boris alle Fragen stellten konnten. Jetzt gehen wir natürlich viel auf Zoom-Calls, verschiedene Klassen waren während der Regatta live mit Boris verbunden. Das sind tolle Momente, aus denen Boris auch viel Kraft geschöpft hat.

Herrmann: Als wir mit Greta Thunberg über den Atlantik gesegelt sind, hatte sie eine journalistische Pause. Das einzige Gespräch, das sie geführt hat, war mit einer Hamburger Schulklasse.

Steinmeier: Wie ist bei Ihnen das Interesse entstanden? Hat das was mit dem Segeln zu tun? Ihre Frau hat eben gesagt, wenn man ständig auf den Meeren unterwegs ist, macht man sich Gedanken über das Medium und ist an dessen Erhaltung und besserer Qualität interessiert.

Herrmann: Das gehörte alles immer zusammen. Als Birte und ich uns vor vielen Jahren kennengelernt haben, hat sie eine Regatta von mir das erste Mal mit einer Schulklasse aus Stellingen verfolgt ... So haben wir gemerkt, was für eine Begeisterung das bei Kindern auslösen kann, die reißen einem das natürlich aus den Händen, wenn man da selber ankommt mit so einer Geschichte, wenn man selbst auf See war. Das haben wir weiterentwickelt über die Jahre. Der Klimawandel ist das wichtigste Thema unserer Zeit, und ich habe überlegt, wie ich das mit dem Segeln zusammenkriege. Birte und ich haben relativ schnell verstanden, dass die Ozeane eine zentrale Rolle für den Klimawandel und das ganze Erdsystem spielen, sie nehmen ganz viel Kohlendioxid auf und erzeugen den Sauerstoff für jeden zweiten Atemzug, den wir machen. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Klima- und Ozeanwandel. Deshalb haben wir ein großes Interesse, den Ozean besser zu verstehen. Konkret hat dann alles angefangen mit einem Vortrag eines Wissenschaftlers in Kiel über Wissenschaft und Segeln. Das war 2017, 2018 haben wir das Labor an Bord des Schiffs dann in Kiel eingeweiht.

Steinmeier: Ist es eigentlich so, dass die Kinder mehr Interesse am Umweltschutz haben als am Segeln oder ist das gleich verteilt?

Lorenzen-Herrmann: Das ist sehr unterschiedlich, je nach Altersgruppe. Unsere Zielgruppe sind die Neunjährigen bis 14-Jährigen, da geht es natürlich viel um die Tier- und Pflanzenwelt, aber durchaus auch um den Treibhauseffekt. Die Kinder wollen wissen, inwiefern Boris Auswirkungen des Klimawandels sehen kann und stellen sehr intelligente Fragen, die wir sonst in den Medien auch gar nicht so beantwortet bekommen. Und viele wollen wissen, was sie selbst tun können, zu Hause oder in der Schule.

Steinmeier: Lieber Boris Herrmann, sind Sie eigentlich mit Ihren Umweltanliegen unter den Profiseglern ein Solitär? Ich kann mir vorstellen, dass das ein sehr hartes Geschäft ist, auch im Rennen um Sponsoren. Und die Sponsoren sind nicht immer im gleichen Maße wie Sie am Umweltthema interessiert.

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Herrmann: Ich würde sagen, dass sowohl bei den Seglern als auch bei den Veranstaltern, Partnern und Sponsoren das Thema ganz wichtig ist. Für uns als Team ist es durchaus ein Alleinstellungsmerkmal, dass wir da etwas vorzuweisen, dass wir ein konkretes Programm mit Aktionen haben. Das ist auch ein Grund dafür, dass uns bestimmte Partner unterstützen. Kühne + Nagel zum Beispiel kümmert sich selbst um CO2-Neu­tralität und unterstützt uns im Wesentlichen als Forschungsschiff ... Viele andere Konkurrenten finden unseren Ansatz auch klasse und scheitern an ihren Partnern, die nicht groß über Umwelt reden wollen, weil es vielleicht nicht zu ihnen passt. Das gibt es auch.

Jetzt die Collector’s Edition „Boris Herrmann“ vom Abendblatt für 10,- auf abendblatt.de/boris vorbestellen. Das Magazin erscheint Anfang März.

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