Hamburger Stadtgeschichte

Das Spinnhaus – ein Zuchthaus für die „Unzüchtigen“

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Josef Nyary
Das Spinnhaus von 1670 beim Alstertor (hinten). Aus dem Jahr 1618 stammt das Werk- und Zuchthaus (links).

Das Spinnhaus von 1670 beim Alstertor (hinten). Aus dem Jahr 1618 stammt das Werk- und Zuchthaus (links).

Foto: Christoffer und Peter Suhr

Vor 350 Jahren richtete der Senat am Alstertor eine Besserungsanstalt für gescheiterte Frauen und Mädchen ein.

Hamburg.  Die Fassade ist schmuck, die Inschrift fromm, die Einweihung erhebend: Über dem Portal prangt das Wappen des edlen Spenders, die Widmung verweist auf einen Stiftungszweck „zur Ehre Gottes“, und die Festredner preisen die christliche Barmherzigkeit der Gründer.

Doch hinter der Schauseite zeigt der Bau ein weniger reputierliches Bild: In kleinen Zellen hausen vor allem Diebinnen und Prostituierte. In einem Fabriksaal spinnen sie jeden Tag viele Stunden lang Wolle. Ihre Kleider sind grau, ihre Mahlzeiten karg, und wer nicht spurt, wird ausgepeitscht.

Trotzdem gilt das Hamburger „Spinnhaus“ beim Alstertor Zeitgenossen als modern, vorbildlich und besonders human. Denn die Eröffnung vor 350 Jahren, am 27. Januar 1670, fällt in eine Ära einer besonders drakonischen Rechtsprechung. Vor allem die Prostituierten werden unbarmherzig verfolgt.

Prostituierte werden am Pferdemarkt an den Schandpfahl gekettet

Zwar sind „Huren“ in Hamburg bereits seit dem 13. Jahrhundert etabliert, und 1428 florieren bereits acht „Frauenhäuser“ etwa auf dem Kattrepel in der Altstadt. Doch seit der Reformation sind die Sitten ungleich strenger geworden, auch, weil sich damals die Syphilis immer weiter ausbreitet: Jetzt werden Prostituierte etwa am Pferdemarkt an den Schandpfahl gekettet, ausgepeitscht, verbannt oder ins Zuchthaus geworfen.

Doch die Brutalität der neuen Sittengesetze trifft auch eigentlich Schuldlose: Dienstmädchen oder Mägde, von ihren Herren vergewaltigt und geschwängert, finden nirgends einen legalen Broterwerb. Da genügt es der strengen Justiz schon, wenn Hungernde beim Betteln erwischt werden.

„Eine ledige Dienstbotin, die schwanger wurde, steckte in einem unlösbaren Dilemma“, erklärt die Sozialhistorikerin Rita Bake. „Denn ihr drohte in jedem Fall Strafe. Ob sie nun die Schwangerschaft verheimlichte und ihr Kind aussetzte oder aber sich offen zu dem Kind bekannte: Sie hatte nach herrschender Vorstellung ‚Unzucht‘ begangen. Ihr drohten Strafen, in der Regel die Kündigung ihres Dienstverhältnisses. Ihr Weg in die Armut war somit vorgezeichnet.“

Ratsherr Rentzels Ansinnen war menschenfreundlich

1660 übernehmen der Hamburger Ratsherr Peter Rentzel und sein Kollege Nicolaus von der Fechte als Prätoren die Aufsicht über die Niedergerichte, aus denen später die Amtsgerichte werden. Rentzel ist Jurist und bestens vernetzt: Auch Vater, Großvater, Schwiegervater und Schwager sitzen oder saßen im Rat der Stadt. Als es noch im selben Jahr zu einer Auseinandersetzung mit dem Kollegen kommt, nimmt sich von der Fechte den Streit so zu Herzen, dass er vor Ärger und Kummer darüber stirbt. Danach, so notiert der Hamburger Stadtarchivar Otto Beneke 200 Jahre später in seiner Chronik „Ein unheilvolles Landgericht“, soll Rentzel „immer ernsthafter geworden sein und unglücklich gelebt“ haben.

Von Schuldgefühlen getrieben, sinnt der Ratsherr auf gute Werke. Rang und Reue sichern ihm die Unterstützung der Standesgenossen. Sein Plan ist eine Unterkunft mit Arbeitsplätzen für gescheiterte Mädchen und Frauen, ob sie denn unschuldig sind oder nicht: Sein „Spinnhaus“ soll nicht nur der Sühne, sondern der Besserung und auch der Existenzsicherung dienen. Ziel ist die Wiedereingliederung in die Gesellschaft: Sünderinnen sollen bekehrt, Opfer aber sicher untergebracht werden und dabei einen Beruf erlernen, der sie etwa als Näherin ernähren kann.

Ein menschenfreundliches Motto lässt Hoffnung durchschimmern

Als Baumeister übernimmt der Hamburger Hans Hamelow das Projekt. Er hat das neue Millerntor, das Kornhaus am Wandrahm, das Baumhaus und die Stadtwaage am Hafen und auch das Zucht-, Werk- und Armenhaus am Alstertor entworfen. Das Vorbild für Rentzels Idee findet er auf einer Bildungsreise nach Amsterdam. Dort ließen die Holländer schon 1597 ein Spinnhaus als Besserungsanstalt für Frauen errichten. Das spätere Motto über dem Portal stammt von dem berühmten Humanisten Pieter Corneliszoon Hooft und lautet: „Fürchte dich nicht. Ich räche nicht Böses, sondern zwinge zum Guten. Hart ist meine Hand, aber liebreich mein Gemüt.“

Auch am Hamburger Spinnhaus lässt ein menschenfreundliches Motto Hoffnung durchschimmern. Hier liefert der damals sehr populäre Ordensprediger Abraham a Santa Clara den Text: „Der Fleiß verjagt, was Faule plagt. Werft Kinder aus dem Herzens-Haus, den Laster-Tand, die Venus Docken, und löschet mit dem vollen Rocken der Wollust geile Fackeln aus. Lasst in der Hand die Nadel gleißen, so könnt ihr Tugend-Töchter heißen!“

Rentzel finanziert auch andere Stiftungen, etwa für das Waisenhaus, doch er darf die Verwirklichung seines menschenfreundlichsten Plans nicht mehr erleben: Er stirbt 1662 mit erst 52 Jahren. Doch in seinem Testament sorgt er wenigstens noch für die Finanzierung, und seine Witwe Anna Maria Twestreng treibt das Projekt dann acht Jahre lang bis zur Verwirklichung voran.

Wer sich widersetzte, bekam Schläge und nichts zu essen

Von moderner Resozialisierung allerdings ist auch Rentzels Spinnhaus noch weit entfernt, und die strenge Disziplin darin gilt für die weißen wie für die schwarzen Schafe: „Die Gefangenen arbeiten, so schnell sie können“, schildert der Historiker Friedrich Georg Buek in „Hamburgische Alterthümer“. Mädchen und Frauen tragen graue Anstaltskleider, essen Gemüseeintöpfe mit grobem Brot, trinken Wasser und Dünnbier. Von dem bisschen Geld, das sie für ihre Arbeit bekommen, dürfen sie Fleisch, Weißbrot, Butter und Tee kaufen. Wenn sie sich der Anstaltsordnung widersetzen, bekommen sie nichts mehr zu essen. Genügt die Hungerstrafe nicht, steckt ein „Zuchtmeister“ die Widerspenstigen in Beruhigungszellen und versetzt ihnen Schläge. Besonders renitente Gefangene werden an einem Pranger im Hof festgebunden, und dann schlagen Mitgefangene, deren Gesichter verhüllt sind, die Opfer mit Ruten.

Immerhin hat Rentzel dafür gesorgt, dass durch drei Jahrhunderte Mädchen und junge Frauen nicht immer gleich ins Zuchthaus mussten und nach ihrer Entlassung rasch Arbeit finden konnten. Ebenso lange steht über dem Eingang eine lateinische Inschrift: „Nach dem letzten Willen des Herrn Peter Rentzel seligen Angedenkens, beider Rechte Licentiaten und Ratsherrn des hamburgischen Freistaates, Sohnes von Hermann, der gleichfalls Rathsherr war, ist zur Ehre Gottes und zur Besserung der Übel­thäter dieses Spinnhaus auf seine Kosten erbauet worden.“ Beim großen Brand 1842 geht das Spinnhaus wie so viele andere traditionsreiche Gebäude unter, doch der Ruhm dieses frühen Resozialisierungskonzepts bleibt.

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