"Wellenbrecherinnen"

Ein Zeichen hielt Hamburgs Atlantik-Ruderinnen über Wasser

Catharina Streit (v. l.), Meike Ramuschkat, Stefanie Kluge und Timna Bicker sind am Donnerstag auf der Karibik-Insel Antigua angekommen.

Catharina Streit (v. l.), Meike Ramuschkat, Stefanie Kluge und Timna Bicker sind am Donnerstag auf der Karibik-Insel Antigua angekommen.

Foto: Wellenberecherinnen

Stimmungsschwankungen, Übelkeit, Tränen: Was die vier Extremsportlerinnen in 42 Tagen auf See erlebten. Ihr Abenteuer kommt ins Kino.

Antigua/Hamburg.  „Jawohl – wir sind da“, rief Stefanie Kluge noch wackelig im Boot stehend den Freunden, Verwandten, Partnern, Männern und überhaupt all diesen Menschen zu, die sie jubelnd am Steg in Antigua begrüßten: „Hipp, hipp, hurra.“

Jawohl, sie sind da. 42 Tage und 46 Minuten waren die vier Frauen aus Hamburg unterwegs, seit sie am 12. Dezember von La Gomera aufgebrochen waren, um den Atlantischen Ozean in einem Ruderboot zu überqueren. 2737 Seemeilen (5069 Kilometer) waren sie auf hoher See, bevor sie am Donnerstag um 7.21 Uhr Ortszeit (12.21 MEZ) die Ziellinie der Talisker Whiskey Atlantic Challenge überquerten und kurze Zeit später ihre Signalfackeln in die warme, karibische Luft reckten.

Regisseur: "Niemand hat daran geglaubt"

Sie haben es tatsächlich geschafft. „Niemand hat daran geglaubt, außer sie selbst“ sagte der Regisseur Guido Weihermüller, der das Projekt unter dem Titel „Wellenbrecherinnen“ seit 18 Monaten intensiv begleitet. Doch nun haben Steffi Kluge (51), ihre Tochter Timna Bicker (27), Catharina Streit (32) und Meike Ramuschkat (32) diesen Irrsinn, diese Herausforderung, dieses einmalige, unvergessliche und wahrscheinlich lebenprägende Abenteuer tatsächlich erfolgreich bestanden.

„Ich bin besonders stolz und froh, dass wir als Team zusammengeblieben sind“, sagte Meike Ramuschkat, „wir betreten wieder Land als echte Freundinnen.“ Dass es bei dieser langen Zeit auf engstem Raum miteinander auch mal Reibereien gab, ist aber auch klar. „Ja, es gab Momente, da war es stimmungsmäßig auch mal schwierig“, erzählte Kluge am Telefon dem Abendblatt, „da mussten wir auch mal über Sachen sprechen und sie klären.“

Ruderinnen: "Timna ist unsere Leiche"

Anders wäre es nicht gegangen. Das war ja kein Spaß-Ausflug auf der Alster, das war zum Teil echte Quälerei. „Steffi musste sich noch gestern übergeben“, erzählte Meike, die als Kardiologin die „Bootsärztin“ war. Mit Seekrankheit hatten sie alle zu kämpfen, vor allem in der ersten Woche nach dem Start von den Kanarischen Inseln.

Da zeigte sich der Atlantik von seiner hässlichsten Seite. Ließ Winde heftig blasen, wogte mit seinem Wellen – auf und ab, und die kalorienreiche Instant-Nahrung wollte nicht im Körper bleiben. „Timna ist unsere Leiche“, berichteten sie von unterwegs. Zehn harte Tage litt die Medizintechnikerin. Aber aufgeben? Keine Option.

Ein Blauer Marlin diente als Zeichen

„Ihr habt uns über den Atlantik getragen, wir sind sprachlos von diesem Support“, bedankte sich „Cätschi“ Streit nach der Landung in Antigua bei den zahlreichen Unterstützern von zu Hause, „wir haben uns jeden Tag WhatsApp-Nachrichten vorgelesen. Das hat uns sehr motiviert.“

Und dann war da ja auch der tägliche Lohn der kleinen, großen Erlebnisse. Wale, Delfine, Seeschildkröten, alles da, alles gesehen, alles wie erträumt. „Die einmaligen Sonnenaufgänge“, schwärmte Meike, „und uns hat ein Blauer Marlin begleitet – das war ein Zeichen.“

Antiguas Frauenministerin ehrt Quartett

Als 17. der 35 gestarteten Boote haben die Hamburgerinnen das Rennen beendet. „RowHHome“, so der Name ihres Projekts, gewann damit die Frauenwertung. Sie sind überhaupt das erste deutsche Team, das an diesem seit 1997 in unterschiedlichen Formaten ausgetragenen Rennen teilnahm.

„Jeden Tag durchbrechen Frauen Barrieren“, sagte die extra zum Empfang herbeigeeilte Sozial- und Frauenministerin von Antigua und Barbuda, Samantha Marshall, bei der Ehrung, „herzlichen Glückwunsch an diese Frauen aus Deutschland, dass sie auch eine Barriere durchbrochen haben und eine Inspiration für uns alle sind.“

Ruderinnen stolpern Richtung Podium

Als sie erstmals nach der langen Reise wieder Land betraten, da wackelten die Beine schon beträchtlich. Der Weg zum Siegerpodium war ein Stolpern und Schwanken. 42 Tage sitzen im Ruderboot, da leidet die Wadenmuskulatur, da schwingt auch der feste Boden.

Meike, deren Vater an diesem Tag auch Geburtstag feierte, stieg mit einer helfenden Hand als Erste aus dem Boot. Dann fielen sie allen ihren Lieben in die Arme. Sascha Kluge, der Mann von Steffi und Vater von Timna, war mit Schwiegersohn Timo Bicker gekommen, auch Meikes Freund Moritz Broja wartete schon sehnsüchtig.

Ruderinnen verlieren kiloweise Gewicht

Es war ein großes Umarmen und Knuddeln, die Tränen strömten. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel weinen muss, es war sehr emotional“, erzählte Steffi Kluge, „es war toll.“ Auf die Lieben zu Hause, sagte sie, habe sie sich am meisten gefreut. Cätschi Streit wollte „richtiges Essen, Drinks, eine Dusche und viel Schlaf“.

Mit dem Essen konnten sie gleich beginnen: Auf dem Gelände hinter dem Anleger war ein Tisch für ein schönes Frühstück aufgebaut. „Das war so schön, wir hatten sogar Aperol Spritz“, erzählte Kluge. Obst, Gemüse, Frisches eben, das haben sie am meisten vermisst. Immer nur Kaloriendrinks und „Astronautennahrung“ ... ne, das will man nicht wirklich. „Elf Kilo habe ich verloren“, sagt Kluge, „zwischen sieben und zehn die anderen.“

Filme kommen im ZDF und im Kino

Und nun? Sacken lassen. So gut es geht. „Ich würde es auf jeden Fall weiterempfehlen, wenn man an seine Grenzen gehen möchte und etwas erreichen, das erst unvorstellbar erscheint“, sagt Catharina Streit, „es ist eine Supersache, was man mit Willenskraft und Ehrgeiz erreichen kann.“

Einen ersten Eindruck gibt es für alle „Landratten“ in der ZDF-„Sportreportage“ am 2. Februar mit einer ausführlichen Reportage über die Reise und die Ankunft. Im Juni will Weihermüller den Dokumentarfilm „Wellenbrecherinnen“ in die Kinos bringen. 64 SD-Karten mit Filmmaterial von der Reise müssen gesichtet und geschnitten werden. Boot „Doris“ ist bereits verkauft. Für 65.000 Euro an ein britisches Team, das 2021 dieses Abenteuer angehen will. Damit können die restlichen Kosten gedeckt werden. Was übrig bleibt spenden die Frauen an die Kinderhilfsorganisationen „Kinderlachen“ und „Zeit für Zukunft“.

Drei Ruderinnen bleiben noch in Antigua

Während Catharina Streit demnächst zu ihrem Bruder in die USA und dann nach Japan weiterreist, bleiben Kluge, Bicker und Ramuschkat mit ihren Männern zunächst noch im Karibik-Paradies Antigua. Erst am 7. Februar wollen sie wieder in Hamburg sein. Zurück im „normalen“ Leben. Oder?

Ob das so einfach wird nach dieser einmaligen Erfahrung, das muss sich dann zeigen. Das Abenteuer Atlantik-Rudern ist eher nicht einfach dadurch beendet, dass man nach 42 Tagen und 46 Stunden eine Ziellinie überquert.

Lesen Sie hier, wie die Angehörigen der vier Hamburger Extrem-Sportlerinnen das Rennen erlebten.