Missbrauch-Debatte

"Original Play" an noch mehr Hamburger Kitas?

Kinder in einer Kita (Symbolbild).

Kinder in einer Kita (Symbolbild).

Nach Bericht über umstrittene Pädagogik bittet eine weitere Kita bei der Sozialbehörde um Beratung. Elbkinder lehnen die Methode ab.

Hamburg.  An wie vielen Hamburger Kitas hat die umstrittene Praxis „Original Play“ (ursprüngliches Spiel) stattgefunden? Das ist auch vier Tage nach Bekanntwerden der Missbrauchs-Vorwürfe noch nicht ganz klar. Die Sozialbehörde erklärte am Montag auf Abendblatt-Anfrage: „Im Rahmen der Berichterstattung zu dem Thema hat sich eine weitere Einrichtung an uns gewendet und um Beratung gebeten. Hierzu wird zeitnah ein Gespräch stattfinden.“ Unklar war, ob die Kita „Original Play“ praktiziert hat oder es ihr nur angeboten wurde.

Wie berichtet, hatte es in Hamburg und Berlin Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Zusammenhang mit „Original Play“ gegeben. Unter anderem stand ein Erzieher in Verdacht, sich in einer Kita im Hamburger Westen an einem dreijährigen Mädchen vergangenen zu haben. Die Ermittlungen waren jedoch eingestellt worden.

"Original Play" wurde an mehreren Kitas angeboten

„Original Play“ wurde von dem US-Amerikaner Fred Donaldson entwickelt. Seine Pädagogik setzt, angelehnt an das Herumtollen junger Wildtiere, auf sehr engen Körperkontakt von Erwachsenen und Kindern. Wie der evangelische-lutherische Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein, zu dessen Kita-Werk die betreffende Kita im Westen der Stadt gehört, dem Abendblatt mitgeteilt hatte, wurde die Methode bis Juli 2018 zeitweise an vier Einrichtungen angeboten.

Beim städtischen Träger Elbkinder, mit 187 Kitas der größte Anbieter der Stadt, wurde „Original Play“ hingegen nicht praktiziert. „Die Elbkinder stehen dem Konzept ablehnend gegenüber“, teilte das Unternehmen dem Abendblatt mit. Auch von entsprechenden Angeboten an Elbkinder-Kitas „ist uns nichts bekannt“, hieß es.

Grundsätzlich gelte: „Wenn externe Dienstleister beauftragt werden, lassen wir uns dort ebenso wie bei unseren eigenen Mitarbeitenden erweiterte Führungszeugnisse vorlegen. Körperkontakt und Umgangsformen von Kindern und Erwachsenen regelt bei den Elbkindern ein präventives Kinderschutzkonzept. Das Vorgehen von ,Original Play’ deckt sich hiermit nicht.“

Sozialbehörde hält "Original Play" für pädagogisch völlig ungeeignet

Auch die Sozialbehörde hält die Methode für pädagogisch völlig ungeeignet. Als sie 2017 erstmals eine Beschwerde über einen „Original Play“-Workshop an einer Hamburger Kita erhalten hatte, hatte sie alle Betreiber nochmals auf die Notwendigkeit von Führungszeugnissen auch für externe Mitarbeiter hingewiesen – insbesondere dann, wenn ihr Angebot „mit engem Körperkontakt verbunden“ sei, hieß es in dem Schreiben.

Dass damals nicht explizit vor „Original Play“ gewarnt wurde, erklärte die Behörde am Montag so: „Es handelt sich bei ,Original Play’ nicht um eine verbotene Praxis.“ Auch wenn die Behörde „ihre ablehnende fachliche Haltung dazu immer wieder deutlich gemacht“ habe, seien die Träger frei in der Gestaltung ihrer Pädagogik. Sie hätten aber auch die Verantwortung für den Schutzauftrag gegenüber den Kindern.

Evangelische Kirche und Diakonie warnen vor "Original Play"

Unterdessen haben die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Diakonie betont, dass sie den Einsatz der umstrittenen therapeutischen Spielmethode „Original Play“ in evangelischen Kitas ablehnen: „Wir warnen, die Methode ‘Original Play’ zu praktizieren, da es zu Grenzüberschreitungen im Umgang mit Nähe und Distanz kommen könnte“, hieß es am Montag in einer gemeinsamen Erklärung.

Pädagogische Konzepte, die durch Externe in die Kindertageseinrichtungen eingebracht werden, müssten immer zur Voraussetzung zu haben, dass sie das Wohl des Kindes einschließlich körperlicher und psychischer Unversehrtheit uneingeschränkt garantieren.

Mit Material von epd