Ernst Deutsch Theater

Bertini-Preisverleihung in Hamburg mit Gänsehaut-Moment

Junge Menschen mit Zivilcourage und Tatkraft: die 96 Bertini-Preisträger  auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters.

Junge Menschen mit Zivilcourage und Tatkraft: die 96 Bertini-Preisträger auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters.

Foto: Marcelo Hernandez

Sie halten die Erinnerung an den NS-Terror wach: 96 Schüler von vier Projekten wurden mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet.

Hamburg. Geprickelt hat es vor Aufregung, als er auf die Bühne kam, erzählt Benjamin Schnackenburg. Der 15-Jährige, der im Rollstuhl sitzt, hat zusammen mit seinen Mitschülern aus der 9c der Ida-Ehre-Stadtteilschule 2019 das Theaterstück „Wir wären alle nicht hier“ aufgeführt, unter anderem in der Apostelkirche auf großer Bühne – ein selbst entwickeltes Stück über Menschenrechte. Da wurde es sehr schnell sehr persönlich. Denn in der Klasse gibt es sieben Inklusionsschüler mit besonderem Förderbedarf.

Als sie sich mit dem Thema befassten, wurde ihnen klar, welche Bedeutung die Menschenrechtskonvention, die die gemeinsame Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder einfordert, für ihr eigenes Leben hat. Und sie fragten sich, ob sie den Mut finden würden, sich vor großem Publikum als Förderschüler zu offenbaren. Am Ende des Stückes bekennen die sieben dann tatsächlich: „Wir wären alle nicht hier.“ Ein Gänsehaut-Moment.

Ein besonderer Tag für die Verleihung

Den gab es auch am Montag im Ernst Deutsch Theater, als Benjamin Schnackenburg und seine 20 Mitschüler auf der Bühne für ihr Theaterstück mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet wurden. Und wieder hat es geprickelt. Die Klasse habe „eine sehr persönliche und politisch beeindruckende Szenenfolge geschaffen“, sagte Laudator Hanno Billerbek vom Kirchenkreis Hamburg-Ost. Der Bertini-Preis für junge Menschen mit Zivilcourage würdigte zum 22. Mal Projekte gegen Vergessen und Ausgrenzung und für ein mitmenschliches Mit­einander.

Es war ein besonderer Tag für die Verleihung: der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. „Wir gedenken an eine Zeit, in der von Deutschland aus Krieg und Gräuel in die Welt getragen worden sind“, sagte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). „Heute sehen wir unsere historische Verantwortung nicht nur darin, an diese Gräuel zu erinnern, sondern auch, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit entschlossen entgegenzutreten.“ Der Nationalsozialismus sei damals nicht über Nacht da gewesen, sondern habe sich über einen längeren Zeitraum in der Gesellschaft ausgebreitet. „Die wichtigste Botschaft lautet deshalb auch heute: Wehret den Anfängen, seid wachsam!“, so Tschentscher.

Erinnerungen an Ralph Giordano

Isabella Vértes-Schütter, Intendantin des Theaters und Vorsitzende des Vorstands der Bertini-Stiftung, erinnerte an Ralph Giordano, nach dessen Roman der Preis benannt ist. „Ralph Giordano hat gesagt: ,Mein Kompass ist Auschwitz.‘ In diesen vier Worten hat er zusammengefasst, was er tat und warum er es tat.“ Für Giordano und seine Familie sei Auschwitz nicht abstrakt gewesen, sondern eine reale Bedrohung. „75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers beobachten wir ein Wiedererstarken des Antisemitismus“, konstatierte Isabella Vértes-Schütter. „Die Stimme von Giordano fehlt.“

Der Bertini-Preis zeige, dass junge Menschen in Hamburg dort hinschauten, „wo Menschenrechte mit Springerstiefeln getreten werden“, sagte Bischöfin Kirsten Fehrs in ihrer Festrede. Das sei ein Hoffnungszeichen – gerade am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. „Als sie die Tore des Konzen­trationslagers mit dem zynischen Spruch ,Arbeit macht frei‘ vor 75 Jahren öffneten, schauten die Soldaten der Roten Armee direkt in die Hölle.“

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Sich berühren zu lassen von der Erinnerung an die Grausamkeit, die Trauer und den Schmerz, „bis auf die Herzhaut“, das sei die Herausforderung an diesem 27. Januar. Den Preisträgern sagte Fehrs: „Ihr habt uns bewegende Projekte gegeben, die unsere Herzhaut berühren. Wir brauchen eure Stimme, eure Mahnung, euer Hinsehen.“ Dem erstarkenden Antisemitismus setzte sie das Lied von Udo Lindenberg entgegen: „Stell dir vor, es ist Frieden, und jeder geht hin.“

Ausgezeichnet wurden auch 19 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Süderelbe, die an 500 inhaftierte Frauen im KZ-Außenlager Neugraben erinnerten. Das inzwischen zerstörte Lager liegt keinen Kilometer von ihrer Schule entfernt, trotzdem wussten die meisten Schüler kaum etwas darüber. Das wollen die Preisträger ändern: Sie verfassten einen Wikipedia-Eintrag, produzieren einen Dokumentarfilm und wollen die Geschichte des KZ-Außenlagers im Lehrplan ihrer Schule verankern.

Musik-Theaterstück erinnert an ermordete Kinder

Beachtliche Tatkraft zeigten auch die 27 Schüler der Stadtteilschule Bergedorf, die an die Ermordung von 56 Kindern im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort erinnern. Seit Längerem war eine Gedenkstätte geplant, wie Laudatorin Barbara Hartje vom Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme erzählte. Als die Immobiliengesellschaft eine Erinnerungsstätte auf dem Gelände der ehemaligen Klinik ablehnte, schufen die Schüler kurzerhand einen Gedenkort mit einem Kinderbett, Steinen und schwarzen Schatten neben dem Gebäude im öffentlichen Raum. Dazu entwickelten sie ein Musik-Theaterstück, das auf berührende Weise an die ermordeten Kinder erinnert und sich auch mit dem Umgang mit Behinderten heute befasst.

Tabus brechen und sich gegen überkommene Rollenbilder zur Wehr setzen wollten die 30 Schüler des Helmut-Schmidt-Gymnasiums mit ihrem Theaterprojekt „Halimahs Erwachen – lieber tot als ehrenlos!“. Der Titel geht zurück auf den Satz eines Vaters, der seine Tochter lieber ertrinken ließ, anstatt sie von einem männlichen Rettungsschwimmer anfassen zu lassen. Zwei Jahre lang haben die Jugendlichen an dem mehrteiligen Theaterstück gearbeitet und auch Erfahrungen aus ihrem Freundeskreis mit einfließen lassen. Es greift Themen auf wie Sexualität und Ehrvorstellungen, Zwangsheirat, Ehrenmord und Homosexualität. Der Preis für jede der vier Schülergruppen ist mit 2500 Euro dotiert.

Die Preisträger:

Grauen vor der Tür – Schüler recherchierten zu KZ-Außenlager

In der Nähe des Gymnasiums Süderelbe am Falkenbergsweg liegt das Gelände des ehemaligen KZ-Frauenlagers Neugraben. Zwischen 1944 bis 1945 wurden dort 500 jüdische Zwangsarbeiterinnen aus Tschechien festgehalten. Wo damals Holzbaracken standen, verweist heute nur noch ein unscheinbarer Gedenkstein auf freiem Gelände auf das ehemalige Außenlager des KZ Neuengamme.

Die 19 Schüler des Profils „Kultur und Sprache“ stellten nach einer Umfrage unter Schülern fest, dass kaum jemand etwas über dieses Lager weiß – obwohl es direkt vor der Tür liegt. Das wollten sie ändern. Die Schüler des Gymnasiums Süderelbe recherchierten und verfassten einen langen Wikipedia-Eintrag zum KZ-Außenlager Neugraben und zu einigen Insassinnen. Sie setzen sich dafür ein, dass das Thema im Geschichtsunterricht behandelt wird, planen neue Hinweisschilder und haben mit Filmemacher Ulrich Raatz erste Gespräche geführt, denn sie wollen einen Dokumentarfilm über das Frauenlager produzieren. „Dieser grausame Teil der Geschichte darf einfach nicht unter den Teppich gekehrt werden“, sagt Nikolina Tokovic. pet

„Halimahs Erwachen“: Ein Theaterstück greift Tabuthemen auf

Zwangsheirat, Ehrenmord und Homosexualität sind Tabuthemen, an die sich 30 Schüler des Helmut-Schmidt-Gymnasiums in Wilhelmsburg in ihrem Theaterprojekt „Halimahs Erwachen“ herangewagt haben. Auf der Basis klassischer Literatur, wie etwa „Frühlingserwachen“ von Frank Wedekind, haben die Schüler des Medienprofils und der Theater-AG, von denen viele aus muslimischen Familien stammen, ein Drama entwickelt, das an heutige Realitäten anknüpft.

Im Mittelpunkt steht das aufgeweckte Mädchen Halimah, das sich gegen seine Zwangsverheiratung wehrt. Und der homosexuelle Bruder, der nach außen die Ehre der Familie verteidigen soll. Die Schüler haben aus dem Stoff ein Theaterstück mit zwei weiteren Varianten gemacht und alle in Wilhelmsburg aufgeführt. Zudem veranstalteten sie Poetry Nights und Diskussionen zu dem Thema. „Unser Ziel war es, einen Diskurs anzuregen“, sagt Hewi Amin (19). Das ist den Jugendlichen, die inzwischen ihr Abitur gemacht haben, gelungen. „Viele Zuschauer waren froh, dass wir diese Themen angeschnitten haben“, sagt Muhamed Emin Seketag (20). pet

Ermordung von 56 behinderten Kindern in Rothenburgsort

Während der NS-Zeit wurden im damaligen Kinderkrankenhaus Rothenburgsort mindestens 56 behinderte Kinder mit einer Überdosis des Medikamentes Luminal ermordet. Verabreicht von jungen Ärztinnen, die der Ideologie des NS-Regimes folgten, das angeblich lebensunwertes Leben vernichten ließ.

Als die Profilklasse MuT – Musik und Theater der Stadtteilschule Bergedorf – von den grausamen Ereignissen erfuhr, beschlossen die 27 Schüler, ein Stück dazu zu machen. Als Vorlage diente ein Musical zu dem Thema von Dirk Schattner. Die Jugendlichen vertieften in ihrem Musik-Theater-Stück den Blick auf die historischen Ereignisse und thematisierten auch den Umgang mit Behinderungen heute. Thematisiert wird beispielsweise auch die mögliche Abtreibung von Babys mit Trisomie 21.

Ihr Stück „Das Kinderkrankenhaus von Ro­thenburgsort“ führten sie mehrmals erfolgreich auf. Zudem gestalteten sie eine Installation, die als temporärer Gedenkort vor dem Gebäude der ehemaligen Kinderklinik eingeweiht wurde. „Wir wollen die neuen Zeitzeugen sein, damit die Verbrechen nicht vergessen werden“, sagt Mattes Ilgner (15). pet

„Wir wären nicht hier“: Persönliches Stück über Menschenrechte

48 beschlossen die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in 30 Artikeln. Das Recht auf Selbstbestimmung oder Bildung soll für jeden Menschen gelten. Doch wie ernst werden Menschenrechte heute genommen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Klasse 9c des Theater-Musik-Profils der Ida-Ehre-Stadtteilschule und entwickelte das Stück „Wir wären alle nicht hier“.

Die 21 Schüler stellen darin einzelne Menschenrechte vor und erwähnen Fälle von aktuellen Menschenrechtsverletzungen im In- und Ausland. Und dann wird es sehr persönlich: Weil zu der Klasse sieben Schüler mit Förderstatus gehören, legen sie zudem einen Schwerpunkt auf den Artikel 24 der UN-Konvention, der das Recht der Menschen mit Behinderung auf Bildung und auf Inklusion festschreibt.

„Ohne diesen Beschluss wäre ich nicht an einer Regelschule“, sagt Benjamin Schnackenburg (15), der im Rollstuhl sitzt. Er und die sechs weiteren Förderschule der Klasse hatten den Mut, sich auf der Bühne in der Apostelkirche Eimsbüttel als solche zu outen und damit das Gelingen von Inklusion sichtbar zu machen. pet