Siegeszug

Tiny Houses - bei Hamburg soll eine ganze Siedlung entstehen

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Ein Tiny House auf dem Campingplatz Nordsee in Büsum.

Ein Tiny House auf dem Campingplatz Nordsee in Büsum.

Foto: Marcelo Hernandez

Großes Glück auf kleinstem Raum? Der Siegeszug der Tiny Houses hält an. Nun plant der Hamburger Daniel Lippke an der Elbe ein Tiny-Dorf.

Hamburg/Kiel. Großes Glück auf kleinstem Raum? Dieser Wunsch ist bei vielen riesengroß: Ein Tiny House, dieses Mini-Eigenheim, wäre doch perfekt als Wochenendhäuschen oder sogar als dauerhafter Wohnsitz. Ganz neu ist ein Tiny House als Ferienhaus zur Miete auf dem Campingplatz Nordsee in Büsum (wir berichteten).

Dort kann man das Leben auf engem Raum testen. Doch was ist alles zu beachten, wenn man ein eigenes kleines Haus haben möchte, und was ist überhaupt ein Tiny House? „Immer wieder werden wir als Verband Privater Bauherren (VPB) nach Tiny Houses gefragt, denn sie scheinen eine mögliche Lösung des aktuellen Wohnungspro­blems zu sein. Tatsächlich gibt es eine Reihe von baurechtlichen Vorgaben und Bestimmungen“, sagt Karl-Heinz Schneider, Sachverständiger für Hochbauplanung und Bauüberwachung. Das Abendblatt gibt die wichtigsten Antworten:

  • Das macht ein Tiny House, ein winziges Haus, aus

Laut dem Bauratgeber hat ein Tiny House eine Wohnfläche zwischen 15 bis 45 Quadratmetern. Jedes kleine Haus ist also ein Tiny House. Ursprünglich lassen sich Tiny Houses als Anhänger hinter einem Fahrzeug ziehen. Inzwischen sind viele Minihäuser Modulhäuser, die vor Ort zusammengebaut werden und als Blockhütte daherkommen oder modern in Kubus- oder Kugelform. Der Tiny House Verband weist darauf hin, dass die Minihäuser keine festen Fundamente haben und somit verschiebbar sind. Wasch- und Kochgelegenheit sind entweder im Tiny House oder auf dem Grundstück vorhanden.

  • Was ist der Reiz am Leben im Tiny House?

Daniel Lippke aus Hamburg plant derzeit eine Tiny-House-Siedlung bei Bleckede an der Elbe. Er sagt: „Es ist die Sehnsucht der Städter, den Lebensstandard zu reduzieren, minimalistischer und inmitten der Natur zu wohnen.“ Als Gegenpol zum stressigen digitalen Großstadtleben.

  • Was ist der Unterschied zu einem Wohnwagen?

Wohnwagen sind laut Tiny House Verband nicht als Wohngebäude konzipiert und dafür auch nicht geeignet. Tiny Houses aber sind richtige Wohngebäude, die aber den Standort gelegentlich wechseln können. Wohnwagen oder Wohnmobil sind viel mobiler.

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Das ist der Punkt, warum häufig nichts aus dem Traum vom Minihaus wird. Denn für ein Tiny House braucht man ein Grundstück, das für das Wohnen zugelassen ist. Architekt Karl-Heinz Schneider: „Das Gesetz unterscheidet klar zwischen Häusern und Fahrzeugen.“ Für beide gelten Auflagen. Hat ein Tiny House Räder und soll auf die Straße, ist es ein Wohnwagen und muss für den Straßenverkehr zugelassen sein. Campingwagen haben normalerweise serielle Zulassungen. Alle Extras müssen individuell beantragt und nachgenehmigt werden. „Das gilt auch für Tiny Houses auf Rädern, die ja in der Regel individuelle Einzelanfertigungen sind.“ Bekommen die Besitzer die Zulassung, müssen die rollenden Kleinhäuser wie Wohnwagen angemeldet, versichert, versteuert und regelmäßig technisch kontrolliert werden.

Steht das Minihaus auf Dauer auf einem Grundstück, muss es dort genehmigt werden wie jedes normale Wohnhaus. Dann greifen verschiedene Vorschriften: Zunächst die Landesbauordnung, die bestimmte Forderungen an Wohnraum stellt, wie etwa Dusche, WC, ausreichend Raumhöhe, zweiter Rettungsweg. Dazu kommen noch kommunale Vorgaben, allen voran der Bebauungsplan, also das Baurecht der einzelnen Kommunen. „Auch Tiny Houses müssen die Anforderungen der Hamburgischen Bauordnung erfüllen“, sagt Barbara Ketelhut von der Stadtentwicklungsbehörde.

„Manches Tiny House dürfte zu klein sein, um überhaupt genehmigt zu werden“, so Karl-Heinz Schneider. Außerdem müssen Wohnhäuser grundsätzlich an Wasser- und Abwasserkanal sowie ans Stromnetz angeschlossen werden. Das ist Pflicht. Für das Grundstück fallen Grundbesitzabgaben und Straßenbeiträge an oder zumindest Pachtzahlung.

  • Was ist bei der Nutzung als Wochen­end- oder Ferienhaus zu beachten?

Wer sein Tiny House als Ferienhaus nutzen will, kann es auf einem Grundstück in einem „Sondergebiet, das der Erholung dient“ aufstellen. Diese Gebiete sind extra für den Bau von Wochenend- oder Ferienhäusern gedacht. Das Grundstück muss erschlossen sein. Dauerwohnen (und die Anmeldung eines Erstwohnsitzes) ist in solchen Tiny Houses in der Regel nicht erlaubt – es sei denn, die Gemeinde hat im Bebauungsplan eine Wohnnutzung zugelassen. Dann müsst ihr allerdings die Energieeinsparverordnung (EnEV) beim Bau einhalten. Sie gilt nicht, wenn das Tiny House maximal vier Monate im Jahr bewohnt wird.

  • Darf ein Tiny House auf einem Campingplatz stehen?

Laut Landesverordnung über Camping- und Wochenendplätze gibt es dann zwei Auflagen für das Tiny House: Es darf maximal 50 Quadratmeter groß sein und nicht höher als 3,50 Meter sein. Einige Campingplatzbetreiber lassen allerdings auch Tiny Houses bis vier Metern Höhe zu, also im Zweifel nachfragen. Für das Aufstellen von Tiny Houses auf Campingplätzen in Schleswig-Holstein soll es laut Innenministerium künftig klare Regelungen geben. Dabei werde unterschieden zwischen straßenverkehrstauglichen Haustypen und unbeweglichen Tiny Houses. Eine neue Campingplatzverordnung dazu ist derzeit in Arbeit. So sollen Tiny Houses nur dann auf Standplätzen der Campingplätze erlaubt sein, wenn sie beispielsweise im Brandfall schnell auf ihren Rädern entfernt werden können. Für Campinghäuser – etwa nicht mehr bewegliche „Mobilheime“ und unbewegliche Tiny Houses - sind die größeren Sicherheitsabstände auf den Aufstellplätzen der Wochenendplätze vorgesehen. Die Dauerbenutzung der Tiny Houses auf Camping- und Wochenendplätzen ist aufgrund des Baurechts des Bundes nicht zulässig.

  • Wie komme ich im Norden an ein Tiny House?

Es gibt Hersteller, wie etwa Green Tiny House in Elmshorn. Das Unternehmen Rolling Tiny House aus Neumünster bietet nur rollende Varianten der Minihäuser ab 49.000 Euro an, die eine Straßenzulassung haben. Das rollende Haus hat eine Nutzlänge von 7,80 Metern, eine Breite von 2,55 Metern und eine Höhe von vier Metern. „Obwohl es also schwierig ist, einen Platz für ein Tiny House zu finden, hat sich die Baubranche dennoch auf Minihäuser eingerichtet und bietet vorfabrizierte Module an“, sagt Karl-Heinz Schneider vom Verband Privater Bauherren. „Diese teils recht exklusiven und entsprechend teuren Container eignen sich für kleine Grundstücke. Sie haben keine Räder, müssen also auf dem Tieflader transportiert und bei Bedarf von Standort zu Standort transloziert werden. Allerdings müssen die Häuser an jedem Standort immer wieder aufs Neue genehmigt werden, mit Bauleitung, Planung, Baugenehmigung, Gründung und Anschlüssen. Das ist keine kostengünstige Wohnlösung für Menschen, die oft umziehen - und die schwebte den Pionieren der Tiny Houses ja vor.“

Daniel Lippke, der die Tiny-House-Siedlung Elborado plant mit Modulhäusern an der Elbe bei Bleckede bietet auf einem ehemaligen Campingplatz Tiny Houses zum Kauf an. Ab 120.000 Euro brutto. „Der Besitzer kann dann einfach in sein Haus und muss sich um keine Grundstückssuche, Genehmigungsverfahren oder Erschließungsarbeiten kümmern. Auch Gartenarbeiten und andere Serviceangebote werden von ihm und seinem Team übernommen.“ Ende des Jahres sollen die ersten Häuser bezogen werden. Alle Infos dazu unter www.elborado.com

  • Was kostet ein Tiny House?

Günstige Modelle kosten nach Angaben von Schwäbisch Hall von 40.000 Euro aufwärts. Realistischer sind häufig mindestens 80.000 Euro. Die Kosten sind abhängig von der Größe der Wohnfläche und der Länge des Anhängers, der Ausbaustufe, der Ausstattung und der technischen Ausrüstung (Heizung, Dusche, etc.) und ob das Tiny House autark ist oder nicht.

Buchtipp: Nicole Dau „Glück ist in der kleinsten Hütte“, Verlag Piper, 15 Euro.

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