Neue Pläne

So könnte der Wiederaufbau der Synagoge in Hamburg gelingen

Die alte Synagoge am Bornplatz (heute Joseph-Carlebach-Platz) im Grindelviertel wurde während der NS-Herrschaft zerstört.

Die alte Synagoge am Bornplatz (heute Joseph-Carlebach-Platz) im Grindelviertel wurde während der NS-Herrschaft zerstört.

Foto: www.hamburg-bildarchiv.de

Nazis zerstört das Haus am früheren Bornplatz. Das Abendblatt beantwortet die zehn wichtigsten Fragen zum Wiederaufbau.

Hamburg. Die Debatte um den möglichen Wiederaufbau der zerstörten Synagoge am Bornplatz (heute: Joseph-Carlebach-Platz) geht weiter. Politiker und der Landesrabbiner Shlomo Bistritzky hatten ein solches Langzeitprojekt vorgeschlagen. Das Abendblatt beantwortet die zehn wichtigsten Fragen zum aktuellen Stand und zur Historie.

1. Was ist eigentlich die Synagoge am Bornplatz?

„Die Bornplatz-Synagoge war die erste frei stehende Synagoge in Hamburg. Sie war Hauptsynagoge des orthodoxen Synagogenverbandes und bot Platz für über 1000 Gläubige“, sagt Professorin Miriam Rürup, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

2. Wer waren die Erbauer dieser Synagoge und welche Bedeutung hatte sie?

Roland Jaeger, promovierter Kunst-, Architektur- und Fotohistoriker, hat sich intensiv mit dem Bau beschäftigt. „Die 1904 bis 1906 im neoromanischen Stil errichtete Synagoge war das Gemeinschaftswerk der deutsch-jüdischen Architekten Semmy Engel (1864–1948) und Ernst Friedheim (1864–1919). Durch Lage und Größe, aber auch durch ihren dem deutsch-nationalen Konsens entsprechenden Baustil sollte sie die Gleichberechtigung der Juden und ihre vermeintliche Integration in die christliche Gesellschaft zum Ausdruck bringen.“

3. Wann wurde das Gebäude zerstört?

Beim Novemberpogrom 1938 wurde es stark beschädigt. 1939 haben die Nazis die Gemeinde gezwungen, den verbliebenen Bau abzureißen und das ihr von der Stadt überlassene Grundstück zurückzugeben. Heute befindet sich auf dem Platz ein Mahnmal, das den Grundriss der Synagoge darstellt.

4. Welche ersten Schritte für einen Wiederaufbau sind denkbar?

Bislang gibt es viele Vorschläge – und die Bereitschaft, das Projekt voranzutreiben. Anna von Treuenfels-Frowein, Vorsitzende der FDP-Bürgerschaftsfraktion, sagt: „Wir unterstützen das Vorhaben grundsätzlich mit aller Ernsthaftigkeit.“ Sie rät aber zur Besonnenheit: „Die Initiative für einen Wiederaufbau der zerstörten Synagoge eignet sich nicht für die Erzeugung flüchtiger Schlagzeilen. Deshalb fordern wir: Die Realisierung muss nachhaltig angegangen werden – im engen Kontakt mit der Jüdischen Gemeinde.“ Zu diskutieren sei etwa die Gründung eines Fördervereins und eines Kuratoriums. Die FDP-Fraktion werde in der Bürgerschaft für eine interfraktionelle Initiative werben.

5. Welche Herausforderungen gibt es für den zuständigen Bezirk Eimsbüttel?

Die CDU-Bezirksfraktion stellt in der nächsten Bezirksversammlung mit dem Koalitionspartner einen Antrag. „Darin bitten wir die Bezirksamtsleitung, eine ,Arbeitsgruppe Wiederaufbau Synagoge‘ einzurichten“, kündigt Johannes Weiler, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion Eimsbüttel, an. Diese Gruppe soll unter anderem aus Vertretern der Jüdischen Gemeinde, der Uni Hamburg und Historikern bestehen. „Uns ist sehr wichtig, dass die Jüdische Gemeinde von Anfang an in die Planungen mit einbezogen wird“, sagt Weiler.

6. In welcher Verantwortung steht die Universität Hamburg?

Weil es sich bei dem Gelände dem Bebauungsplan nach um Flächen der Uni handelt, sollte sie bei den Planungen mit einbezogen werden. Beim Baurecht wird voraussichtlich die bezirkliche Stadtplanungsabteilung aktiv werden müssen.

7. Ist der Neubau alternativlos, um jüdisches Gemeindeleben zu fördern?

Nein. Professorin Miriam Rürup betont: „Natürlich beruhigt und berührt es mich, nicht zuletzt als Jüdin, das so viele Menschen sich nun aus Betroffenheit über den Anschlag von Halle für eine Stärkung des jüdischen Lebens einsetzen möchten.“ Die Institutsdirektorin rät dazu, erst einmal zu fragen, wie jüdisches Leben in der Stadt unterstützt werden könne. Zum Beispiel mit einem Jüdischen Museum oder einem Kulturzen­trum. Das könnte ein Ort ein, um der Pluralität des Judentums Ausdruck zu verleihen, sagt sie und verweist auf das liberale Judentum in Hamburg mit seinen Traditionen und der Tempelruine in der Poolstraße. „Bei der Suche nach einem Platz für ein jüdisches Kulturzen­trum wäre es beispielsweise angeraten, auch auf diese Synagogenruine zu blicken.“ Diese Ruine gehöre zu den am stärksten bedrohten jüdischen Relikten in Europa. Der Historiker Roland Jaeger hält es derweil für möglich, dass am Ende des Klärungsprozesses um den Wiederaufbau im Grindelviertel nicht ein neues Bethaus, sondern ein modernes Kulturzentrum stehen wird.

8. Was würde der Wiederaufbau der Bornplatz-Synagoge kosten?

Schätzungen zufolge könnten es rund 20 Millionen Euro und mehr werden. „Aufgrund der Dimension des Projektes und vor dem Hintergrund des aktuellen Planungsstandes erscheint jede finanzielle Schätzung zum jetzigen Zeitpunkt unseriös“, heißt es bei der CDU. Der Bau werde in jedem Fall kostenintensiv.

9. Sollte der Staat den Wiederaufbau bezahlen?

Diese Frage ist bei Politikern umstritten. Es gibt Vorschläge, eine Stiftung zu gründen, Spenden zu sammeln und den Wiederaufbau zu einem breiten gesellschaftlichen Anliegen zu machen.

10. Wie kann man Architekten für das Projekt gewinnen?

Historiker Roland Jaeger: „Wenn es zum Neubau käme, wäre ein internationaler Wettbewerb auszuschreiben. Meines Wissens gibt es keine erhaltenen Baupläne, die eine seriöse Rekonstruktion zulassen würden.“