Abendblatt-Neujahrsempfang

Angst um das Klima – „der Winter schmilzt dahin“

Was Promis vorschlagen. Plädoyers für bessere Radwege, mehr Eigenverantwortung, Bäume pflanzen. Autofreie Innenstadt umstritten.

Hamburg. Es war allein durch die Fridays-for-Future-Bewegung das Thema des Jahres 2019: Wie können wir das Klima retten? Beim Neujahrsempfang zeichnete sich ab, dass diese Frage auch 2020 im Mittelpunkt stehen wird. Frank Böttcher, Hamburgs bekanntester TV- und Radio-Meteorologe, kam mit einem dicken Schal: „Ein Zeichen der Hoffnung, dass der Winter doch noch nach Hamburg kommt.“ Im Moment sehe es allerdings nicht danach aus, es bleibe viel zu mild.

„Der Winter schmilzt dahin. Hatten wir früher im Januar und im Februar im Jahresmittel 3,2 Zentimeter Schnee, sind es jetzt nur noch 0,9 Zentimeter.“ Auch die dramatischen Brände in Australien seien eine Reaktion auf die Erderwärmung. Böttcher forderte Hamburg auf, einen Klimarat ins Leben zu rufen. „Der Klimarat sollte alle Seiten an einen Tisch bringen. Kritiker und Befürworter, Menschen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft.“

Hafen in einer Vorbildrolle

Hafen-Chef Jens Meier (HPA) sieht den Hafen in einer Vorbildrolle: „Im Vergleich zu anderen Häfen sind wir bereits sehr gut aufgestellt.“ Meier nannte als Beispiele den Lärmschutz bei Baumaßnahmen, Rußfilter für Eisenbahnen sowie synthetische Kraftstoffe. Die Künstlerin Anna Depenbusch forderte auch für die Musik-Branche mehr Nachhaltigkeit: „Klimaneutrale Festivals wären toll.“ Sie selbst leiste ihren Beitrag mit einer Bahn-Card 100 und einem E-Auto.

Unterschiedlich bewerteten die Gäste das Thema autofreie Innenstädte. Investor Ralf Dümmel („Die Höhle der Löwen“) ist dagegen: „Das würde den Städten sehr weh tun. Daher sollte jeder für sich entscheiden können, ob er mit dem Auto in die Innenstadt fährt.“ Auch City-Managerin Brigitte Engler ist skeptisch: „Unsere Kunden müssen die Chance haben, auch mit dem Auto zu kommen. Aber wir brauchen mehr Zonen in der City, wo der Mensch im Vordergrund steht und nicht das Auto.“

Abendblatt-Neujahrsempfang – der Film

Klimaforscher will Autos aus den Citys verbannen

Der Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif fordert dagegen, die Autos aus den Citys zu verbannen: „Man gewinnt so viel: bessere Luft, aber auch mehr Ruhe und mehr Gelegenheiten für Begegnungen.“ Stage-Entertainment-Chefin Uschi Neuss („Ich habe seit 15 Jahren kein Auto mehr.“) sieht es genauso: „Ich würde mich mit allen anlegen, die gegen autofreie Innenstädte sind.“

Moderator Yared Dibaba plädiert für einen kostenlosen Nahverkehr, seine Kollegin Julia-Niharika Sen findet Wasserstoff unterschätzt. „Da sollten wir noch viel mehr machen.“ Für Justizsenator Till Steffen wären mehr Fahrräder auf der Straße der effektivste Schritt, um die Verkehrswende zu schaffen.

Arved Fuchs hat Folgen des Klimawandels selbst erlebt

Der Musiker Stefan Gwildis fordert mehr Investitionen in den Radverkehr. Zwar seien schon viele Radwege verbessert und Straßen fahrradgerecht umgebaut worden, aber von Verhältnissen wie in Kopenhagen sei die Stadt noch weit entfernt. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, pflichtet Gwildis bei: „Es genügt nicht, nur zusätzliche Streifen auf die Straße zu pinseln. Wir brauchen sichere Fahrradwege.“ Das sei vor allem für viele Senioren wichtig. Tennis-Veranstalter Peter-Michael Reichel (Turnier am Rothenbaum) plädiert für einen Appell zum Bäume-Pflanzen: „Wenn das nur zehn Prozent der Hamburger umsetzen, gibt es 180.000 neue Bäume in der Metropolregion.“

Der 32. Neujahrsempfang des Hamburger Abendblatts:

„Gut, dass es Fridays for Future gibt“, sagt Polarforscher Arved Fuchs. Er selbst unterstütze die Bewegung und weise seit 40 Jahren auf den menschengemachten Klimawandel hin. Die Auswirkungen habe er bei seinen Reisen beobachten können. An der Ostküste Grönlands könne man heute problemlos in Gebiete vordringen, die noch vor 20 Jahren dicht mit Eis bedeckt waren.

Debatte um das Silvester-Feuerwerk

Aus Sicht von Frederik Braun, der mit seinem Bruder Gerrit das Miniatur Wunderland betreibt, lenkt die Debatte um das Silvester-Feuerwerk von den eigentlich wichtigen Fragen im Zusammenhang mit dem Klimawandel ab. Eine Flugreise nach New York sei viel umweltschädlicher. „Wir sollten über Flugreisen, den Autoverkehr und neue Produktionsweisen sprechen, um den CO2-Ausstoß wirksam einzudämmen.“ Bischöfin Kirsten Fehrs sagt: „Es ist gut und wichtig, dass Fridays for Future den Klimaschutz ganz oben auf unsere Tagesordnung gesetzt hat.“ Dass Hamburg einen ambitionierten Klimaplan geschmiedet habe, sei ein wichtiges Signal.

Wetter-Experte Frank Böttcher auf dem Neujahrsempfang

ECE-Chef Alexander Otto appelliert an die Eigenverantwortung: „Es fängt bei uns selber an, mit ganz einfachen Dingen: Licht ausschalten, nicht die Heizung an und gleichzeitig das Fenster auf, auf Plastiktüten verzichten. Das ist schon mal ein Start: dass nicht jeder immer nur über andere oder die Politik redet, sondern bei sich anfängt.“ Der TV-Journalist Steffen Hallaschka berichtet, dass er mit einem Carsharing-Auto gekommen sei: „Das ist immer noch ein Verbrennungsmotor, aber das große eigene Auto bleibt immer öfter stehen.“

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Pianist Joja Wendt sieht es ähnlich: „Jeder kann ein bisschen mithelfen. Wir sollten uns als Gemeinschaft verstehen. Mir fiel das jetzt wieder so auf, als geböllert wurde. Wenn geböllert wird, denkt jeder immer: Ja, das wird schon weggeräumt. Wir müssen dahin kommen, dass jeder seinen Dreck wegräumt.“

Bürgermeister Peter Tschentscher verwies auf das Abendblatt: „Das ist recht grün.“ Hamburg sei Klimahauptstadt geworden: „Wir haben den ambitioniertesten deutschen Klimaplan.“