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Kraftwerk Wedel: Hamburg zahlt Bonus für Anwohnerschäden

Das Heizkraftwerk Wedel auf einer Archivaufnahme. Im Jahr 2025 soll es vom Netz gehen.

Das Heizkraftwerk Wedel auf einer Archivaufnahme. Im Jahr 2025 soll es vom Netz gehen.

Foto: Marcus Brandt / dpa

Der neue Eigentümer bietet plötzlich eine komplette Kostenerstattung für Lackschäden plus 2.000 Euro an. Die Hintergründe.

Wedel. In den Streit um Fahrzeugschäden von Anwohnern durch ätzenden Ascheregen aus dem Kraftwerk Wedel ist Bewegung gekommen. Die Stadt Hamburg als Eigentümer des Meilers hat nun ihr Entschädigungsangebot für betroffene Autobesitzer deutlich verbessert.

Volle Kostendeckung und 2.000 Euro extra für Neulackierung

War der Betreiber, die Wärme Hamburg GmbH, zuvor bereit, 80 Prozent der Neulackierung zu begleichen, bietet das Unternehmen nun an, die Kosten zu 100 Prozent zu bezahlen – und sogar noch 2000 Euro oben drauf zu packen. Bedingung: Für betroffene Autos dürfen danach keine Schadensersatzansprüche mehr geltend gemacht werden. „Das ist ein gutes Angebot“, sagt Kerstin Lueckow, Sprecherin der Bürgerinitiative.

Vorausgegangen war dem verbesserten Entschädigungsangebot nicht nur die Ablehnung des alten Hamburger 80-Prozent-Vorschlags durch die Wedeler Bürgerinitiative. Erst in dieser Woche hatte die neue Hamburger Wärmgesellschaft auch den Beginn einer Charmeoffensive angekündigt. Sie strebe ein besseres Verhältnis zu den Anwohnern des alten Kohlekraftwerks in Wedel an als der vorige Eigentümer Vattenfall.

Schäden sollen kulanter beglichen werden

In einem Brief an Anwohner, die in der Vergangenheit mit ihren Beschwerden kaum Gehör fanden, signalisierte die Wärme Hamburg GmbH einen Kurswechsel. „Wir wollen kulanter als bisher mit Meldungen über Verschmutzungen und Schäden umgehen“, hieß es. Schäden, bei denen Gutachter die Ursache im alten Kraftwerk sehen, sollen unkompliziert reguliert werden. Obwohl sich die rechtliche Einschätzung nicht geändert habe, schob Geschäftsführer Michael Beckereit hinterher. Ein eindeutiger Beweis für die Ursache sei noch nicht erbracht.

Während die beiden ersten Anwohner in Wedel, die in den Genuss dieser neuen Entschädigungspraxis kommen, zufrieden seien, wie Kerstin Lueckow sagt, ist für die Bürgerinitiative dennoch nicht alles eitel Sonnenschein. Denn der Gutachter, den die Stadt Hamburg für künftige Schadensaufnahmen an Anwohnerautos vorgeschlagen hat, habe zuvor für Vattenfall Gutachten erstellt. „Deshalb haben wir diesen Gutachter abgelehnt“, so Lueckow.

44 Anwohner machen Schäden geltend

Dass Anwohnern nun grundsätzlich kulantere Lösungen bei Lack- oder Hausschäden durch das Kraftwerk angeboten werden, sei indes „prima“. Zuvor hatte Hamburg-Wärme-Chef Beckereit schon gegenüber dem Abendblatt beteuert: „Wir wollen einen echten Neustart des nachbarschaftlichen Zusammenlebens.“ Dazu gehöre, dass alle Anwohnermeldungen der vergangenen zwei Jahre gewissenhaft aufgearbeitet werden. Momentan befinden sich 44 Anwohner in Wedel in einem solchen Verfahren.

Ausdruck der neuen Kulanz ist auch die Formulierung des Entschädigungsschreibens. Darin heißt es: „Ziel der Mandanten (Wärme Hamburg) ist es, dass die Auseinandersetzung … insgesamt, das heißt auch bezogen auf die Zukunft, erledigt wird.“ Im konkreten Fall wird deshalb nicht nur die Autolackierung in Höhe von 5412 Euro bezahlt, sondern ein Betrag von 7412 Euro.

Schleswig-Holstein hält Kraftwerksschäden für ausgeschlossen

Unterdessen sieht die schleswig-holsteinische Aufsichtsbehörde, das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR), weiterhin keinen Beweis für ätzenden Ascheregen aus den Kraftwerksschloten. In einer aktuellen Mitteilung heißt es, im Oktober 2019 seien zwei umfangreiche Untersuchungen beauftragt worden. Die Gutachten kämen zum Ergebnis, „dass keine Gesundheitsgefahren bestehen und eine Schädigung von Autolacken und Glasdächern durch Partikel nicht nachgewiesen werden kann“. Gleichwohl habe sich Umweltminister Jan Philipp Albrecht mit Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (beide Grüne) auf die neue, kulante Schadensregulierung verständigt.