Klimaschutz

Gutachter: Beschränkungen für Kohlekraftwerk Wedel

Das steinkohlebetriebene Heizkraftwerk Wedel hat zwei Blöcke, die sich gegenseitig sichern.

Das steinkohlebetriebene Heizkraftwerk Wedel hat zwei Blöcke, die sich gegenseitig sichern.

Foto: Andreas Laible

Die alte Anlage aus den 1960er-Jahren solle nur noch ein eingeschränkt Kohle verfeuern dürfen. Ideen auch für Tiefstack.

Hamburg. Die Energienetz Hamburg eG hat den Senat aufgefordert, den Betrieb der alten und störanfälligen Kohlekraftwerks Wedel im Sommer einzuschränken. Das sei der "derzeit größte Klimaschutzhebel, den die Stadt umlegen könnte", sagte Genossenschaftsvorstand Matthias Ederhof bei der Vorstellung eines Gutachtens am Freitag. Etwaige Mehrkosten für den Verbraucher solle die Stadt tragen. Perspektivisch wäre zu erwägen, die Einschränkung auch auf das zweite Hamburger Kohlekraftwerk Tiefstack auszudehnen.

Das Öko-Institut in Freiburg hatte im Auftrag der Genossenschaft untersucht, ob ein eingeschränkter Betrieb des Kohlekraftwerks Wedel im Sommer sinnvoll und technisch machbar sei. Heraus kam die Empfehlung, das Kraftwerk im Sommer nicht abzuschalten, sondern das Budget der Kohle, die in der Anlage jährlich verfeuert wird, auf 60 Prozent der derzeitigen Menge zu begrenzen. Diese Festlegung von Obergrenzen lasse dem Betreiber Wärme Hamburg GmbH maximale Flexibilität und spare ca. 120.000 Tonnen CO2 im Jahr. In München werde bereits ein Kohlekraftwerk nach diesem Muster betrieben.

Tiefstack gleich mit einbeziehen?

"Zu überlegen ist, eine Obergrenze dann auch für Tiefstack einzuführen, damit nicht die in Wedel eingesparte Kohle in Tiefstack verfeuert wird", sagte Ederhof.

Wedel ist die zweitälteste Kohle-Anlage zur Erzeugung von Wärme und Strom in Deutschland und unter den größeren Anlagen die älteste. Entsprechend gering sind ihr Wirkungsgrad (35 Prozent) und ihre Rentabilität, massiv dagegen der CO2-Ausstoß, der um 50 Prozent höher liegt als bei fossilen Gaskraftwerken.

Gesetz verpflichtet die Stadt zum Handeln

Ederhof sieht die Empfehlung der Gutachter als "direkte Handlungsempfehlung für die am 23. Februar neu zu wählende Bürgerschaft" und beruft sich dabei auf das im Juni 2019 in der Bürgerschaft beschlossene Gesetz zur Reduzierung des Einsatzes von Stein- und Braunkohle in Kraftwerken schon vor dem endgültigen Hamburger Kohleausstiegsdatum im Jahr 2030. Wedel soll planmäßig 2025 vom Netz gehen, Tiefstack 2030. Die Betreiber, die erst seit 2019 wieder komplett in städtischer Hand sind, bräuchten "politische Vorgaben", sagte Ederhof.

Das Gutachten solle die Debatte "versachlichen" und Handlungsoptionen aufzeigen. So sei eine komplette Abschaltung der Anlage in Wedel während der Sommermonate nicht sinnvoll. Anlass für die Erteilung des Gutachterauftrags sei eine sehr emotionale Bürgerschaftsdebatte im Herbst 2019 gewesen, in der unter anderen die umweltpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Monika Schaar, behauptet habe, dass Wedel nur so gefahren werden könne wie es derzeit geschehe.

Nie erreichtes Maß an Transparenz

Ederhof dankte den Experten des Öko-Instituts und ausdrücklich auch der Wärme Hamburg GmbH für die schnelle und gute Kooperation. Sie sei eine erste Frucht der Rekommunalisierung der Stromversorgung, denn das erreichte Ausmaß an Transparenz beim Anlagenbetreiber sei ein Quantensprung im Vergleich zu früheren Projekten dieser Art.

Das Kraftwerk Wedel gilt vielen als "Dreckschleuder". Seine Abschaltung wird seit Jahren gefordert. Zuletzt hatte es Wirbel um ätzende Ascheregen aus den Schornsteinen der Anlage gegeben, die bei Autos von Anwohnern zu Lackschäden geführt hatten. Wärme Hamburg wird die Anwohner voll entschädigen - ohne freilich die eigene Schuld im juristischen Sinn anerkannt zu haben.