Architektur-Jahrbuch

Ohne Schnickschnack: Das ist wohl Hamburgs schönster Neubau

Vermutlich der Bau des Jahres: die U-Bahn-Station Elbbrücken, die vor knapp einem Jahr eröffnet wurde.

Vermutlich der Bau des Jahres: die U-Bahn-Station Elbbrücken, die vor knapp einem Jahr eröffnet wurde.

Foto: Marcus Bredt_gmp Architekten

Das Jahrbuch der Architektur liefert einen Überblick über die Neubauten – und befeuert die Debatte über Stadtentwicklung.

Hamburg. Wenn die ersten Lebkuchen im Regal stehen, die Wunschzettel geschrieben und die ersten Weihnachtsmärkte aufgebaut werden, hat das Warten ein Ende: In diesen Tagen erscheint in der Hansestadt wieder das Architektur-Jahrbuch, das längst zu einer Institution geworden ist. Damit kommt eine Werkschau auf den Markt, die in der Bundesrepublik ihresgleichen sucht.

Manche Metropolen und Architektenkammern haben es versucht, nur in Hamburg ist daraus ein Erfolgsmodell geworden. Steffen Hermann, Geschäftsführer im Junius Verlag, kann gleich drei Gründe benennen, warum das Jahrbuch etwas Besonderes ist. „Es ist eine feste Größe im Architekturbuchmarkt mit Wirkung über Hamburg hinaus und hat die großen Umwälzungen dieses Marktes ohne Einbußen überstanden.“ Als Prototyp des Genres sei es heute ein Zugpferd des regionalen Architekturprogramms.

Viele Autoren im Jahrbuch sind alte Bekannte, die Fotografien auf gewohnt hohem Niveau, und das „Hamburger Feuilleton“ stößt jedes Jahr Debatten über aktuelle Fragen des Städtebaus an, aber wagt auch historische Betrachtungen, wie Hamburg wurde, was es ist.

Das Stadtbild wird sich verändern

Im Jahr des Bauforums zu den Magistralen geht es auch um die Entwicklung des Autoverkehrs: „Die notwendige Reduktion der überdimensionalen Verkehrsflächen war durchweg Konsens, die Urbanisierung und Aufwertung der so gewonnenen Räume ebenfalls“, schreibt Karin Loosen, die Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer, die das Jahrbuch herausgibt. Der Geist ist aus der Flasche – dieses Thema wird die Hamburger Stadtentwicklung in den kommenden Jahrzehnten prägen.

Da passt, dass das faszinierendste Bauwerk des Jahrgangs eine U-Bahn-Station ist – die neue Haltestelle an den Elbbrücken. Sie wird zu Recht „als ein großer Wurf ohne Schnickschnack“ gelobt. Das Werk des Hamburger Büros gmp locke Bürger der Stadt und ihre Besucher an einen Ort, an dem früher kaum jemand von ihnen gewesen ist. Man darf schon heute auf das Viertel gespannt sein, das mit dem Elbtower und dem Elbdome um die Elbbrücken herum entstehen wird – und auf die Antwort, in welche Richtung die U 4 einstmals verlängert wird.

Auch der verkehrsberuhigten Osterstraße in Eimsbüttel wird ein langer Aufsatz gewidmet, der differenziert die schwierige Gemengelage der Wiederentdeckung der Straße ausleuchtet. „Lokale Einkaufsstraßen eignen sich nur begrenzt als doktrinär aufgeladene Kampfzonen der Stadtplanung, will man dem Einzelhandel vor Ort, der mühsam gegen die Einkaufszentren auf der grünen Wiese und den Internethandel ums Überleben kämpft, nicht das Wasser abgraben“, heißt es da. Die Osterstraße, stellt Autor Jürgen Tietz fest, sei eine „Blaupause für die Straßenplanung“ und „maximaler Gewinn für alle“.

Ein Meisterwerk des Brutalismus

Ansonsten macht das neue Buch deutlich, dass der Architekturjahrgang nicht unbedingt zu den stärksten der Geschichte gehört. Schon das Cover – eine Innenaufnahme der FH Bergedorf – provoziert. Der Autor lobt den Bau als „Meisterwerk des Brutalismus“, der Verlag hebt es auf den Umschlag. „Die drei Grundfarben erzeugen eine sehr starke Wirkung“, sagt Herrmann. „Wir haben gute Erfahrung mit Retro-Covern und viele heimliche und bekennende Brutalismus-Fans unter den Architekten.“ Der Massengeschmack unterscheidet sich davon – dort gilt der rohe Beton als ausgemachte Scheußlichkeit, als Verirrung der Moderne. Oftmals ist dieser Eindruck aber auf den schlechten Zustand und mangelnde Pflege der Gebäude zurückzuführen.

In den vergangenen Monaten ist viel Gutes entstanden, wirklich Herausragendes ist rar gesät. Es sind die kleinen Schmuckstücke wie das Büro- und Geschäftshaus Große Bleichen, das sich wunderbar in seine Umgebung einfügt, oder der brillante wie sensible Umbau der ehemaligen Oberfinanzdirektion zum Luxushotel Fraser Suites. „Die Fraser Suites zeigen, dass es nicht darum geht, einen einstigen Zustand schockzufrosten. Vielmehr geht es bei Konversionsprojekten darum, zwischen den unterschiedlichen Interessen der Beteiligten so kluge wie verträgliche Kompromisse im Sinne der Erhaltung von Bauwerken zu formulieren“, heißt es im Jahrbuch. Wer das Haus besucht, versteht, was der Autor meint.

In das Jahrbuch finden auch Gebäude Aufnahme, die sonst zu Unrecht unter dem Radarschirm bleiben – die Edeka-Filiale in Neugraben („Ein super Markt“), die Grundschule Rahewinkel in Mümmelmannsberg oder eine Folgeeinrichtung für Geflüchtete in Stellingen. Die mögliche Zukunft des Bauens – eine Mischung aus gefördertem, preisgedämpftem und frei finanziertem Mietwohnungsbau am Grasbrookpark – wird in einer Architekturkritik der „Wohnvielfalt“ ausgeleuchtet.

Dem Cityhof wird eine Träne nachgeweint

Den Machern geht es stets auch um die Vergangenheit. In einem Essay fordert Claas Gefroi die Rettung der Hamburger Postmoderne, der derzeit an verschiedenen Stellen der Abriss droht. Gebäude, die in alten Jahrbüchern einstmals gelobt wurden, sind schon gefallen. Auch dem Cityhof wird eine Träne nachgeweint, die großen Chancen der Hafenlandschaft um Oberhafen, Brandshof, Billekraftwerk ausdrücklich betont.

Mutig gegen den Strich bürstet Gert Kähler seinen Aufsatz zum 50. Geburtstag von Steilshoop. Wie Mümmelmannsberg, Osdorfer Born oder Lohbrügge-Nord hätten diese Stadtteile im bürgerlichen Hamburg einen schlechten Ruf. „Sie gelten als Schmuddelkinder der Stadt, notwendig, aber ,eigentlich‘ außerhalb bürgerlicher Sichtachsen. Das ist ungerecht. Denn diese Quartiere leisten etwas, wozu andere Stadtteile nicht in der Lage sind - und schon gar nicht willens: Sie verwirklichen Integration. Das ist kein leichter Job; die Anstrengung ist dem Stadtteil anzusehen“, heißt es da.

Solche Beiträge machen seit 1989 die Stärke der Jahrbücher aus. Da sieht man gern darüber hinweg, dass manche Beiträge etwas zu technisch oder detailverliebt geraten und Lagepläne fehlen.

Das Besondere ist ohnehin etwas anderes: „Das ist die Unabhängigkeit der Redaktion“, sagt Junius-Geschäftsführer Herrmann. „Das Jahrbuch betreibt Architekturkritik, keine Werbung.“ Und der Themenmix sei besonders, „neben dem aktuellen Baugeschehen mit umfangreichem Feuilleton, starken historischen Akzenten auch viele Stadtentwicklungsthemen“. Das Jahrbuch richte sich nicht in erster Linie an ein Fachpublikum, sondern an alle Architekturinteressierten. Ohne diese Laien hätte es die nun ins 31. Jahr gehende Erfolgsgeschichte des Jahrbuchs vermutlich auch nicht gegeben.