Harburg
Fischbek

Ungewöhnlicher Wohnungsbau in Süderelbe

Von der mächtigen Hofstelle stehen jetzt nur noch die Fassaden

Von der mächtigen Hofstelle stehen jetzt nur noch die Fassaden

Foto: Axel Tiedemann / AT

Kompromiss zwischen Denkmalschutz und wirtschaftlichem Interesse. Fassade einer denkmalgeschützten Hofstelle bleibt erhalten.

Denkmalschützer sprechen da schon einmal von der „Hamburger Lösung“: Wenn historische Fassaden erhalten bleiben, dahinter aber völlig neu gebaut wird, beruht das oft auf einem Kompromiss zwischen Denkmalschutz und Bauherren-Interesse an einem wirtschaftlichen Gebäude. Gerade in der Hamburger Innenstadt sind solche Projekte derzeit an vielen Stellen zu sehen.

Am Alten Wall beim Rathaus zum Beispiel oder auch an der Stadthausbrücke, wo ein früheres Behördengebäude zu einem neuen Shopping-Center umgebaut wurde. Und auch am südwestlichen Rand Hamburgs in Fischbek setzt eine Investorengruppe nun auf diese Lösung. Hier wird gerade am Fuß der Harburger Berge an der Straßenecke Posteck/Scharlbarg eine alte Hofstelle nach diesem Prinzip umgebaut.

Das mächtige Strohdachhaus war früher tatsächlich eine Poststelle, wo die Kutschen einfuhren. Seit einigen Jahren schon steht das 1886 gebaute Gebäude unter Denkmalschutz, verfiel in den vergangenen Jahren aber immer mehr, was auch die Kommunalpolitik in Süderelbe zwischenzeitlich auf den Plan gerufen hatte. Von einem wichtigen „Identifikationspunkt“, der nun verfallen könnte, war da schon die Rede.

Das denkmalgeschützte Gebäude war verfallen

„Das Dach war löchrig, die Substanz sehr marode“, bestätigt jetzt auch der Buxtehuder Architekt Tim Schulenburg, der den alten und für Fischbek so typischen Hof zusammen mit weiteren Investoren von den bisherigen Eigentümern übernommen hat.

Gebaut werde nun in Absprache mit dem Denkmalschutz, sogar ein Gutachten einer Kunsthistorikerin liege dazu vor. Insgesamt rund sechs Millionen Euro wollen die Investoren in ihr ungewöhnliches Wohnungsbauprojekt stecken.

Das geschützte Gebäude ist bereits weitgehend entkernt, nur die Fassade steht noch und wird von großen Balken und Sandsäcken gestützt und gehalten. Hier plant das Buxtehuder Büro nun den Bau von immerhin neun Wohnungen hinter historischen Mauern. Das Dach soll ebenfalls wieder als Strohdach entstehen und auch sonst orientiert sich der Entwurf an dem historischen Vorbild.

Der frühere Kuhstall und eine alte Halle auf dem Gelände wurden indes komplett abgerissen. Hier wollen die Investoren zwei neue Gebäude mit jeweils sechs Wohnungen bauen. Die geplanten Miet-Wohnungen in dem Projekt werden laut Schulenburg zwischen 50 und 80 Quadratmeter groß sein und voraussichtlich um zwölf Euro pro Quadratmeter kalt kosten. Wobei das gesamte Vorhaben eine Art Mischkalkulation ist. „Die Neubauten finanzieren den Erhalt des Altgebäudes eben mit“, so der Architekt.

Investoren planen auch eine neue Kita

Pläne gibt es auch für das neuere Einfamilienhaus auf dem Grundstück. Dort könnte man eine Kita bauen, sagt Schulenburg, der bei den vielen Neubauprojekten in Süderelbe dafür einen großen Bedarf sieht, wie er sagt.

So sind tatsächlich mit den Neubaugebieten Fischbeker Rethen und Fischbeker Heidbrook derzeit in unmittelbarer Nähe mehr als 3000 Wohneinheiten in Planung oder bereits Bau, die von der städtischen IBA nach strengen Gestaltungsvorschriften entwickelt wurden und sich eher an moderner Architektur orientieren.

Von diesen Neubauten dürften sich die drei Wohn-Gebäude am Posteck -- zumindest optisch – stark unterscheiden: So bleibt das Grundstück in der alten Anmutung, das Projekt ist zwar ein moderner Bau in Sachen Technik und Ausstattung, wirkt aber auf ersten Blick immer noch wie eine historische Hofstelle unter mächtigen Eichenbäumen, wie auch das Bauschild vermuten lässt.

Büro plant ein ähnliches Projekt auch in Wilhelmsburg

Wobei das Buxtehuder Architekturbüro auf solche Vorhaben im historischen Stil mittlerweile spezialisiert sein dürfte: Auf der Internetseite sind als Referenzprojekte zwar jede Menge neuer Bauten zu sehen, aber eben auch viele solcher ungewöhnlichen Vorhaben. Unter anderem baute das Büro auf dem Areal des legendären aber abgebrannten Jorker Restaurants „Herbstprinz“ kürzlich ein Mehrfamilienhaus im Altländer Stil, um das Ortsbild dort nicht zu sehr zu verändern.

Und ein ähnliches Projekt wie in Fischbek plant das Büro derzeit auch in Wilhelmsburg am Stillhorner Weg, wo ebenfalls direkt am Deich ein denkmalgeschütztes Gebäude zu neuem Leben umgebaut werden soll. Zukunft trifft dann auf Vergangenheit: - was auf das Posteck in Fischbek in ganz besonderer Weise zutreffen dürfte: Auch elektrische Ladesäulen planen die Investoren hier: Statt Pferde von Postkutschen können dann dort demnächst nun E-Autos versorgt werden.

Ein eher ungewöhnliches Projekt in Sachen Wohnungsbau lässt sich derzeit auch in Neu Wulmstorf entdecken. Am Erikaweg baut dort der Investor Ronald Mühr drei Doppelhäuser - und zwar vollständig aus Holz. Das Grundstück gehörte seiner Großmutter, die Häuser bleiben in Familienbesitz und sollen vermietet werden, sagt Mühr, der selbst in Wildeshausen wohnt.

Für das alte Neu Wulmstorfer Familiengrundstück habe er dann etwas Besonderes planen wollen. Zwar sei die Holzrahmenbauweise nicht günstiger als ein herkömmlicher Bau, aber die Bauzeit sei um Monate kürzer. Ideal sei die Holzbauweise fürs Raumklima: „Es ist darin einfach viel wohliger, die Wände nehmen die Feuchtigkeit besser auf.“ Als Schutz bekommt die Konstruktion zudem Putzfassade. Damit sollen die Häuser eine ebenso lange Lebensdauer wie Mauerwerksbauten haben.