„Wellenbrecherinnen"

Großer Empfang für die Hamburger Atlantik-Ruderinnen

Angekommen! Meike Ramuschkat, Timna Bicker und Steffi Kluge (v. l.) wurden mit frenetischem Beifall begrüßt. Catharina Streit, das vierte Crewmitglied, ist in die USA geflogen.

Angekommen! Meike Ramuschkat, Timna Bicker und Steffi Kluge (v. l.) wurden mit frenetischem Beifall begrüßt. Catharina Streit, das vierte Crewmitglied, ist in die USA geflogen.

Foto: Andreas Laible

100 Verwandte heißen die Sportlerinnen willkommen. Sie waren von La Gomera bis Antigua 42 Tage auf dem Meer unterwegs.

Hamburg.  Die letzten Meter des Abenteuers ihres Lebens legten sie zu Fuß zurück. Um 18 Uhr schritten Steffi Kluge (51), ihre Tochter Timna Bicker (27) und Meike Ramuschkat (32) am Freitag durch die Sicherheitstür des Flughafens in Fuhlsbüttel. Nur Catharina Streit fehlte, sie besucht noch ihren Bruder in den USA, kommt erst in drei Wochen wieder nach Hamburg.

Mit Skulls standen Sportler des Hamburger und Germania Ruder Clubs Spalier, um das Trio gebührend zu begrüßen. Auch rund 100 Freunde und Verwandte hatten sich in der Ankunftshalle versammelt.

Atlantik-Ruderinnen werden am Hamburg Airport gefeiert
Atlantik-Ruderinnen werden am Hamburg Airport gefeiert Video: HA/Jörg Riefenstahl

42 Tage und 5069 Kilometer liegen hinter den Frauen

„Was für ein großartiger Empfang“, freute sich Meike Ramuschkat. „Körperlich geht es uns wieder gut, aber vom Kopf her wird es noch dauern, bis wir wirklich angekommen sind.“

Hinter den Frauen liegen ungeheure Strapazen. 42 Tage und 5069 Kilometer waren sie in einem Ruderboot beim härteste Ruderrennen der Welt unterwegs – von der Kanareninsel La Gomera bis nach Antigua in der Karibik.

Ruderin Steffi Kluge nahm elf Kilogramm ab

„Frisches Gemüse und Obst haben mir auf der Reise am meisten gefehlt“, sagt Steffi Kluge, gelernte pharmazeutisch-technische Assistentin, die nun an einer Berufsschule arbeitet. 42 Tage gab es vor allem gefriergetrocknete Bolognese, zubereitet mit Wasser, sowie hochkalorische Shakes. Schokolade und Salzstangen boten etwas Abwechslung.

Allein Steffi Kluge, ohnehin dünn, nahm auf der Reise elf Kilogramm ab, ihre Teamgefährtinnen zwischen sieben und zehn Kilogramm. Obwohl das Quartett in den Urlaubstagen auf Antigua exzellent speisen durfte, ist das frühere Gewicht noch lange nicht wieder erreicht.

Meike Ramuschkat musste auf hoher See Infusionen legen

Die Gewichtsabnahme war nicht allein der extremen sportlichen Anstrengung geschuldet. Vor allem Timna Bicker litt extrem unter Seekrankheit. Meike Ramuschkat, als Kardiologin vom Fach, musste der Medizintechnikerin auf hoher See Infusionen legen, damit ihre Freundin wieder zu Kräften kam. Aber auch Steffi Kluge musste sich selbst am letzten Tag bei hohem Wellengang noch übergeben.

Auch die Wunden der Reise heilen erst langsam wieder. Die Rettungsgurte, die die Frauen Tag und Nacht tragen mussten, um sich bei einem möglichen Kentern sofort sichern zu können, scheuerten an empfindlichen Stellen, auch andere Körperregionen litten durch das stundenlange Sitzen. Zudem sorgten Salz und Schweiß für Problemzonen, in den Pausen lagen die Frauen vor allem auf dem Bauch.

Der selbstgebackene Weihnachtsstollen gab Kraft

„Dennoch haben wir nie ans Aufgeben gedacht“, sagt Steffi Kluge. Der Teamgeist habe das Quartett beflügelt. „Natürlich hatten wir auch mal Streit, aber wir haben Konflikte gut gelöst“, sagt sie. Die Dunkelheit sei am schwersten auszuhalten gewesen, vor allem dann, wenn der Mond sich hinter Wolken versteckt hatte. Dazu die chronische Müdigkeit, die totale Erschöpfung.

Kraft gaben Gesten, etwa der selbst gebackene Weihnachtsstollen, den Steffi Kluge an Heiligabend auspackte. Und die Telefonate mit Robert Eichler, Besitzer einer Yachtschule in Finkenwerder. „Ohne Robert wären wir niemals so schnell gewesen“, sagt Steffi Kluge. In Abständen von sechs Stunden berechnete der Nautiker den Kurs für die „Doris“.

Siegerehrung findet in London statt

Überhaupt die „Doris“. Das Boot, dem die vier Frauen letztlich ihr Leben anvertrauten, habe nie gezickt. Umso schwerer fiel die Abschied. Auf Antigua wurde das Boot in einen Container verpackt und nach England verschifft. Mit der „Doris“ wird eine internationale Frauen-Crew die Atlantic-Challenge 2020/21 angehen. Was aus dem Erlös des Verkaufs nach Abzug der Kosten der Reise übrig bleibt, wird das Team an die Organisationen Kinderlachen und Zeit für Zukunft spenden.

„Zum Glück werden wir unser Boot in England noch einmal wiedersehen“, sagt Steffi Kluge. Die Reise zur Siegerehrung nach London, wo das Quartett als schnellstes Frauenteam ausgezeichnet wird, wollen die vier Frauen mit einem Abstecher zur Werft verbinden – auch um persönliche Sachen abzuholen, die mit verpackt wurden. Darunter die Skulls, die sie als Andenken an das Abenteuer ihres Lebens mit nach Deutschland nehmen werden. Steffi Kluge ist stolz, dass das Organisationsteam die Sauberkeit bei der Abschlussinspektion lobte: „Unsere Doris hat nicht gestunken.“

Nun müssen sich die Frauen wieder an den Alltag gewöhnen. In den nächsten Wochen haben sie noch Urlaub, Meike Ramuschkat will Familienbesuche erledigen und mit ihrem Lebensgefährten viel unternehmen.

Im Juni kommt der Film über das Abenteuer in die Kinos

„Wir kehren als Freundinnen zurück“, sagt Steffi Kluge, keineswegs selbstverständlich, wenn man so viele Tage auf so engem Raum unterwegs ist. An Material zum Erinnern wird es nicht fehlen, allein bei der Regatta drehten die Frauen rund 24 Stunden Material. Der Hamburger Filmemacher Guido Weihermüller, der das Projekt von Beginn an begleitet, arbeitet an einem Film, der im Juni in die Kinos kommen wird.

Der Streifen dürfte spektakulär werden. Die ZDF-Sportreportage zeigte bereits drei 15-minütige Beiträge über das Abenteuer (abrufbar in der Mediathek). Auch auf der Seite www.wellenbrecherinnen.de gibt es spannende Beiträge, auch über die Trainingseinheiten.

Bleibt am Ende eine Frage: Werden die Frauen wieder in ein Ruderboot steigen? Für Steffi Kluge ist die Antwort klar: „Selbstverständlich. Ich freue mich schon auf die erste Tour über die Alster.“

Lesen Sie hier, wie die Angehörigen der vier Hamburger Extrem-Sportlerinnen das Rennen erlebten.