Holocaust-Gedenken: Warum Auschwitz immer bleibt

75 jahre Befreiung des KZ Auschwitz: Eine Erlebnisreportage von Jan-Eric Lindner

75 jahre Befreiung des KZ Auschwitz: Eine Erlebnisreportage von Jan-Eric Lindner

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Vier Abendblatt-Redakteure besuchten den Tatort des größten Verbrechens der Menschheit. Was macht der Ort mit einem?

Nur wenige Wochen nach ihrer Befreiung am 27. Januar 1945 kehrten einige der wenigen Überlebenden an den Ort des Grauens zurück. Die, die damals kamen, beschlossen, dass aus Auschwitz ein Ort des Erinnerns werden solle, ein Mahnmal und Gedenkort.

Dass man es nicht abreißen, dem Erdboden gleichmachen und die kollektive Erinnerung am besten auslöschen solle. Sie selbst würden sie sowieso nie loswerden. Seit Juli 1947 ist Auschwitz offiziell eine Gedenkstätte. Was wusste ich, 21 Jahre und einen Monat danach geboren, über diesen Ort, bevor ich herkam?

Auschwitz: Die Geschichte ist so nah

Nicht viel mehr – das gebe ich zu – als das, was alle wissen. Obwohl der Weltkrieg natürlich auch in meiner Familie tiefe Spuren hinterlassen hat, wollte und musste ich mich mit diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte nie eingehender beschäftigen. Und so wie mir geht es wohl den Allermeisten. Schulwissen, Medienwissen, wenige Bücher, einige Dokumentationen, Berichte Überlebender, nicht begreifbare Bilder des Leids – das war es, was Auschwitz für mich darstellte.

Seitdem ich dort war, ist mir um so klarer, dass die Geschichte dieses Ortes nicht so weit von mir – von uns – weg ist, wie ich dachte. Die Überlebenden von damals haben somit nicht nur für die hunderttausenden Getöteten Wichtiges geleistet. Auch den nachfolgenden Generationen haben sie einen unschätzbar großen Dienst erwiesen.

Die SS führte 900.000 Menschen in den Tod

Auschwitz-Überlebende: "Ich will meine Seele nicht mit Hass beschmutzen"
Auschwitz-Überlebende: "Ich will meine Seele nicht mit Hass beschmutzen"

Ich war, aus bereits genannten Gründen, skeptisch, als ich gebeten wurde, über Auschwitz zu schreiben. Habe ich überhaupt eine Chance, Opfern gerecht zu werden? Ist es nicht vermessen, dort einfach hinzugehen und aufzuschreiben, was man sieht – in der Hoffnung, dass es dem Unbeschreiblichen gerecht werde?

Im Lager Auschwitz II, Birkenau, führte die SS 900.000 Menschen in den Tod, und dies mehr oder weniger direkt nach deren Ankunft in überfüllten Güterzügen. 210.000 dieser Menschen waren Kinder. Im Arbeitslager Auschwitz I registrierten sie 400.000 Häftlinge und setzten sie schier unmenschlichen Qualen und Erniedrigungen aus.

Auf 7000 Überlebende trafen die Truppen der russischen Armee, als sie das KZ am 27. Januar 1945 befreiten. Außer knapp 200 Menschen, denen in den Jahren der Existenz des KZ die Flucht gelang, sind sie die einzigen, die die Hölle von Auschwitz überlebten. Die anderen starben an Zyklon B, als sie glaubten, zum Duschen geführt zu werden. Oder an Phenolspritzen ins Herz, oder an Hunger, Kälte, Schüssen und allen Arten von Krankheiten.

Auch als wir, die Journalisten aus Hamburg, Auschwitz besuchen, ist es schneidend kalt. Leichte Minusgrade, kräftiger Wind. „Der weht hier fast immer“, sagt Janusz Wlosiak, unser Guide. Führer wollen wir ihn hier nicht nennen. Er ist Geschichtslehrer und begleitet seit vielen Jahren Gruppen über das ebene Gelände mit seinen Baracken, zerstörten Krematorien, dem Knochenteich und dem Tor zur Hölle, das man von den Fotos kennt.

So wenige Tage vor dem Befreiungsjubiläum ist es nicht zu sehen. Monteure haben ein großes Zelt darüber aufgestellt, in dem am Montag die Feierlichkeiten stattfanden. Mit dabei: Viele der verbliebenen Auschwitz-Überlebenden sowie Staatsrepräsentanten aus aller Welt.

Janusz Wlosiak ist kein Mann, der viele Worte benutzt, wenn er Besucher in die Baracke 4 bringt, die der Ausbeutung der toten Körper gewidmet ist. „Exploiting the corpses“ steht auf dem Schild an der Tür.

Vier- oder Fünfjährige auf dem Weg zur Hinrichtung

Er weiß, dass Dinge, Räume, Relikte und Bilder hier für sich sprechen. Wie die Haare von 40- bis 60.000 Frauen und Mädchen, die – noch – hinter Glas in der Baracke zu sehen sind, aber langsam zerfallen. „In acht Jahren werden sie nur noch Staub sein“, sagt der Geschichtslehrer.

Alle Versuche, die gewaltige Menge an Zöpfen und Strähnen auch darüber hinaus zu konservieren, haben sich als untauglich erwiesen. Anders die Teppiche, die in deutschen Fabriken aus Frauenhaar gewebt wurden. Sie haben Bestand. Qualitätsarbeit. Gruppen flanieren stumm an den Zeitdokumenten vorbei, augenscheinlich gelingt es den meisten Auschwitz-Besuchern nicht, zu begreifen, was sie sehen. Zu monströs, zu weit außerhalb des Denk- und Fassbaren ist das, was hier geschah.

Wlosiak weiß auch, dass die Bilder der Kinder bei fast allen Besuchern die heftigsten Reaktionen auslösen. Fotos zeigen Vier- oder Fünfjährige, die auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung sind, an der Hand der Mutter. Drei Brüder, Hand in Hand, der Älteste in der Mitte. Mütter, die ihre Babys in die Gaskammer tragen. In einem Haufen hunderter, mit Namen beschriebener Stücke Reisegepäcks sind viele Kinderkoffer, auf die Namen geschrieben wurden.

Müssen wir alle mehr tun? Natürlich!

Ein Koffer gehörte zu einem Mädchen mit dem Namen Luria Marie, ein anderer dem „Waisenkind Nr. 615“. Ein kleines Leinenhemdchen ähnelt der Kleidung, die meine Töchter im Säuglingsalter trugen.

Kleidung, wie es sie heute so ähnlich in Hamburgs netten Kinderboutiquen gibt. Hinter Glas liegt ein Haufen Kinderschuhe, Tausende. Und viele davon haben in etwa die Schuhgrößen meiner Töchter. Die Kinder, die diese Schuhe trugen, sind in der Gaskammer gestorben, industriell getötet. Hier. Beim Anblick dieses Haufens Schuhe, wie sollte es anders sein, denke ich lange an meine drei Mädchen, die zu Hause angstfrei Uni, Schule und Kita besuchen.

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Muss ich mehr dafür tun, dass sich ein solches Verbrechen nie wiederholt, dass die Zukunft meiner Kinder so – weitgehend – friedlich bleibt, wie unser Leben jetzt ist? Natürlich. Wir alle müssen das.

Eine Mail kündigt eine Nazi-Demo in Harburg an

Während wir hier in Auschwitz sind, erreicht mich eine Mail, in der steht, dass bundesweit bekannte Neonazis am 1. Mai in Harburg auf die Straße gehen wollen. Holocaust-Leugner, Judenhasser, Herrenmenschen von eigener Gnade, Rassisten, Ewiggestrige. Sie erreicht mich, weil ich seit mehreren Jahren in der Harburger Redaktion des Hamburger Abendblattes arbeite.

Die Nachricht macht mich traurig. Und wütend. Ich werde, sollte es denn wirklich so kommen, ebenfalls auf die Straße gehen, weil es das Mindeste ist, was man tun kann. Und denke, dass doch nicht zu leugnen ist, was man hier sieht. Ich wünschte, man könnte die Teilnehmer der zu erwartenden Demo zwingen, den Ort zu besuchen, an dem wir gerade stehen.

Wir waren die Täter

Steinmeier in Yad Vashem: Das Böse zeigt sich heute in neuem Gewand
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Der „Todesblock“, Baracke 11, ist in weiten Teilen so belassen, wie die russischen Befreier ihn vorfanden. Die Strohlager im Erdgeschoss, die Hungerzellen im Keller, die Zelle mit dem winzigen Loch nach draußen, in der unzählige Menschen eingepfercht waren und die dort einer nach dem anderen erstickten, die Verschläge, in die die SS-Männer nackte Opfer zwangen, in denen die so Gedemütigten tage- und nächtelang in dunkler Kälte zu stehen hatten, bevor sie dann getötet wurden.

Vermutlich würde nicht einmal der Blick dieser Schreckensorte die Verblendung jener schmälern, die sich nun für den 1. Mai in Harburg angemeldet haben. Weil es ohnehin irrationale Ängste sind, auf deren Basis ihre Ideologie beruht. Fakten stören da nur. Das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte? Pah! Halb so schlimm? Wir hatten schließlich recht? Nein, das hatten wir nicht, nicht mal ansatzweise. Wir waren die Täter. Das darf man nie vergessen oder verdrängen.

Hier unten im Keller frage ich mich, welchen Sinn die Täter darin sahen, ihre Opfer noch so zu quälen. Als sei es nicht Folter genug gewesen, an diesem unwirtlichen Ort eingepfercht zu sein und auf den Tod zu warten, wie auch immer er kommen würde.

„Die Enkel fragen ihre Großeltern nach dem Krieg“

Janusz Wlosiak berichtet uns, dass die Besucherzahlen der Gedenkstätte in den vergangenen Jahren stetig und deutlich gestiegen seien. „Die Enkel fragen ihre Großeltern nach dem Krieg“, sagt Wlosiak. „Häufiger, als es die Kinder der Nachkriegsgeneration getan haben.“ Sie zeigen mehr Interesse an dem dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit. Das hat, denke ich, Gründe.

Die Generation der heute um die 50-Jährigen war jung, als der Weltkrieg noch in den Köpfen ihrer Eltern wohnte. Viele unserer Eltern hatten noch eigene Erinnerungen an Bomben, Flucht, Not und eigenes Leid, dass die Nazizeit ja unzweifelhaft auch den Menschen bescherte, die Hitler zur Weltherrschaft führen wollte. Die Großeltern sowieso.

Und viele von ihnen wollten einfach nur vergessen, was zwischen 1939 und 1945 geschah. So haben wir gelernt, dieses Thema eher in den Hintergrund zu drängen – und neigen nun dazu, es uns in unseren Leben gemütlich zu machen.

Wächst die junge Generation wacher auf?

Zudem ist unsere Generation in einem Konsens darüber aufgewachsen, dass Totalitarismus ins Verderben führt. Wer das anders sah, stand weit am Rand der Gesellschaft. Heute bröckelt dieser Konsens. Weil wir zu leise sind? Die Stimmen derer, die den Hass als politisches Mittel für salonfähig halten, die ausgrenzen statt integrieren wollen, werden nicht nur in Deutschland spür- und sichtbar lauter.

Das lässt aber offensichtlich – und zum Glück – auch die jetzt junge Generation wacher erwachsen werden. Daran glaube ich fest.

Und so sehe ich auch die Kinder und Jugendlichen in den unzähligen Schulklassen, die durch die Birkenau-Baracken geführt werden. Die Gesichter sind ernst. Einmal durch das Tor getreten, vergessen selbst die pubertierenden Jungs das Kaspern. So eindringlich sind die Bilder und Relikte, zu plastisch wird das Leid der Hunderttausenden, von denen viele nur ein paar Stunden überlebt haben, andere Monate oder Jahre.

Eine Eisschicht liegt über dem Knochenteich

Im Schnitt starben die Insassen von Auschwitz I nach drei bis sechs Monaten, in Auschwitz II – Birkenau– überlebten sie kaum ein paar Stunden.

Janusz Wlosiak schweigt, als wir am Knochenteich stehen, auf dem sich eine dünne Eisschicht gebildet hat. Ein kleiner, runder Teich, dessen Anblick, auch ihn offensichtlich noch immer bewegt. Gebeine Tausender Toter sind in den Tümpel nahe der Krematorien gekippt worden.

Russische Befreier berichteten, dass die Umgebung aussah, wie eine Winterlandschaft – weiß von der Asche der Leichen. 1440 Körper schafften die Öfen pro Tag. Zu wenig für die Tötungsmaschinerie der Nazis, weshalb weitere Körper einfach auf Lichtungen im Wald aufgehäuft und vernichtet wurden.

Zwei Seiten dokumentieren Tote mit meinem Nachnamen

In Auschwitz hängt das „Book of Names“, das Buch der Namen von Millionen Holocaust-Opfern. Auf knapp zwei Seiten tragen die Toten meinen Nachnamen. Ich kannte diese Menschen natürlich nicht, bin vermutlich nicht verwandt mit ihnen. Obwohl es viele Dutzend sind. Dennoch schafft die Namensgleichheit ein Gefühl von Nähe.

Nein, Auschwitz ist nicht weit weg von uns. Wer sich nicht besonders für Geschichte interessiert, sollte herkommen. Der Besuch wird vieles in ihm ändern. Ich werde meinen Teil dazu tun, dass der Hass nicht weiter wächst. Auschwitz bleibt. In unserer Weltgeschichte wie auch im Kopf.