Stadtentwicklung

Das wertvolle Erbe von Hamburgs großem Baumeister

Das Lotsenhaus Seemannshöft in Finkenwerder mit seinem dominanten Signal- und Beobachtungsturm entstand 2014.

Das Lotsenhaus Seemannshöft in Finkenwerder mit seinem dominanten Signal- und Beobachtungsturm entstand 2014.

Foto: dpa / Picture-Alliance / Winfried Rothermel

Zum 150. Geburtstag würdigt die Stadt ihren früheren Oberbaudirektor Fritz Schumacher mit einer Preisverleihung.

Hamburg.  Ob Tropeninstitut, Holthusenbad oder Finanzbehörde, Dulsberg oder Jahrrestadt – überall in Hamburg stößt man auf die stadtbildprägenden Bauten von Fritz Schumacher. Mit ihren aufwändig gestalteten Backsteinfassaden sind sie Zeugnisse einer Zeit, in der das Bauen als wesentlicher Beitrag zur Reform der Kunst und des Lebens überhaupt gesehen wurde: die Schumacher-Ära. Wie kein Zweiter setzte sich der Stadtplaner, Architekt und Baubeamte von 1909 bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung durch die Nazis 1933 in Hamburg für soziales Bauen, qualitätsvolle Stadtentwicklung , das Errichten moderner Wohnquartiere und Bildungsgebäude sowie die Gestaltung öffentlicher Grünflächen ein.

Was hätte der Baumeister, der am 4. November 1869 in Bremen geboren wurde, wohl zu der modernen, oft als gesichtslos bezeichneten Architektur gesagt? Und dazu, dass an seinem 150. Geburtstag einer seiner Nachfolger, der frühere Oberbaudirektor Jörn Walter, in einem feierlichen Akt im Rathaus mit dem vom Senat ausgelobten Fritz-Schumacher-Preis gewürdigt wurde? Schließlich galt Walter am Anfang seiner 18-jährigen Amtszeit zunächst als Verfechter einer von Stahl und Glas geprägten Architektur.

Walter setzte sich für die Bewahrung der Backsteintradition ein

Später aber setzte er sich vehement für die Bewahrung der Backsteintradition ein. Für Dirk Schubert, Professor für Stadtplanung und Vorstand der Fritz-Schumacher-Gesellschaft, ist das Faible für Rotklinker aber nur eine von mehreren Gemeinsamkeiten. „Fritz Schumacher und Jörn Walter stehen beide für eine kontextuale Architektur, die auf die Umgebung und den vorhandenen Städtebau eingeht. Und für Wohnquartiere, die von verschiedenen Architekten gestaltet wurden und dennoch ein einheitliches Erscheinungsbild haben.“ Als Beispiele nennt er die unter Schumacher errichtete Jarrestadt und den Stadtteil Dulsberg, sowie die unter Walter geplante HafenCity, die neue Mitte Altona oder das Pergolenviertel in Winterhude.

Auch Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt sagte bei der Preisverleihung: „Professor Jörn Walter hat wie sein berühmter Vorgänger Fritz Schumacher immer wieder das Wesen der Stadt Hamburg und ihre charakteristischen Merkmale in den Vordergrund gestellt, etwa indem er den Hamburgerinnen und Hamburgern viele ihrer Wasserlagen zugänglich gemacht oder sich für den Schutz historischer Backsteinbauten eingesetzt hat.“

Oberbaudirektor Franz-Josef Höing betonte, dass Walter „das räumliche Passepartout und das architektonische Gesicht Hamburgs überzeugend weiterentwickelt“ habe. „Die HafenCity etwa, der ‚Sprung über die Elbe‘ oder die Mitte Altona tragen seine Handschrift“, so Höing. Walter sich „um den großen und den kleinen Maßstab gleichermaßen gekümmert“.

Nachwuchspreise für James Horkulak und Frederik Springer

Den Fritz-Schumacher-Preis verleiht der Senat alle drei Jahre an Architekten und Stadtplaner, um an die Bedeutung des ehemaligen Oberbaudirektors für Hamburgs Baukultur und Stadtentwicklung zu erinnern. In diesem Jahr wurden außerdem die Architekten James Horkulak und Frederik Springer mit Nachwuchspreisen ausgezeichnet. Die Veranstaltung findet entweder am 4. November, oder einen Tag später, an seinem Todestag statt. Schumacher starb am 5. November 1947 in Hamburg.

Bei seinem Amtsantritt als Baudirektor am 1. September 1909 war Hamburg auf dem Weg, eine Großstadt zu werden: zahlreiche Neu- und Umbauten mussten umgesetzt werden. Zu Schumachers ersten Bauten zählen das Tropeninstitut (1910 – 1914), die Hochschule für Bildende Künste am Lerchenfeld (1911 – 1913), das Fritz-Schumacher-Haus am UKE (heute Medizinhistorisches Museum, 1913), das Gewerbehaus am Holstenwall (heute Handwerkskammer, 1912 – 1914) und das Museum für Hamburgische Geschichte (1914 – 1923).

1919 zeigte er mit dem Stadtentwicklungsplan „Schemata der natürlichen und wirklichen Entwicklung des Organismus Hamburg“ strahlenförmige Siedlungs- und Landschaftsachsen der Metropole auf, die noch heute bei der Stadtentwicklung, etwa dem Freiraumverbundsystem, Gültigkeit haben. Zehn Jahre zuvor hatte Schumacher bereits mit Gartenbauamtsleiter Otto Linne den Stadtpark gestaltet und damit die Idee eines Volksparks zur Naherholung aufgegriffen. Nach dem Bau der Fuhlsbüttler Schleuse 1913 entstanden durch die Kanalisierung der Alster weitere Grünanlagen, die öffentlich zugänglich waren.

Auch das unmittelbare Wohnumfeld sollte gesünder werden

Doch auch das unmittelbare Wohnumfeld sollte gesünder werden: In neuer Blockrandbebauung entstanden unter Schumacher moderne Wohnquartiere mit große Innenhöfen, was für die Bewohner mehr Licht und frische Luft bedeutete. Im Inneren boten die Wohnungen durch kluge Grundrisse sogar Platz für ein Bad. Und mit der Fritz-Schumacher-Siedlung in Langenhorn entstand 1919 eine Gartensiedlung, deren 660 Wohnungen jeweils einen großen Gartenanteil zur Selbstversorgung hatten.

Nach einer dreijährigen Tätigkeit in Köln entstanden in Hamburg ab 1924 in einer zweiten Schumacher Phase unter anderem die Kapelle 13 und sein letzter Bau: das Krematorium auf dem Ohlsdorfer Friedhof. 1929 forderte Schumacher einen neuen Schultypus für Hamburg – mit Fachräumen, Turnhallen, Speiseräumen, Lehrküche, Arztzimmer und manchmal - wie an der Schlankreye – sogar mit einem Jugendheim. Etwa 30 Schulen baute Schumacher, darunter die heutige Hochschule für Angewandte Wissenschaft am Berliner Tor und das Johanneum. Auch bei der Standortwahl ging er neue Wege. „Schumacher integrierte die Bildungsstätten in die Wohnviertel“, so Senatorin Stapelfeldt, „und schuf dadurch lebenswerte Quartiere.“