Stadtreinigung

Hamburg sucht neues Streugut für eisglatte Radwege

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Vorsicht, Winter! Bei Schnee und Eis werden die Radwege abseits der Straßen für Radfahrer zur Gefahr.

Vorsicht, Winter! Bei Schnee und Eis werden die Radwege abseits der Straßen für Radfahrer zur Gefahr.

Foto: Michael Arning

Abseits der Straßen darf kein Salz genutzt werden. Pilotprojekt soll Material finden, das Bäume nicht schädigt.

Hamburg.  Grünen-Bürgermeisterkandidatin Katharina Fegebank hatte kürzlich im Wahlkampf angekündigt, Hamburg solle nicht nur „Tor zur Welt“, sondern auch „Labor zur Welt“ werden, in dem viel Neues ausprobiert werden solle. Bei der Stadtreinigung Hamburg (SRH) hat man nun bereits begonnen mit den ersten konkreten Versuchen für eine bessere Zukunft. Zusammen mit der Technischen Universität Dresden will die SRH eine Lösung für ein Problem finden, mit dem manche Städte im Winter zu kämpfen haben – und vor allem die Radfahrer.

Es geht um das Streuen von Radwegen, die abseits der Straßen verlaufen. Diese dürfen, anders als die Radfahrstreifen auf den Fahrbahnen, laut Hamburger Wegegesetz nicht mit Streusalz gestreut werden, da dieses Bäume und Böden belastet. Das führt bisher dazu, dass die separaten Radwege bei Schnee und Eis nur schwer oder gar nicht befahrbar sind. Nach zahlreichen Beschwerden von Radfahrern in den vergangenen Wintern suchen Stadtreinigung und TU Dresden nun nach Streumaterialien, mit denen das Problem gelöst werden kann, ohne dass die Bäume Schaden nehmen. Die Dresdener Hochschule wurde ausgewählt, weil dort laut SRH Experten für dieses Thema arbeiten.

Für Radfahrer sind Schnee und Eis besonders gefährlich

Ziel des Projekts sei es, „die Voraussetzungen zu schaffen, dass verkehrswichtige Radwege bei Schnee und Eis ähnlich gut und sicher zu befahren sind wie verkehrswichtige Fahrbahnen für Pkw“, sagte Reinhard Fiedler, Sprecher der Stadtreinigung. „Die SRH räumt und streut ausgewählte verkehrswichtige Radwege derzeit mit Kies. Die Schneeräumung allein führt nicht zu schnee- und eisfreien Fahrbahnen oder Radwegen, weil Kies keine Tauwirkung hat. Es verbleibt eine dünne (festgefahrene) Schneedecke auf dem Radweg. Bei anhaltendem Schneefall werden ausgebrachte Streustoffe sofort durch den Neuschnee bedeckt und wirken nicht mehr.“

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Um diese für Radfahrer missliche Situation zu ändern, läuft derzeit die Suche nach möglichen Streustoffen. Zudem wird bereits im Labor mit Materialien experimentiert. Diese sollen dann im Winter 2020/21 testweise auf einem Betriebsgelände, vermutlich im Hafen, erstmals in der Praxis getestet werden. Im darauffolgenden Winter 2021/22 soll das Material dann auch auf ausgewählten öffentlichen Radwegen in Hamburg erprobt werden.

Schneematsch und Eis besonders gefährlich

„Schnee ist in Hamburg nicht das größte Problem für Zweiradfahrer. Gefährlicher ist gefrierender Schneematsch oder Eisbildung auf angetautem Schnee“, sagt Stadtreinigungssprecher Fiedler. „Die Wirkung bei Schneefall ist allerdings auch ein wichtiges Testszenario für die versuchsweise eingesetzten Streumittel. Deshalb wird in München und möglicherweise auch in Dresden bei Schnee getestet, sofern es in Hamburg nicht schneit.“

Das Projekt ist eines der Ergebnisse aus einem „Velo-Workshop“ der Stadtreinigung im Oktober und wird mit rund 340.000 Euro vom Bundesverkehrsministerium gefördert. Der Eigenanteil der Stadtreinigung liegt bei etwa 85.000 Euro.

Traubenkerne oder Zucker als Salz-Ersatz?

„In der Literatur werden 28 mögliche Substanzen als potenzielles Streumittel genannt – von Traubenkernen über Zucker bis zum Kochsalz“, sagt SRH-Sprecher Fiedler. Mithin: Die Verwendung von Salz soll nicht ausgeschlossen werden, da man eine Tauwirkung benötigt. Es geht aber darum, Anwendungsformen zu finden, die den Bäumen weniger bis gar nicht schaden. So prüfe man derzeit eine Salzlösung zum Sprühen, ebenso wie die Anwendung von Kaliumcarbonat.

Bei den organischen Salzen soll laut Fiedler eine Mischung von Natriumformiat und Kaliumformiat (beides Salze der Ameisensäure) getestet werden, außerdem Kaliumacetat sowie als organischer Stoff mit auftauender Wirkung Harnstoff. „Alle diese Stoffe haben unterschiedliche Vor- und Nachteile hinsichtlich Wirkung, Kosten und Umweltauswirkungen“, so der Stadtreinigungssprecher.

Wegegesetz müsste geändert werden

Je nach Ergebnis der Erprobungen könne es allerdings sein, dass das Hamburger Wegegesetz noch geändert werden müsse. Dann nämlich, wenn man zu dem Schluss kommt, dass die Verwendung von salzhaltigen Stoffen nicht ausgeschlossen werden kann, wenn einem die Sicherheit der Radfahrer am Herzen liegt. Die Stadtreinigung weist dabei darauf hin, dass in den klassischen „Fahrradstädten“ wie Münster, in den Niederlanden oder Kopenhagen Tausalz auch auf Radwegen eingesetzt werden darf.

Im Übrigen sei es erstaunlich, dass in Hamburg „palettenweise“ Streusalz in Baumärkten verkauft werde. Wenn die Menschen dies selbst auf Fußwege streuten, sei der Schaden in der Regel deutlich größer als bei wohldosiertem und sehr genauem Einsatz auf Fahrbahnen oder Radwegen. „Bisher könne wir aufgrund des Streusalzverbotes auf Radwegen keine ausreichende Verkehrssicherheit herstellen“, so Fiedler – „obwohl Zweiradfahrer bei Glätte besonders gefährdet sind“.

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