Atlantik-Überquerung

Hamburger Filmemacher bringen härtestes Ruderrennen ins Kino

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Peter Wenig
Den Rudersport immer im Blick: Silvia und Guido Weihermüller auf dem Steg des  Ruder-Clubs Allemannia­ von 1866.

Den Rudersport immer im Blick: Silvia und Guido Weihermüller auf dem Steg des Ruder-Clubs Allemannia­ von 1866.

Foto: Andreas Laible / HA

Silvia und Guido Weihermüller begleiten Athleten mit enormem Aufwand. Im Sommer kommt ihr Film über die Atlantik-Ruderinnen ins Kino.

Hamburg. Der erste Blick auf ihren Smartphones gilt jeden Morgen der App, die den Verlauf der Atlantic Challenge zeigt. Gebannt verfolgen Silvia und Guido Weihermüller, wie sich die vier Hamburger Atlantik-Ruderinnen beim härtesten Ruderrennen der Welt schlagen. Derzeit läuft es gut, Catharina Streit, Meike Ramuschkat, Stefanie Kluge und Timna Bicker haben bereits die Hälfte ihrer 5000 Kilometer langen Reise von La Gomera bis zur Karibikinsel Antigua auf ihrem Boot „Doris“ zurückgelegt.

Wenn das Quartett in drei bis vier Wochen sein Ziel erreichen wird, wird das Ehepaar Weihermüller mit Kameras zum Empfangskomitee gehören. Denn die Inhaber der Hamburger Produktionsfirma Close Distance Productions begleiten das Projekt als Filmproduzenten. Voraussichtlich im Juni wird der Film in den Kinos starten.

Mit der Kamera nah dran an den Athleten

Auf der Seite www.wellenbrecherinnen.de gibt es bereits Episoden der Atlantik-Mission zu sehen. Und sie belegen, dass der Firmenname Close Distance, Nahdistanz, zugleich Programm ist. Die Weihermüllers zeigen die Ruderinnen total erschöpft im Training, überglücklich bei der ersten Besichtigung ihres Bootes und vertraut beim Abend­essen. Näher dran geht nicht.

„Dies ist unser Weg“, sagt Guido Weihermüller, der in Hamburg Sport und Journalismus studierte, dann zwei Jahrzehnte in der Werbung arbeitete. Die Affinität zum Sportfilm entstand 2013 durch einen Zufall: Seine Frau berichtete begeistert von ihren Erfahrungen bei einem zwölfwöchigen Trainingscamp für den Hamburg Triathlon. Ein Jahr später begleitete Guido Weihermüller vier Frauen, die sich drei Monate für ihren ersten Triathlon-Start schindeten.

Für 150 Euro mietete das Ehepaar nach den Dreharbeiten das Abaton-Kino, um den Film „Wechselzeiten“ Freunden und Teilnehmern des Triathlons zu zeigen. Die Reaktionen waren so überwältigend – manche Zuschauer weinten vor Rührung –, dass der damalige Abaton-Chef Matthias Elwardt bat, den Film ins reguläre Programm aufnehmen zu dürfen. Elwardt, inzwischen Leiter des Zeise-Kinos, half beim Aufbau eines Vertriebs. Der damalige Innen- und Sportsenator Michael Neumann war bei der Premiere so begeistert, dass er direkt nach dem nächsten Projekt der Filmemacher fragte – schließlich hoffte der Senat damals noch auf eine Gastgeberrolle bei Olympischen Spielen.

Jedes neue Projekt bleibt ein Wagnis

Damit war die Saat für den Wechsel in das Sportfach gelegt. Mit „Die Norm – Ist dabei sein wirklich alles?“ gelang Close Distance der nächste Erfolg: 20 Monate begleiteten die Weihermüllers Spitzensportler auf dem Weg zur erhofften Qualifikation zu den Olympischen Spielen in Rio 2016. Hautnah erlebten die Zuschauer – Premiere war beim Hamburger Filmfestival – geplatzte Träume und erfüllte Sehnsüchte. Es folgten Filme über die Hamburger Beachvolleyballer-Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst („Der Weg zu Gold“), über das Karriereende des Diskuswerfers Robert Harting („Sechsviertel“) sowie über die besten Rollstuhl-Basketball-Teams Europa („Vierzehneinhalb“).

Längst legen die Weihermüllers ihre Projekte medienübergreifend an, ihr immenser Aufwand allein für einen Kinofilm wäre schon finanziell gar nicht darstellbar. Sie suchen sich TV-Partner – bei den „Wellenbrecherinnen“ ist es das ZDF, das in der „Sportreportage“ bereits zwei lange Beiträge zeigte, Zudem vermarkten sie einzelne Episoden in den sozialen Netzwerken.

Und doch bleibt jedes neue Projekt ein Wagnis. „Bei aller Routine geht es immer um ein Start-up“, sagt Silvia Weihermüller, die die Projekte als Produzentin verantwortet. Der Film etwa über Laura Ludwig und Kira Walkenhorst hätte ohne ihr olympisches Beachvolleyball-Gold 2016 kaum eine solche mediale Beachtung gefunden.

Sie leiden mit ihren Protagonisten

Ähnlich ist es nun bei den „Wellenbrecherinnen“. „Wenn unsere Protagonisten in eine Krise geraten, leiden wir mit“, sagt Guido Weihermüller. Als Ende November 2018 eine der vier Frauen kurzfristig ausstieg, stand die gesamte Mission auf der Kippe. Die Weihermüllers hätten beim Scheitern des Projekts die Kosten für alle absolvierten Drehtage abschreiben müssen. Stattdessen gewinnt der Film jetzt noch einmal an Spannung. Denn mit Timna stieg ausgerechnet die Tochter von Steffi Kluge in die „Doris“, diese Konstellation macht das Unternehmen noch emotionaler. Zumal auch die Aussteigerin ausführlich über die Gründe ihres Abschieds spricht.

Jetzt müssen die Weihermüllers hoffen, dass die Frauen trotz aller Strapazen genügend Zeit finden, an Bord zu drehen. Online sind schon ein paar Videoschnipsel zu sehen, die die Ruderinnen über eine spezielle Technik vom Atlantik über Satellit schicken können.

Auf einen Ausflug in den Fußball verzichten die Macher

Doch die Qualität dieses Materials reicht nur für die sozialen Netzwerke, aber keinesfalls für die große Kinoleinwand. Mit entsprechender Anspannung wird Guido Weihermüller nach der Ankunft das gedrehte Videomaterial auf den Festplatten sichten. Sie sind allesamt sehr gut verpackt, dennoch bleiben Salzwasser, Sturm und Sonne die natürlichen Feinde von Datensicherungen.

Das Endprodukt werden die Atlantik-Ruderinnen dann erst im Kino sehen, so halten es die Hamburger Filmemacher bei jedem Projekt. Sie müssen nun hoffen, dass ihre Protagonisten sich auch in Augenblicken des Leidens, der Schmerzen filmen, nur so kann der perfekte Spannungsbogen gelingen.

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Auch deshalb haben die Weihermüllers bislang auf einen Ausflug in die Welt des Profifußballs verzichtet. „Wir hätten Ideen, aber wir fürchten, dass der Einfluss von Managern und Beratern zu groß wäre“, sagt Guido Weihermüller. In der Tat wäre es kaum vorstellbar, dass die Einflüsterer in diesem Milliarden-Business zulassen würden, dass jemand – wie jetzt der Trainer der Atlantik-Ruderinnen beim „Wellenbrecherinnen“-Projekt – sagt: „Wenn man hört, was die machen, muss man aufpassen, dass man nicht böse wird. Totaler Quatsch ist das.“

Nahdistanz kann nur gelingen, wenn sich die Helden eines Films darauf einlassen. So wie die Ruderer, die sich gerade in Hamburg auf die Mission Olympia vorbereiten. Im Skull-Bereich, also in den Booten, wo die Ruderer in jeder Hand einen Skull bewegen, läuft gerade in Hamburger der erbarmungslose Ausscheidungskampf um die sieben deutschen Startplätze bei den Spielen in Tokio. Ein Thema wie geschaffen für die Weihermüllers. Und wer erste Sequenzen sieht (www.sxulls.de), ahnt, dass auch dieses Projekt Zuschauer emotional bewegen wird.

Bei allem journalistischen Antrieb bleibt am Ende aber auch die menschliche Nähe. „Wir müssen uns in unsere geplanten Projekte verlieben, sonst geht es nicht“, sagt Silvia Weihermüller. Daher hoffen die Macher vor allem auf eines: dass die vier Atlantik-Ruderinnen das Abenteuer ihres Lebens mit meterhohen Wellen und schweren Stürmen gut überstehen und unbeschadet Antigua erreichen werden.

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