Hamburg. Am 21. Januar soll die Karibikinsel Antigua erreicht sein. Wie Angehörige der vier Hamburger Extrem-Sportlerinnen das Rennen erleben.

Wie kommt man nach Antigua? Also, wenn man nicht über den Atlantik rudern möchte. So wie ihre Frauen das gerade tun. Timo Bicker (30) und sein Schwiegervater Sascha Kluge (51) haben die möglichen Verbindungen zur Karibikinsel schon mehrfach durchgeschaut. Über London, oder doch über Paris ... „Wir wissen ja auch noch nicht genau, wann wir da sein müssen“, sagt Sascha Kluge, „aber es ist schön, dass es nun nicht mehr so lange dauert.“

Aktueller Stichtag ist der 21. Januar nachmittags – dann sollen die vier Hamburgerinnen an Bord ihres Ruderbootes „Doris“ ihr großes Lebensabenteuer geschafft haben, dann haben sie die rund 2800 Seemeilen von La Gomera bis Antigua bewältigt – und können ihre Männer endlich wieder in den Arm nehmen.

Wenn der Elektroniker Timo Bicker morgens von seinem Handy geweckt wird, dann checkt er als Erstes die App, auf der er den Rennverlauf der „Talisker Whisky Atlantic Challenge“ genau verfolgen kann. Sascha Kluge schaut morgens nach, wenn er mit dem Hund eine erste Runde dreht. Insgesamt 35 Ruderteams und Einzelkämpfer hatten sich am 12. Dezember von der Kanareninsel auf den Weg über den Ozean gemacht. Und sie rudern immer noch. Am Donnerstag knackten die Hamburgerinnen eine weitere große Grenze: Weniger als 1000 Seemeilen sind es noch bis zum Ziel.

Neuigkeiten, Sorgen und Bilder per WhatsApp

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Über 70 nautische Meilen schaffen die Frauen allein mit ihrer Muskelkraft und Schubwellen und -winden pro Tag. Es sieht gut aus, das beruhigt die Angehörigen. „Am Anfang waren wir angespannter“, sagt Sascha Kluge, dessen Frau Stefanie Kluge (51) ebenso an Bord ist wie seine Tochter Timna Bicker (27). Die Initiatorin dieser „verrückten Idee“, Catharina, „Cätschi“ Streit (33), und Meike Ramuschkat (33) vervollständigen das Quartett.

Auch Meikes Freund Moritz Broja, Geschwister, enge Freunde gehören zu einer WhatsApp-Gruppe, in der die Angehörigen Neuigkeiten, Sorgen, Bilder, Videos teilen. „Natürlich wollen wir alle wissen, wie es ihnen geht“, sagt Kluge. Doch insgesamt sind die Informationen eher spärlich: „Ich habe das erste Mal mit meiner Frau am 6. Januar direkt telefoniert“, erzählt der Sportmediziner vom BG Klinikum Boberg. Timo Bicker hatte seine Frau Timna auch erst am 3. Januar über Satellitentelefon direkt erreicht. Viele Infos kommen von der Rennleitung, auch die anderen Teams sind in den sozialen Netzwerken aktiv, da bekommt man einiges mit.

Nah dran ist auch der Regisseur Guido Weihermüller, der die „Wellenbrecherinnen“ dokumentarfilmisch begleitet, Episoden in der ZDF-„Sportreportage“ zeigt und im Sommer einen Kinofilm präsentieren wird. Im Internet finden sich schon Clips, die die Frauen mit ihren Kameras aufgenommen haben. „Sie haben oft Kontakt zu Guido, und der schreibt auch an uns“, erzählt Kluge.

So puzzeln sie sich ihr Wissen zusammen. Und sind dabei nicht ganz immer aktuell. „Dass es Timna in den ersten zehn Tagen mit ihrer Seekrankheit wirklich schlecht ging, das habe ich erst später erfahren“, erzählt Bicker. Vielleicht ganz gut, es muss dramatisch gewesen sein. Die Medizintechnikerin war völlig am Ende, behielt keine Nahrung, brauchte Infusionen. Ärztin Meike weiß aber, was zu tun ist. „Mich beruhigt es sehr, dass sie aufeinander aufpassen“, sagt Kluge.

Timo Bicker (l.) und Sascha Kluge verfolgen das Rennen auf dem PC.
Timo Bicker (l.) und Sascha Kluge verfolgen das Rennen auf dem PC. © Andreas Laible / FUNKE Foto Services | Andreas Laible

Catharina hat Probleme mit dem Sitzen, nicht gut beim Rudern, wenn der Allerwerteste wund ist. Steffi hat mit Übelkeit zu kämpfen, verträgt die Instantnahrung nicht gut. Sie nimmt deshalb öfter den 2000-Kalorien-Power-Drink zu sich, Timna – auch noch seekrank-angeschlagen – isst dafür mehr von diesem Tüten-Trockenfutter, das mit Wasser zu einer 400-Kalorien-Pampe aufgegossen wird. Da ist es kein Wunder, dass „die Essfantasien groß sind“, erzählt Kluge.

Männer glauben nicht, dass nach Antigua Schluss ist

Zur Abfahrt Mitte Dezember waren die Familien mit nach La Gomera gereist. „Das war sehr emotional“, gibt Timo Bicker zu. Für Kluge war es wichtig, dort den Veranstalter und die Rennleitung kennenzulernen: „Die machten einen sehr professionellen Eindruck, das war auch beruhigend.“

Natürlich waren sie nicht besonders begeistert, als ihre Frauen erstmals von ihrem Plan erzählten. „Ich habe aber nicht versucht, es Steffi auszureden, ich kenne ja meine Frau seit über 30 Jahren“, erzählt Kluge, „sie brauchte das jetzt für sich. Vielleicht auch zur Neu-Orientierung. Die Kinder sind inzwischen groß, der Job bietet wenig Neues.“ Nein zu sagen, letztlich aus Egoismus, war also keine Option. Also entschied er sich, das Projekt aktiv zu unterstützen statt dagegen anzugehen.

Auch sein Schwiegersohn sieht es so: „Timna hatte natürlich gefragt, ich habe ihr gesagt: diese Möglichkeit hast du nur einmal im Leben. Mach es.“ Die Länge des Alleinseins aber merken sie nun schon. „Weihnachten war hart“, gibt Timo Bicker zu. Sascha Kluge räumt ein, dass er diese über zwei Monate Alleinsein unterschätzt hatte: „Ich dachte, das ist vielleicht auch mal ganz schön.“ Nein, ist es nicht. „Es ist doch sehr lang und schwierig zwischendurch.“

Dabei begannen die Belastungen ja schon vor über einem Jahr. Training, Planungen, PR-Termine, Filmen mit Weihermüller, das Boot abholen, die Finanzierung sicherstellen, mit der Psychologin telefonieren. Es war Dauerstress – und auch wenn das Ziel Antigua in rund zwei Wochen erreicht ist, wird noch nicht Schluss sein, glauben die Männer. Dann kommen die Talkshows und die Presse und irgendwann die Premiere des Spielfilms. „Timna hat zu mir gesagt, Schatz, 2020 gehört nur uns“, erzählt Timo Bicker, „aber ich glaube da noch nicht dran.“