Hamburger startet bei härtester Regatta der Welt – allein

Der junge Mann und das Meer:  Boris Herrmann auf der Rennyacht „Seaexplorer“.

Der junge Mann und das Meer: Boris Herrmann auf der Rennyacht „Seaexplorer“.

Foto: Jean-Marie LIOT / Jean-Marie LIOT / Malizia

Auf Boris Herrmann wartet das Abenteuer seines Lebens. Fast jeder zweite Teilnehmer des Rennens scheitert durch Stürme oder Havarie.

An diesem Sonntagmorgen wird er ein letztes Mal für viele Wochen Land aus nächster Nähe sehen, wenn seine Yacht durch den Kanal im französischen Les Sables-d’Olonne Richtung Atlantik gleitet. Um 13.02 Uhr wird dann der Startschuss zur Vendée Globe knallen – und die Reise von Boris Herrmann um die Welt in einem Segelboot gegen 32 Konkurrenten beginnen. Mitunter wird der 39-Jährige mehr als 2000 Kilometer vom Land entfernt segeln, ein Rettungsschiff wäre zwei Wochen zu seiner „Seaexplorer“ („Seeforscher“) unterwegs. Oft genug werden die Raumfahrer, die 408 Kilometer über der Erde auf der Internationalen Raumstation (ISS) leben, bewohnten Gebieten deutlich näher sein als er.

Die Vendée Globe, ein Mythos, eines der letzten großen Abenteuer dieser Welt. Nur 86 Segler haben es in der 30-jährigen Geschichte des Rennens für Alleinsegler ins Ziel geschafft, fast jeder zweite Teilnehmer scheitert durch Stürme oder Havarie. Der Hamburger ist der erste Deutsche, der es überhaupt wagt. Wann er nach rund 46.000 Kilometern wieder den Starthafen erreichen wird, weiß niemand. Der bisherige Rekord liegt bei 74 Tagen. Nur eines weiß Herrmann ganz genau. Er wird allein sein. Ganz allein. Denn die Vendée Globe verbietet jede Hilfe von außen, jeden Landgang. Nicht einmal einen Meteorologen darf Herrmann während des Rennens um Rat fragen. Nur in einem medizinischen Notfall dürfte er einen Arzt über sein Satellitentelefon konsultieren.

Vendée Globe – Abschied so still wie noch nie

Die Franzosen bewundern jeden Segler, der dieses Risiko wagt. Hunderttausende drängen sich normalerweise bei der Ausfahrt der Segler am Kanal, schwenken Fahnen und Transparente. In diesem Jahr wird der Abschied so still wie noch nie. Angesichts der Pandemie sperrte die Rennleitung den Starthafen, schickte die Segler schon acht Tage vor dem Start in Quarantäne, am Freitag wurde jeder Teilnehmer ein letztes Mal getestet.

In den kommenden zehn bis zwölf Wochen wird niemand so sicher vor dem Virus sein wie die 27 Männer und sechs Frauen auf hoher See. Wer allein den Elementen trotzt, kann sich nicht anstecken. Doch dafür sind andere Gefahren sehr real, die Vendée-Dramen füllen Bücher. Zwei Segler bezahlten das Abenteuer mit ihrem Leben: Der Brite Nigel Burgess starb 1992 bereits in der ersten Rennwoche, als in der Biskaya Unwetter wüteten. Der Kanadier Gerry Roufs blieb vier Jahre später verschollen nach einem schweren Sturm im Südpolarmeer, seine Yacht trieb ein halbes Jahr später an die chilenische Küste. „Das sind keine Wellen mehr, sondern Berge so hoch wie die Alpen“, lautete der letzte Funkspruch von Burgess. Bei der Regatta 2008/09 brach sich der Franzose Yann Eliès bei einem Sturz bei schwerem Seegang den Oberschenkel. Drei Tage kauerte er in seiner Koje, bis ihn die australische Marine bergen konnte. Wer über Bord stürzt, ertrinkt unweigerlich. Denn der Autopilot steuert die Yacht weiter.

Interview per Video – Corona-Infektion könnte Herrmanns Traum zerstören

Hamburg, ein sonniger Tag Ende Juli. Auf dem Computer-Bildschirm wird Boris Herrmann lebendig, Familienhund Lilly, ein King Charles Spaniel, tollt durch den Lohsepark. Hier in der HafenCity lebt Boris Herrmann in einer Genossenschaftswohnung mit seiner Frau Birte Lorenzen und Töchterchen Marie Louise, die im Juni geboren wurde. Herrmann und die Abendblatt-Redaktion am Großen Burstah trennen nur ein paar Minuten. Und doch hat er um ein Gespräch per Video gebeten, das erste von mehreren langen Interviews. „Ich lebe fast schon wie in Quarantäne“, sagt er. Die kleine Familie meidet Restaurants, trifft sich in diesen Corona-Zeiten nur noch mit engsten Freunden und Verwandten. Denn eine Ansteckung könnte seinen großen Traum zerstören.

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Boris Herrmann, Drei-Tage-Bart, blaue Schirmmütze, blaues Sweatshirt, wirkt erholt und entspannt wie nach einem zweiwöchigen Urlaub. Dabei hat er einen Törn in den Knochen, der jedem ambitionierten Freizeitsegler für den Rest seines Lebens reichen würde. Die Vendée-Arctique, eine Regatta von der französischen Atlantikküste hoch in den arktischen Polarkreis, zur Küste Islands, weiter zu den Azoren und wieder zurück nach Frankreich. 6000 Kilometer. Allein. Zu allem Überfluss brach das Schloss, mit dem das Großsegel am Kopf des Mastes verankert ist. Zur Reparatur musste Herrmann 29 Meter hoch in den Mast klettern. Trotz des Malheurs wurde er mit einer Zeit von zehn Tagen, neun Stunden, 42 Minuten und 54 Sekunden noch Siebter. „Besser, es ist jetzt passiert als bei der Vendée Globe“, sagt Herrmann gelassen.

Herrmann darf maximal 45 Minuten am Stück schlafen

Wir reden über Schlafentzug, eine der größten Herausforderungen der Reise über mindestens zehn Wochen. „45 Minuten am Stück sind maximal vertretbar“, sagt Herrmann. Spätestens dann müsse man wieder alles kontrollieren. Den Kurs, die Technik, möglichen Schiffsverkehr in der Umgebung. Und die Dreiviertelstunde Ruhe sei auch nur bei stabilen Wetterlagen erlaubt, ansonsten müssten 15 Minuten reichen. Doch diese Nickerchen seien wichtig: „Wenn das Schlafdefizit zu groß wird, wird man unkonzentriert.“

Boris Herrmann hat dies schon vor 20 Jahren trainiert, bevor er als Nachwuchssegler 2001 bei der Mini-Transat-Regatta das erste Mal allein über den Atlantik segelte. „Im Zivildienst bin ich zuvor mit dem Bully viel durch Kiel gefahren. An roten Ampeln habe ich für ein paar Sekunden die Augen zugemacht, bis die Autos hinter mir hupten.“ Trainieren, sagt Herrmann, könne man eben alles. Nur: Was treibt einen nunmehr 39-jährigen Familienvater knapp zwei Jahrzehnte später an, ein solches Wagnis einzugehen?

Herrmann fährt zu Regatten quer durch Europa

Bei der Suche nach Antworten lohnt das Gespräch mit Julien Kleiner. „Boris und ich sind in derselben Straße in Oldenburg groß geworden, waren schon im Kindergarten Freunde“, sagt Kleiner, der inzwischen bei einer Bank in München arbeitet. Als die beiden sechs Jahre alt sind, packen die Eltern die Kinder ins Auto, fahren an einen Baggersee, bauen am Steg einen Optimisten auf, ein kastenförmiges Segelboot – der Beginn einer zwei Jahrzehnte währenden Segelkameradschaft. Fast jeden Tag radeln die zwei nach der Schule nach Bad Zwischenahn zum Segelverein.

17 Kilometer hin, 17 Kilometer zurück. „Wir waren ganz schön fit“, sagt Kleiner. Später fährt das Duo quer durch Europa zu Regatten, auch in den USA und Australien segelt das Team Kleiner/Herrmann.

„Ich war immer eher der Diszipliniertere, Boris eher der Abenteurer“, sagt Kleiner. Sein Freund habe schon als Kind die Bücher von Seglern verschlungen, die sich allein auf den Atlantik wagen. „Boris hat immer davon geträumt, eines Tages die Vendée Globe zu segeln“, sagt Kleiner. Dafür habe sein Freund allen Widerständen getrotzt: „Boris kommt ja nicht aus einem reichen Elternhaus. Schon für die Teilnahme an der Mini-Transat musste er um Sponsoren kämpfen. Er kann Leute begeistern.“ Diese Willenskraft, sagt Kleiner, habe ihm immer imponiert: „Ich bin lieber den etablierten Weg gegangen. Studium, Beruf, Familie.“

Es gibt Momente, schreibt Herrmann in seinem Buch „Nonstop“, da hätte er seinen Freund gern wieder an Bord, „den Taktiker, der mir sagt, ob ich rechts oder links durchs Leben segeln soll“. Andererseits sei er nun mal mehr Seemann als Regattasegler, süchtig nach dem Heulen von Wind und dem Geruch von Seetang. Geprägt vom Vater, der ihn schon als Baby auf die Familienyacht mitnahm. Seinen familiären Mentor charakterisiert Herrmann so: „Ein unorthodoxer Mensch, nicht von den Hemmfesseln der unnötigen Angst gebremst, die so viele Menschen von einem Leben in der freien Natur abhält.“

Der Vater geriet auf dem Indischen Ozean in Seenot

Wie unorthodox der Papa tickt, zeigte sich 2016, als der pensionierte Lehrer im Alter von 74 Jahren bei seiner Weltumseglung auf dem Indischen Ozean in Seenot geriet und von einem chinesischen Containerschiff geborgen werden musste. Die Matrosen warfen eine Strickleiter zum havarierten Skipper, Moritz Herrmann musste bei stürmischer See in der Dunkelheit eine hohe Bordwand überwinden, ein hochriskantes Manöver. Doch zum Entsetzen des Kapitäns kletterte Herrmann zunächst ein paar Sprossen hinunter, um das Seeventil seines Boots „Fidel“ zu öffnen: „Ich wollte, dass meine Fidel untergeht und nicht als Geisterschiff andere Schiffe gefährdet.“

Vier Jahre später geht nun sein Sohn das Abenteuer seines Lebens an. Auf einem Boot, das mit einer klassischen Yacht so viel gemein hat wie ein Formel-1-Bolide mit einem VW Polo. Gebaut 2015 wurde die „Seaexplorer“ für geschätzt fünf Millionen Euro allein für den Rausch der Geschwindigkeit. Zwei Flügelschwerter an den Seiten, Foils genannt, katapultieren die Rennyacht bei entsprechendem Wind regelrecht aus dem Wasser, sie erreicht dann Spitzengeschwindigkeiten von 70 km/h. Extra für das Vendée hat Herrmann neue Foils in das Boot schneiden lassen, eine teure und hoch komplizierte Operation, die nach Branchenschätzungen rund 600.000 Euro kostete.

Als Toiletten dienen Eimer mit Biosäcken

Herrmann spricht ungern über sein Budget. Seine Unterstützer – allen voran der Yacht-Club von Monaco mit seinem Freund und Segelpartner Piere Casiraghi, Spross von Prinzessin Caroline von Hannover, sowie der Speditionsgigant Kühne&Nagel – nennt er lieber Partner als Sponsor. In der Geld-Rangliste der teilnehmenden Teams liegt er im Mittelfeld, deutlich hinter dem Briten Alex Thomson, der mit der neu konstruierten Yacht mit dem Namen seines Sponsors Hugo Boss zu den Favoriten zählt.

Doch auch dessen Boot bietet weniger Komfort als hochbetagte Marine-Schiffe. Als Toiletten dienen Eimer mit Biosäcken. Die Kojen gleichen Feldbetten, festgezurrt an der Karbonwand. Erreichen die Yachten hohe Geschwindigkeit, wird der Krach fast unerträglich. Für die kurzen Schlafpausen stopft sich Herrmann Stöpsel in die Ohren: „Man muss versuchen, das Gehirn für ein paar Minuten abzuschalten.“ Die meiste Zeit wird der Segler in seinem Cockpit in seiner schwarzen Sitzschale verbringen, die Instrumente immer im Blick. Hier wird der Hamburger auch essen.

Herrmann hat nur für 80 Tage Proviant eingepackt

In blauen Seesäcken stecken die 80 abgepackten Tüten mit jeweils zwei Beuteln für jeden Tag: eine Portion gefriergetrocknet, eine Portion vorgekocht. Zubereitet wird per Gaskocher: Wasser heiß werden lassen, in den Beutel kippen, zehn Minuten ziehen lassen, auslöffeln, fertig. Die Trockennahrung wiegt nur 80 bis 100 Gramm. Die vorgekochte Mahlzeit wegen der Flüssigkeit 450 Gramm. „Aber es tut einfach gut, eine Mahlzeit am Tag mit natürlicher Konsistenz zu essen“, sagt Herrmann und nimmt dafür das Mehrgewicht in Kauf, obwohl jedes Kilo Proviant die „Seaexplorer“ langsamer macht.

Wie sehr er jedes Gramm kalkuliert, zeigt, dass er nur für 80 Tage Proviant eingepackt hat, obwohl seine Reise durch Unwetter auch deutlich länger dauern kann. Bei der Vendée Globe 2016/17 war die Hälfte der Teilnehmer, die das Ziel erreichten, mehr als 100 Tage unterwegs. Herrmann nimmt das gelassen: „Notfalls werde ich eben nur eine Portion am Tag essen.“ Immerhin gönnt er sich für die ersten Tage noch etwas Käse und Obst.

In jeder Ecke sind Ausrüstung und Ersatzteile vertäut

Die dunkle Karbon-Höhle, Herrmanns Heimat für die kommenden Wochen, würde Schnappatmung bei jedem TÜV-Ingenieur auslösen. Kabel liegen offen in Schächten, in jeder Ecke sind Ausrüstung und Ersatzteile vertäut. Wer das erste Mal das Boot betritt, stößt sich fast unweigerlich irgendwo den Kopf. Herrmann kennt zwar jeden Quadratzentimeter der 18,28 Meter langen und 5,70 Meter breiten Yacht. Aber auch er könnte sich verletzen, sollte er bei hohem Seegang umhergeschleudert werden. Daher trägt er einen leichten Helm, wenn er sich auf dem Schiff bewegt.

Wer das Innenleben der „Seaexplorer“ sieht, fragt sich, wie es dort die wohl bekannteste Passagierin ausgehalten hat, die jemals auf einer solchen High-Tech-Yacht unterwegs war. Im August 2019 chauffierte Boris Herrmann die Ikone der Klima-Bewegung, Greta Thunberg, über den Atlantik nach New York zur UN-Klimakonferenz. Außerdem damals mit an Bord: Herrmanns langjähriger Segelpartner Casiraghi, Gretas Vater Svante Thunberg und ein Filmemacher. Der zweiwöchige Törn bescherte Herrmann weltweit Schlagzeilen, noch nie stand ein deutscher Segler so sehr im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Das Projekt Greta zeigt, wie Herrmann tickt: Er fackelt nicht lange, damit eine Vision Realität wird. Er geht Risiken ein. Und ist doch kein Hasardeur.

Hamburger von Greta Thunberg fasziniert

Bei der Klima-Demo im März 2019 in Hamburg hatte Herrmann Greta erstmals live auf einer Bühne gesehen – und war fasziniert. Auf dem Heimweg sagte seine Frau: „Wenn Greta mal irgendwo hin muss, wo kein Zug fährt, kannst du ihr doch anbieten, sie auf dem Segelboot mitzunehmen.“ Als die Klimaaktivistin im Juni über Twitter fragte, wie sie möglichst emissionsarm nach New York reisen könne, kontaktierte er sie über einen befreundeten Journalisten – und hatte vier Wochen später die Zusage.

Als Herrmann seiner Crew von seinen Plänen erzählte, blickte er in ziemlich ratlose Gesichter. Mitten in den Vorbereitungen auf das Vendée Globe ein solches Wagnis eingehen? Einen so prominenten Gast mitzunehmen, ohne zu wissen, wie sehr dessen Magen oder Seele bei diesen Strapazen leiden könnte? Was für ein Image-Gau wären die Bilder einer völlig dehydrierten Heldin der Klima-Bewegung gewesen. Denn natürlich konnte vor dem Start niemand wissen, dass Greta als Einzige an Bord nie seekrank werden würde.

Herrmann plante die Reise mit Thunberg akribisch

Keine Frage, Herrmann hatte Glück, dass die Schwedin statt deprimierender medizinischer Bulletins ihre Begeisterung über die Natur in den sozialen Netzwerken teilte. Aber es war eben das Glück des Tüchtigen. Mit der gleichen Akribie, mit der er das Vendée Globe anging – jedes Teil der „Seaexplorer“ ließ er per Ultraschall auf mögliche Risse prüfen –, plante er die Reise mit Greta. Stundenlang diskutierte er mit medizinischen Experten die gesundheitlichen Risiken für seine Gäste. Als ihm ein befreundeter Arzt die besten Mittel gegen Seekrankheit vorstellte, fragte Herrmann: „Sind die auch vegan?“ Schließlich wusste er, dass sich Greta ausschließlich so ernährt.

Umso mehr hat sich Herrmann über Vorwürfe geärgert, die Öko-Bilanz der Reise sei mies angesichts der Flüge seines Teams – fünf Crew-Mitglieder jetteten in die USA, um das Schiff zurück nach Europa zu segeln. „Darüber wurde nur in Deutschland diskutiert“, sagt er. Die Deutschen hätten zu oft den Anspruch, nur etwas einfordern zu können, wenn man selbst absolut perfekt ­lebe.

Zumal in der Diskussion unterschwellig aufblitzte, Herrmann habe in Wahrheit einen PR-Coup inszeniert, um sich vor der Vendée Globe medienwirksam klimabewegt zu geben. Dabei startete er schon vor zehn Jahren, also weit vor allen Klima-Streiks, mit der Lehrerin Birte Lorenzen – damals seine Freundin, inzwischen seine Frau – eine Umwelt-Kampagne für Schulen. Inzwischen begleiten 10.000 Schüler aus sechs Ländern die „Seaexplorer“ virtuell, stellen Fragen über Skype, bauen Collagen in ihren Klassenzimmern, beschäftigen sich mit Klimawandel und Treibhauseffekten. Auch auf der Vendée Globe will sich Herrmann, der Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit studierte, in Video-Konferenzen den Fragen von Schülern stellen.

Ein schöner August-Tag an der Kieler Förde. Vor dem Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung schaukelt sanft das Forschungsschiff Littorina. Dr. Toste Tanhua führt den Abendblatt-Reporter durch Labore, der Meereschemiker aus Schweden zählt zu den anerkanntesten Experten in Sachen Ozean und Klima. Bei der Frage, wie er Herrmann kennengelernt hat, schmunzelt der Wissenschaftler: „Die Wahrheit ist, dass ich ihn bei unserem ersten Treffen gar nicht erkannt habe.“

Anfang 2018 hatte Herrmann mit Birte Lorenzen einen Vortrag Tanhuas im Geomar besucht. Anschließend stellte er sich vor, er sei Profi-Segler und würde sich gern mit seinem Team an einem Forschungsprojekt beteiligen. Es war die Geburtsstunde eines Geräts, das nun im Rumpf der „Seaexplorer“ verbaut ist und mit auf die Vendée Globe geht.

Um zu verstehen, warum diese Box, 50 mal 50 Zentimeter groß, für die Klimaforschung so wichtig ist, lohnt das Studium der Schaubilder auf Tanhuas Laptop. Sie dokumentieren die dramatische Situation der Weltmeere. Die Ozeane nehmen rund 23 Prozent des weltweit produzierten Kohlendioxids auf. „Damit tragen die Meere entscheidend dazu bei, die globale Erwärmung abzuschwächen“, erklärt Tanhua. Das Problem: Je mehr Kohlendioxid die Ozeane speichern müssen, umso saurer werden sie – mit fatalen Konsequenzen für die Meeresbewohner.

Eine Kieler Firma hat die Messbox für die Yacht gebaut

Doch um überhaupt zu wissen, wie hoch der CO-Gehalt ist, braucht es zuverlässige Werte. Dr. Peter Landschützer, renommierter Ozeanograf am Max-Planck-Institut (MPI) für Meteorologie in Hamburg, beschäftigt sich seit Jahren mit der Analyse dieser Daten. Dank der Initiative von Wissenschaftlern wie Landschützer messen inzwischen viele Containerschiffe den CO-Gehalt der Ozeane. Doch die Daten-Karte im Büro des Österreichers zeigt das Problem: Abseits der klassischen Routen der Handelsschifffahrt gibt es riesige weiße Flecken. „Gerade im Südozean westlich von Chile ist kaum jemand unterwegs. Daher haben wir hier fast keine Daten.“

Genau durch solche abgelegenen Gebiete wird Herrmann bei der Vendée Globe segeln. Eine Kieler Firma hat die Messstation für die Rennyacht entwickelt. Über einen Schlauch wird das Meerwasser durch ein Mini-Labor gepumpt, gemessen werden Temperatur, pH-Wert, Salz- und eben der CO-Gehalt. Alle 20 Sekunden funkt das Gerät diese Daten über eine Satellitenverbindung zu Wissenschaftlern in aller Welt, sichtbar später für jeden auf der Internetseite www.socat.info.

Boris Herrmann hätte gute Gründe gehabt, auf die Messbox zu verzichten. Mit 17 Kilo sorgt sie für beachtliches Zusatzgewicht, sie schluckt 15 Prozent der Energie, die die „Seaexplorer“ über Solarpaneele erzeugt. Zudem verlangt nun noch mehr Technik Herrmanns Aufmerksamkeit – auch wenn das Gerät wartungsfrei laufen soll. Aber ihm ist es das allemal wert: „Ich bin sehr stolz, dass wir einen Beitrag zur Klimaforschung leisten können.“

Herrmann setzt sich für Klimaschutz ein

Herrmann braucht keine Modellrechnungen, um zu spüren, dass die Klimakrise diese Welt stärker bedroht als jedes Virus: „Ich sehe auf meinen Reisen viel weniger Seevögel. In den Tropen bleiben wir inzwischen in den Seegrasfeldern manchmal fast stecken. In der Antarktis gehen die Eisfelder massiv zurück.“ Herrmann, der schon als Kind mit seinem Vater für Abrüstung demons­trierte, später eine Woche die Schule schwänzte, um im Wendland Castor-Transporte mit Atommüll aufzuhalten, beschäftigt dies sehr: „Der Kampf gegen Hunger, gegen Kriege, für besseres Trinkwasser – alles hängt davon ab, ob wir den Klimawandel stoppen können.“

„A race we must win“ prangt in weißen Lettern auf den schwarzen Segeln seiner Yacht. Ein Rennen, das wir gewinnen müssen. Der Spruch gilt dem Klimaschutz – und nicht seiner Platzierung beim Vendée Globe. Natürlich treibt Herrmann der Ehrgeiz an, unter die besten zehn zu kommen. Aber Ankommen allein wäre schon ein großer Erfolg. Ein umher treibender Container, die Kollision mit einem Wal oder Fischerboot könnten sein Boot manövrierunfähig machen. Ein Radar und Infrarotkameras tasten die Umgebung ab – das System schlägt Alarm, wenn Gefahr durch ein Objekt droht. Ein Pieper an Bord soll schlafende Wale vertreiben. Doch bei aller Technik wird es am Ende Boris Herrmann sein, der über den Kurs entscheiden muss. Hinein in ein Tief, um Seemeilen gut zu machen? Oder das Gebiet lieber umfahren? Das Reglement verbietet, dass der Skipper sich beraten lässt, er allein muss die Wetterdaten seines Computers analysieren.

Dafür hatte er den bestmöglichen Lehrmeister: Ralf Brauner, einst Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst, seit 2009 Professor an der Jade-Hochschule, Fachbereich Seefahrt und Logistik, einer der weltweit führenden Experten für Seewetter. Als Herrmann ihn vor 20 Jahren in einem Café am Museumshafen Övelgönne zum ersten Mal traf, waren die beiden so im Gespräch vertieft, dass Herrmanns Auto durch das Elbhochwasser fast abgesoffen wäre.

„Ich habe Boris von Anfang an gesagt, dass er die Dinge selbst lernen und verstehen muss“, sagt Brauner, selbst ein exzellenter Segler. Das Konzept ist aufgegangen. Inzwischen geben die beiden Seminare, Herrmann hat sogar ein Kapitel in Brauners Fachbuch „Wetter auf See“ geschrieben. Brauner sagt, dass die Wetterprognosen inzwischen so präzise seien, dass ein Segler mit entsprechender Expertise kaum noch von einem schweren Sturm überrascht werden könne. Ein Restrisiko gebe es allerdings bei den Wellen. „Auch mit den besten mathematischen Modellen kann man nicht ausschließen, dass sich eine Monsterwelle von bis zu 20 Meter Höhe in der Nähe aufbaut“, sagt Brauner.

„Seaexplorer“ gilt als unsinkbar

Doch selbst eine gigantische Welle dürfte die „Seaexplorer“ überstehen. Das Boot gilt als unsinkbar, es richtet sich selbst wieder auf, wenn es kentert. Brauner ist überzeugt, dass Herrmann das Abenteuer seines Lebens meistern wird: „Boris ist ein absoluter Profi, er packt das.“ Auch Jugendfreund Kleiner sagt: „Boris bewegt sich an Bord so geschickt wie eine Katze. Er behält auch in Stresssituationen die Ruhe, gerät nicht in Panik. Und er ist handwerklich extrem geschickt, hat schon zu unserer gemeinsamen Zeit alles repariert und geflickt.“

Herrmann selbst sagt über seine mentale Stärke: „Je schwieriger es wird, um so ruhiger werde ich.“ Und wenn er sich verletzen sollte? „Ich kann eine Wunde nähen.“ Zwei Wochen hat er in der Notaufnahme eines Krankenhauses hospitiert. Selbst eine Zahnfüllung könnte er sich setzen, Bohrer und Füllmaterial hat er an Bord.

Herrmann wird die Zeichnungen von Greta suchen

Entspannen will sich Herrmann bei französischen Chansons, Bach und Jazz. Und ab und an Lesestoff, etwa „Umdenken: Überlebensfragen der Menschheit“ von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Dann will der Extremsegler noch Zeichnungen suchen, die Greta Thunberg mit einem weißen Stift auf den pechschwarzen Schiffswänden hinterlassen hat. Familienbilder hängen im Cockpit, dank der Satellitentechnik kann er regelmäßig mit seiner Frau telefonieren. „Sie hat mehr Angst um mich, wenn ich im Auto unterwegs bin“, sagt Herrmann. Schützen vor den Gefahren auf hoher See soll ihn auch der Heilige Christophorus, der Schutzpatron der Reisenden. Der klebt an seinem Kartentisch.

Vielleicht ist am Ende der Name seines Teams das beste Omen. Malizia, Spitzname des italienischen Wissenschaftlers Francesco Grimaldi, der sich der Legende nach 1297 als Franziskaner-Mönch verkleidet Einlass in die auf dem Felsen von Monaco thronende Festung verschaffte. Unter dem Gewand verbarg Grimaldi Schwerter, mit denen er über Nacht die Burg eroberte. Ein Abenteurer. Wie Boris Herrmann. Und wie die alten Seefahrer wird auch der Segler sich einen Schluck Whiskey gönnen, wenn er die großen Kaps auf seiner Route (Kap der Guten Hoffnung, Kap Leeuwin und Kap Hoorn) passiert. „Das“, sagt Hermann, „muss dann einfach sein“.