Gestern und Heute

Die Verbannung der Toten aus der Innenstadt

Prunkvolle Abschiedszeremonie: Leichenzug über den Pferdemarkt 1765, vor der Verlegung der Friedhöfe aus der Stadt.

Prunkvolle Abschiedszeremonie: Leichenzug über den Pferdemarkt 1765, vor der Verlegung der Friedhöfe aus der Stadt.

Foto: staatsarchiv hamburg

Vor 225 Jahren ordnete der Senat an, die Friedhöfe aus der Innenstadt vor das Dammtor zu verlegen. Eine ganze Stadt atmete auf.

Hamburg.  Der Anblick ist schauderhaft, der Gestank unerträglich, die Hygiene katastrophal: „Die Gräber blieben so lange offen, bis sie völlig belegt waren“, schildert der Hamburger Historiker Ernst Finder die unglaublichen Zustände auf den Friedhöfen der Stadt. „Nur oberflächlich wurden sie wohl mit Erde bedeckt.“ Für Passanten bilden sie eine „stete Gefahr“, da die Bretter, mit denen die Totengräber sie sicherten, immer wieder gestohlen werden.

Die Schließung der überfüllten Kirchhöfe in der City und der Bau neuer Begräbnisplätze vor dem Dammtor vor 225 Jahren zählt denn auch zu den bedeutsamsten gesundheitspolitischen Entscheidungen der Stadtgeschichte: „Es ist das Verdienst des Juraten Heinrich Kühl von St. Jacobi“, lobt Finder, „einen Teil seiner Mitbürger dafür gewonnen zu haben.“

Konservative lösten sich nur zögernd von der Tradition

Juraten oder Kirchväter heißen damals die Kirchenvorstände. Kühl kann zwar die fortschrittlich gesonnenen Mitglieder seiner Gemeinde überzeugen, doch der konservative Teil löst sich nur zögernd von der Tradition. „Abgesehen von gewissen Eigentumsrechten der Bürger“, schreibt der Historiker, „kam noch hinzu, dass die Kirche, weil sie sich in ihrem Einkommen geschmälert sah, sich nur ungern in die Änderung der Bestattungswünsche fügte.“

Diese Wünsche haben sich über die Jahrhunderte auf ungewöhnliche Weise entwickelt: Prunk und Pracht der Abschiedszeremonien werden immer wichtiger, doch nach der Beerdigung kümmern sich selbst Angehörige kaum noch darum, was mit den Leichen der teuren Verblichenen weiter geschieht.

Gräber als Tummelplatz für ausgelassene Spiele

Seit dem 17. Jahrhundert werden die Trauerfeiern „immer großherrischer“. Es gibt „Fackeln und anderes Gepränge“, was „viel Unordnung und Unlust verursachte“. Die meisten Besucher „kamen ohne innere Anteilnahme, sie wollten nur ihre Neugier befriedigen und ließen sich den dargebotenen Rheinwein schmecken“. Immer wieder auch feuerte der Senat Verordnungen gegen „leichtfertige junge Burschen und Mädgens“ ab, die bei Beerdigungen „Gauckeleien und Possen-Spiele“ trieben, den Trauernden „Rauch aus Tabacks-Pfeifen ins Gesicht bliesen“ und auf „Diebes-Griffe beflissen waren“.

Waren die Toten aber halbwegs unter der Erde, fanden sie kaum noch Beachtung. Dann standen die Särge „so gesellschaftlich nebeneinander, als wären sie nur zur weiteren Beförderung notdürftig fürs Erste dort eingescharrt“. Schlimmer noch: „Der Verkehr flutete über den Leichenacker hin“, klagt Finder. „Der Jugend dienten die Gräber als Tummelplatz für ihre ausgelassenen Spiele, Hausfrauen benutzten sie zum Wäschetrocknen, Obrigkeit und Bürger gebrauchten sie wohl als Lagerplatz für Straßendreck.“ So scheint es denn kaum verwunderlich, dass nach einem Bericht des Hamburger Kirchengeschichtlers Nicolaus Staphorst viele die Gräber sogar „als einen geeigneten Ort ansahen, sich ihrer Unflätigkeit zu entledigen“.

Alle acht bis zehn Jahre wurden die Gräber ausgeräumt

Der pietätlose Missbrauch weckt nicht nur Ekel, sondern auch Sorge um die Gesundheit der Anwohner. Alle acht bis zehn Jahre werden die Gräber „gereinigt“, also ausgeräumt. Die teils noch gar nicht verwesten Leichenreste kommen ins Beinhaus, das Holz der Särge wird je nach Zustand an Tischler verkauft oder verbrannt. Weil dabei besonders im Sommer ein unerträglicher Gestank durch die Innenstadt wabert, dürfen die Totengräber nur noch im Winter an das krude Werk.

Trotz dieser katastrophalen Zustände gelingt es Jurat Heinrich Kühl und nach ihm auch anderen Kirchenfunktionären nur mit Mühe, ihre Gemeinden von der überfälligen Neuregelung zu überzeugen: „Abgesehen von den anfangs noch recht hohen Bestattungskosten“ in den neuen Friedhöfen am Dammtor, so Historiker Finder, „waren Herkommen und Überlieferung noch übermächtig, und nicht leicht wurde es manchem, religiöse Vorurteile zu besiegen.“

Denn: „Der Wunsch, nach dem Tode vereint mit seinen Vorfahren, Verwandten und Nachkommen im Schutz und Schirm der Kirche zu ruhen, überwog zunächst alle Bedenken und auch alle als stichhaltig anerkannten Gründe.“

Wohlhabende lassen sich Mausoleen ausmauern

Kühl wirbt mit dem Beispiel der alten Römer, die ihre Toten auch nicht an den Tempeln, sondern außerhalb der Wohngebiete an den Landstraßen beerdigten. Und dann macht der Senat endlich Druck: Am 12. September 1794 ordnet er an, die Friedhöfe vor die Stadtbefestigung zu verlegen. Dort erhält jede der fünf Hauptkirchen einen eigenen Grabbezirk mit einer Kapelle. Zuerst errichtet der Hamburger Architekt Johann August Arens die Petrikapelle als kleinen, schlichten Rundbau mit einer flachen Kuppel und symmetrisch angeordneten Anbauten.

Sie steht heute auf dem Messegelände an der St. Petersburger Straße. Andere folgen bald. Wohlhabende lassen sich Mausoleen ausmauern. Viele finden in Familiengräbern die letzte Ruhe. Handwerkszünfte frieden ihre Bestattungsplätze mit schmiedeeisernen Ketten ein. Die Grabmale wurden mit Inschriften, Ornamenten und Symbolen versehen.

Ein „schauderhafter Totengeruch“ in den Kirchen

Trotzdem bleiben Bestattungen in und an den Kirchen der Stadt noch etliche Jahre lang erlaubt. Am 1. Januar 1813 aber macht die französische Besatzung endgültig Schluss mit der frommen, aber unhygienischen Sitte. Heute erinnern nur noch Redensarten an den anrüchigen Brauch: „Steinreich“ ist jemand, der sich eine eigene Grabplatte leisten kann. „Stinkreich“ ist jemand, dessen Überreste in der Kirche Leichenduft verströmen, oft so stark, dass sogar die Zeitungen darüber schreiben: „In keiner der hamburgischen Kirchen kannst du einen schauderhafteren Totengeruch einatmen als in dem alten Dom“, urteilt ein Berichterstatter.

1877 siedelt Hamburg seine Toten nach Ohlsdorf aus

In St. Katharinen müssen sogar zwei zusätzliche Fenster eingebaut werden, um die Lüftung wenigstens ein bisschen zu verbessern: „Besonders litt das weibliche Geschlecht unter den giftigen Dünsten“, stellt Historiker Finder fest. „Ohnmachten, Erbrechen in der Kirche, dauernde Krankheiten waren die Folge, dem kommenden Geschlechte gereichten sie oft zu schweren Schädigungen.“

Als es 1877 auch am Dammtor zu eng wird, siedelt Hamburg seine Toten nach Ohlsdorf in einen neuen Zentralfriedhof aus. Die letzten Grabstellen werden von den Nazis eingeebnet. Heute stehen auf dem einst geweihten Boden die Ausstellungshallen der Hamburger Messe und der Park Planten un Blomen.