Stadtentwicklung

„Ich beobachte eine Unkultur, gegen alles zu sein“

St. Pauli, hier im Bild die Wohlwillstraße und der Paulinenplatz, war lange Sanierungsgebiet.

St. Pauli, hier im Bild die Wohlwillstraße und der Paulinenplatz, war lange Sanierungsgebiet.

Foto: Michael Rauhe

Die Steg Hamburg wird 30 Jahre alt. Als Projektentwickler hat sie ganze Stadtteile geprägt – von St. Pauli bis zum Gängeviertel.

Hamburg. Vor 30 Jahren gründete die Stadt Hamburg die Stadtentwicklungsgesellschaft Steg. Inzwischen ist daraus ein mittelständisches Unternehmen geworden, das die Entwicklung von Quartieren und Stadtteilen vorantreibt. Der geschäftsführende Gesellschafter Martin Brinkmann und Gesellschafter Hans-Joachim Rösner sprechen über Stadtentwicklung.

Hamburger Abendblatt: Seit drei Jahrzehnten kümmert sich die Steg um Stadtentwicklung – wo sehen Sie die großen Veränderungen?

Hans Joachim Rösner: Heute haben wir ganz neue Schauplätze: Vor 30 Jahren ging es nicht um Wohnungsneubau, sondern um Sanierungsgebiete und Altbauinstandsetzungen. Heute reden wir über Stadterweiterung und ganz neue Stadtteile wie Oberbillwerder.

Martin Brinkmann: Das Themenfeld ist viel breiter geworden – heute muss Stadtentwicklung auch die Themen Kultur, Bildung und Sport integrieren. Die zentrale Frage lautet: Wie können die Menschen in ihrem Kiez eine Heimat finden? Da konzentrieren wir uns automatisch weniger auf die innere Stadt und mehr auf Neubaugebiete oder alte Ortszentren, die in die Jahre gekommen sind. Ich hätte erwartet, dass Sie anmerken, dass vor 30 Jahren das Bauen viel einfacher war ...

Rösner: Das ist leider tatsächlich so. Wir reden seit Jahren über die Beschleunigung von Bauvorhaben und erleben das Gegenteil. Wir haben eine überlastete Bauverwaltung, weil in den Behörden ganze Stäbe abgeschafft worden sind. Das kann man leider nicht so schnell ändern. Aber es ist natürlich auch ein Problem, dass es kaum noch ein Bauvorhaben ohne Widerstände und Klagen gibt. Wir kennen Projektentwickler, die aus Angst vor Widerstand ein Vorhaben gar nicht mehr angehen.

Was kann man dagegen tun?

Rösner: Wir versuchen das mit einer sehr frühzeitigen Kommunikation, müssen aber selbst erfahren, dass es nicht verhindert, dass sich im sehr späten Stadium Widerstand regt.

Sie sprechen vom Paulihaus, das Sie als Baugemeinschaft entwickeln und selbst nutzen wollen.

Rösner: Ja, wir sind vor viereinhalb Jahren damit in die Öffentlichkeit gegangen, und keiner hat sich darum geschert. Das hat uns auch nicht gewundert, weil die Budapester Straße nun wirklich keine A-Lage ist. Im letzten halben Jahr ist für uns sehr überraschend der Protest losgebrochen. Er richtet sich gegen unser Unternehmen, das in der Vergangenheit zu 95 Prozent geförderten Wohnungsbau realisiert hat und seit Beginn im Schanzenviertel ansässig ist. Wir sind das falsche Ziel. Leider gibt es inzwischen Vorbehalte gegen jede Veränderung auf St. Pauli. Ich beobachte eine Unkultur, gegen alles und jedes zu sein.

Brinkmann: Manche wollen zu einem Zustand zurück, den sie nie kennengelernt haben. Vor 30 Jahren war das Schanzenviertel runtergewirtschaftet. Dann ist zur Verbesserung der Gesamtsituation viel Geld in Sanierungen, Schulen, Kitas, Sportflächen geflossen. Nur durch die Stadterneuerung ist die Schanze das geworden, was die Menschen heute lieben. Das will heute nur keiner mehr hören. Selbst der Begriff „Aufwertung“ ist inzwischen negativ besetzt.

Die Sanierungsgebiete haben das Antlitz der Stadt verändert. Wäre das heute noch ein gutes Mittel der Stadtentwicklung?

Brinkmann:Ja, davon bin ich überzeugt. Die Wohlwillstraße mit ihrem Mix aus Wohnen und Gewerbe oder Ikea in Altona zeigen ja, was Sanierungsgebiete können. Hätten wir dieses gesetzliche In­strumentarium in den vergangenen Jahren häufiger angewandt, gäbe es manche Probleme nicht: So lassen sich nämlich der Grundstückshandel wie Mietverträge kontrollieren, und es gibt ein gemeinsam abgestimmtes Entwicklungskonzept. Deshalb weisen andere Bundesländer wieder neue Sanierungsgebiete aus.

Rösner: Sanierungsgebiete sind und bleiben eines der besten Instrumente zur Stadtentwicklung.

In Hamburg gibt es nur noch ein Sanierungsgebiet, das Gängeviertel ...

Rösner: Das ist auf einem guten Weg. Nach vier Jahren haben wir nun erfolgreich einen Erbbaurechtsvertrag ausgehandelt. Seit drei Monaten verhandeln wir über die nächste Bauphase. Die großen Brocken sind aus dem Weg geräumt, neun Objekte sind noch zu sanieren. In zehn Jahren sind wir mit dem Thema durch.

Die Kernfrage bei der Stadtentwicklung lautet: Wie schaffen wir es, die Menschen mitzunehmen, ohne Bauvorhaben Jahre auszubremsen?

Rösner: Wir müssen informieren, was entstehen soll, und klar sagen, welche Mitsprachemöglichkeiten möglich sind. Nicht jede Nutzung lässt Beteiligung zu. Beim Wohnungsbau kann man über die Architektur und das Bauvolumen reden, aber nicht über die Nutzung. Teilweise werden Mitspracherechte suggeriert, die es gar nicht gibt. Und das erzeugt dann Frustrationen. Ich sehe noch ein weiteres Problem: Wir müssen schauen, dass wir die Bezirkspolitik nicht ins Abseits führen. Die Politiker sind demokratisch legitimiert, für die Gemeinschaft zu entscheiden. Wenn wir immer neue Beteiligungsforen oder Bürgerentscheide an ihre Stelle setzen, stellen wir diese Politiker infrage. Es ist aber demokratischer, gewählte Politiker entscheiden zu lassen als eine kleine Gruppe lauter Aktivisten. Im Bezirk Mitte etwa reichen 2000 Stimmen von 200.000, um Bauvorhaben für mindestens sechs Monate auf Eis zu legen.

Brinkmann: In Hamburg ist konkret der Bau preiswerter Wohnungen an der Dorotheenstraße durch ein Bürgerbegehren verhindert worden, obwohl es in der Stadt ein übergeordnetes Interesse am Wohnungsbau gibt.

Auf St. Pauli hat die Stadt im Paloma-Quartier sehr viel Mitsprache ermöglicht, was als Modell gilt. Leider findet sich nun keine Baugemeinschaft. Baut man ein Wolkenkuckucksheim, aber kein Haus?

Rösner: Das kommt am Ende dabei raus, wenn man zu viel will. Der Prozess steckt voller guter Absichten, aber führt leider im Ergebnis dazu, dass am Ende keiner mehr bauen möchte. Oder die Anforderungen werden so in die Höhe geschraubt, dass die Verdichtung extrem wird. Am Ende muss es vielleicht die Stadt reparieren, mit dem Geld der Steuerzahler.

Wird das Paloma-Viertel so gebaut?

Brinkmann: Es wird am Ende gebaut. Die Frage ist nur, wer es macht.

Gerade wurde der Campus Steilshoop eingeweiht, den Sie mitgeplant haben. Hier kommen Bildung, Sport und Soziales zusammen, ein Jugendzentrum, Familienhilfe, Volkshochschule und Bücherhalle sind unter einem Dach. Ist das ein Modell für andere Stadtteile?

Brinkmann: Ja, das wäre auch eine Forderung an die Politik. Wir müssen in vielen Stadtteilen Orte schaffen, die zu einem Treffpunkt für die Menschen werden. Früher haben das oft Kirchen oder Vereine geleistet, aber die sind teilweise weggefallen. Wenn man Schulen und Stadtteilzentren gemeinsam betreibt, kann man Synergien haben.

Rösner: Für die Stadt ist das immer von Vorteil: Es ist finanziell klüger und effi­zienter, verschiedene Einrichtungen unter einem Dach zu bündeln.

Brinkmann: Im Mittelpunkt muss aber der Nutzen für die Gesellschaft stehen, es geht um Offenheit, um Kennenlernen, um das Zusammenwachsen von Stadtteilen aktiv zu fördern. Das ist Community Building. Das betrifft gerade wachsende Viertel: Neugraben beispielsweise steigert seine Bevölkerungszahl von rund 26.000 Einwohnern 2015 auf etwa 36.000 bis 2030. Dort haben wir mit dem Bildungs- und Gemeinschaftszentrum Süderelbe einen neuen Treffpunkt mit Kita, Sport und Kultur geschaffen. In Zukunft sollten wir uns fragen: Wo werden zum Beispiel neue Schulen gebaut, wo Sportanlagen erweitert oder Kultureinrichtungen geschaffen? Dort kann man ansetzen und die Funktionen zum Treffpunkt erweitern.

In Hamburg sind im Rahmen der Wohnungsbauoffensive viele Quartiere entstanden, wo ein solches Konzept fehlt, etwa im Othmarschen Park oder der Neuen Mitte Altona.

Brinkmann: Manche Ideen brauchen länger, sich durchzusetzen. Hier ging es vor allem erst einmal darum, Wohnungen zu bauen. Da ist vieles zu kurz gekommen. Die Quartiersentwicklung muss das jetzt nachholen – in Othmarschen etwa kann das neue Krankenhaus Altona diese Treffpunkt-Funktion übernehmen. Auch in der Science City Bahrenfeld sehen wir diese Chance. In Oberbillwerder wird dieser Gedanke frühzeitig in der Planung übernommen.

Blicken wir in die Zukunft: Welche Wünsche haben Sie für Hamburg?

Brinkmann: Die Stadt hat großes Potenzial. Das Bauforum mit dem Thema Magistralen war wegweisend und hat mit Experten aus dem Ausland geholfen, unsere hamburgzentrierte Sichtweise aufzubrechen. Das muss es mehr geben. Von dem neuen Senat wünsche ich mir eine Behörde für Stadtentwicklung und Mobilität. Hier liegt das Hauptthema der nächsten zehn bis 15 Jahre. Verkehrsplanung und Stadtentwicklung gehören in eine Behörde.

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Rösner: Wir werden noch mehr über die kompakte und verdichtete Stadt reden. Wenn wir Klimaschutz ernst meinen, heißt das, höher und dichter zu bauen, untergenutzte Flächen darf es nicht mehr geben. Die Stadtsilhouette wird sich verändern – und zwar dramatisch. Das Konzept von Oberbillwerder, raus auf die grüne Wiese zu ziehen, ist ein Auslaufmodell.

Sind Einfamilienhäuser auch ein Auslaufmodell?

Brinkmann: Bei unserem Wachstum kann ich mir aktuell neue Einfamilienhäuser mit Garten eigentlich nicht mehr vorstellen.

Rösner: Auf jeden Fall werden sie viel teurer werden.